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freizeit Leben, Liebe & Sex
05/09/2020

Stanglwirtin Maria Hauser: "Wir werden das schaffen“

Mehr als 250 Jahre hatte der berühmte "Stanglwirt" in Going bei Kitzbühel keinen einzigen Ruhetag – bis die Krise kam. Jetzt gibt es einiges zu besprechen. Von Barbara Reiter

Es ist ein eigenartiger Moment: In der Lobby des "Stanglwirt", wo sonst reges Treiben herrscht, ist es mucksmäuschenstill. Das erste Mal seit 250 Jahren. So lange hatte das Hotel keinen Ruhetag. Endlich ein Mensch. Maria Hauser betritt im Hoodie mit der Aufschrift "Leger" das Haus. Auch einzigartig, weil die Junior-Chefin vom Stanglwirt sonst eigentlich immer Dirndl trägt. "Ich komme grad von der Baustelle", erklärt sie ihren Look. Im Stanglwirt wird kräftig renoviert, ehe am 29. Mai Gäste wieder das Haus beleben. Dachsanierung, Bäder erneuern, eine neue Holzterrasse für die Kaiserwiese: Optimismus, den man derzeit selten findet.

freizeit: Maria, der Stanglwirt hatte 250 Jahre keinen Ruhetag. Wie war es für dich, erstmals durch das leere Haus zu gehen?

Maria Hauser: Zuerst hab’ ich mir gedacht, es wird sein wie in einem Geisterschloss. Es ist ein großes Areal, wir haben zwölf Hektar touristisch genutzte Fläche (etwa 16 Fußballfelder). Da halten sich jetzt nur die Familie, die Landwirtschaftsmitarbeiter und die Bauarbeiter auf. Ich habe aber festgestellt, dass es trotzdem gemütlich ist, weil es von meinem Vater so konzipiert worden ist. Er (Anm.: Balthasar Hauser) wollte nie ein klassisches Hotel bauen, sondern ein Daheim, wo Freunde zu Besuch kommen. Das zeigt sich jetzt.

Könnt ihr die Abstandsregeln einhalten?

Es gibt bei uns eigentlich keinen Platz, wo alle Gäste aufeinander treffen. Dann sind da die Freizeitanlagen wie Tennis, Reiten oder Golf, wo jeder auf Abstand gehen kann. Mein Papa und ich haben kürzlich festgestellt, dass es auf der Kaiserwiese genauso ruhig wäre, wenn Gäste hier wären. Liege für Liege würde jeder mit großem Abstand die Ruhe genießen. Da kommt uns die große Fläche durch den Bauernhof zugute. Das ist jetzt ein Riesenwert.

Kann in so einem großen Hotel überhaupt familiäre Atmosphäre aufkommen?

Meine Geschwister und ich sind im Stanglwirt aufgewachsen und sind hier wirklich daheim. Das ist kein Slogan. Wir haben mehr als 80 Prozent Stammgäste, die oft seit mehreren Generationen zu uns kommen. Viele Gäste, mit denen ich als Kind gespielt habe, kommen jetzt mit ihren Kindern, die wiederum mit meinen Kindern spielen. Es fühlt sich also trotz der Größe oft wie ein Familientreffen an. Ich glaube, das verdanken wir dem bäuerlichen Geist des Hauses. Jeder ist willkommen, man kann sich offen und ungezwungen begegnen.

Man liest, dass das Haus entstand, weil im 16. Jahrhundert die Pest gewütet hat.

Das war im Jahr 1564, als man zur Vorbeugung gegen die Pest Wein bei uns ausgeschenkt hat. Damals war man der Meinung, dass Wein die Gesunden vor der Krankheit bewahrt. Unsere Vorfahren sind das Risiko einer Ansteckung eingegangen, um den Menschen zu helfen. Deshalb haben sie die Konzession zur Ausschank erhalten.

Die Tourismusbranche ist derzeit besonders gefordert. Siehst du an der Situation für euch irgendetwas Positives?

Ich bin generell ein grundoptimistischer Mensch, das liegt bei uns in der DNA. Man muss sich damit abfinden, dass es hinauf, aber auch hinunter geht, wie in der Natur. Es braucht einen Winter, danach kommt ein Frühling. Ich habe mir eher Sorgen gemacht, wie das für meinen Vater wird. Er ist 73 Jahre alt und hat das Haus nie leer gesehen. Sogar während der Weltkriege war der Stanglwirt immer offen. Aber er geht so inspirierend damit um und meinte: "Wahrscheinlich waren wir zu schnell unterwegs und es hat eine Vollbremsung gebraucht."

Woher kommt dieser Optimismus denn?

Bei uns im Stanglwirt haben wir schon immer nach tiefgründigen Werten gelebt. Das sind urbäuerliche Philosophien, wo man mit viel Demut und Respekt an die Sachen herangeht. Wir haben zum Beispiel immer auch auf Reserven geschaut, falls dann mal ein Winter kommt – wie auf einem Bauernhof. Deshalb können wir voll Dankbarkeit sagen, dass wir das schaffen werden.

Was eure über 400-jährige Geschichte bestätigt. Trotz Pest, Napoleon und andere Katastrophen sitzen wir heute hier.

Natürlich ist das Virus fürchterlich und eine Herausforderung für uns. Aber den Vorfahren ist zwei Mal fast das ganze Haus abgebrannt. Die Geschichte zeigt,dass es immer weiter geht. Wichtig ist nur, jetzt nicht in Angst und Panik zu verfallen.

Die Frage ist, wie das bei den vielen Negativmeldungen gehen soll.

Ich glaube, wir müssen lernen, umzudenken. Vielleicht geht es nicht weiter wie gehabt, dafür anders. Wer sagt denn, dass das Gewohnte für uns auf lange Sicht gesund gewesen wäre? Man muss halt vielleicht wieder kleiner anfangen.

Geht das denn bei einem großen Hotel?

Es ist ein Rechenbeispiel, wo man schaut, wie viel Auslastung es braucht, um die Fixkosten abzudecken. Wir stellen gerade verschiedene Überlegungen an, müssen aber abwarten, was mit den Nachbarländern passiert. Natürlich hat man Möglichkeiten zu sagen, wir öffnen vorerst nur gewisse Teile des Hauses. Wir streben das aber nicht an und möchten den Gästen die kompletten Leistungen anbieten, sonst kann man den gewohnten Preis nicht rechtfertigen.

Dein Vater Balthasar ist das Gesicht des Stanglwirt. Wie gehst du damit um?

Ich war vorhin auf der Baustelle, weil ich meinen Vater bei der Gestaltung des Hauses unterstützen darf. Er hat eine ganz eigene Handschrift entwickelt, deshalb ist es auch schwierig, das zu kopieren. Es ist einfach unsere Identität. Der Papa hat sich immer am alten Haus orientiert. Das Neue sollte immer das Alte ehren und das Alte ist ein Biobauernhof, aus dem alles entsprungen ist.

Wo zeigt sich der Bauernhof eigentlich im Luxushotel?

Es gibt viele Betriebe, die aus einer Landwirtschaft entstehen, die dann aber meist weichen muss. Bei uns ist der Misthaufen seit 400 Jahren an derselben Stelle, rundherum sind die teuersten Suiten. Die Leute finden das großartig, weil sie spüren, dass das keine Show ist. Sie sind wirklich auf einem Bauernhof, der jetzt mit 30 Mitarbeitern ja auch weiterläuft.

Was ist mit den restlichen Mitarbeitern?

Von 300 Mitarbeitern stehen immer noch 160 auf unserer Payroll. 130 sind in Kurzarbeit, 30 arbeiten normal. Mit den anderen Mitarbeitern haben wir Einvernehmliche Lösungen mit Wiedereinstellungsgarantie vereinbart. Jeder Einzelne liegt uns am Herzen und wir glauben fest daran, dass es mit dem gesamten Team weitergeht.

In der Krise sieht man, wie alles mit allem verbunden ist. Ohne Mitarbeiter kein Hotel und ohne Hotel keine Mitarbeiter ...

Das merkt man in dieser Zeit wirklich mehr denn je. Dem Virus ist es egal, ob reich oder arm, Superstar oder nicht. Alle mussten in Quarantäne und das Problem betrifft fast jede Branche auf der ganzen Welt. Was wir jetzt gerade auch lernen müssen, ist, im Moment zu leben.

Maria Hauser, 37, wurde 1983 geboren. Sie hat einen älteren Halbbruder und zwei jüngere Geschwister, die wie sie im Stanglwirt tätig sind. Schon als Kind unterstützte Maria ihren Vater Balthasar im Hotel, half bei der  Gestaltung des Kinderbauernhofs, assistierte in der Küche und half den Zimmermädchen. Nach der Matura studierte sie "Tourism and Hospitality Business Administration" in Sydney und zog weiter nach Kalifornien, wo sie in San Diego im einzigen Leading Hotel als  Special Event Managerin arbeitete. Sie organisierte dort Society-Veranstaltungen mit bis zu 3.000 Gästen. 2006 kehrte Hauser nach Österreich zurück  und wurde im Stanglwirt  Direktionsassistentin.  Mittlerweile ist sie  Juniorchefin und gemeinsam mit ihrem Vater Balthasar, 74, für die Innengestaltung des Hauses verantwortlich, ebenso für Wellness, Spa  und die Weißwurstparty. Hauser ist geschieden und  Mama von Leni  und Anna.

Wie werden wir wohl in zehn Jahren über diese Zeit denken?

Es kann sein, dass wir sagen, das hat es damals leider gebraucht, um genau da zu stehen, wo es gut für uns ist. Oder wir sagen, das alles war eine absolute Vollkatastrophe. Wenn ich mich zwischen diesen beiden Bildern entscheiden kann, wähle ich lieber das Positive. Einige sagen, dass die Krise nichts verändern wird und derselbe Trott wie vorher zurückkommt – weil der Mensch sich nicht ändert. Ich glaube schon, dass einiges anders wird. Für Unternehmen, die wahre Werte leben und sinnorientiert agieren, könnte das alles eine Riesenchance sein. Die Leute werden sich in Zukunft bewusst viel mehr für Authentizität, Sicherheit und Vertrauen entscheiden.

Gibt es Sicherheit überhaupt noch?

Ich denke, das kann man am besten mit dem Wort "Nestwärme" beschreiben. Wo man sein kann wie man ist und Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen erfährt. Es geht wieder mehr um Werte wie Traditions- und Naturverbundenheit, Ehrlichkeit und Bodenständigkeit. Das ist auch für uns als Stanglwirt schön, weil wir in dieser Zeit wieder mehr als das wahrgenommen werden, was wir eigentlich sind und nicht vorwiegend als Promihotel.

Irgendwoher muss die Vorliebe der Promis für den Stanglwirt ja kommen ...

Wenn Persönlichkeiten aus dieser Branche Freizeit haben, schauen sie, wo sie Erdung finden und als Mensch wahrgenommen werden, nicht als Star. Sie wollen Normalität verbunden mit Luxus. Dieser unaufgeregte Luxus wird immer mehr kommen.

Was willst du zum Schluss noch sagen?

Dass man selbst in den schlimmsten Zeiten versuchen soll, den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Weil sonst müsst man jeden Tag rearen (Anm.: weinen) So kommen wir aber nicht weiter.

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