An den Wänden des Tempels von Philae fand sich das Rezept eines der wichtigen  Öle – „Hknw“ (Freude) – eingemeißelt.

© Kurier/Novy Gilbert

freizeit Leben, Liebe & Sex
05/18/2021

So rochen die Tempel der Pharaonen

In ägyptischen Heiligtümern wurde gesalbt, geräuchert und gegrillt, was das Zeug hielt. Heraus kam ein olfaktorisches Sammelsurium.

von Susanne Mauthner-Weber

Betreten wir mit Dora Goldsmith die winzige Kultkammer des ägyptischen Tempels von Edfu. Oder die in Dendera. Oder Philae. Für unser Gedankenspiel ist das nicht ausschlaggebend. Viel wichtiger ist es, jetzt die Augen zu schließen, sich die innerste, dunkelste und kleinste Kammer des Heiligtums vorzustellen, wo die Statue des Gottes – gesalbt mit Honig und gekleidet in lotosöl-getränkte Gewänder – aufbewahrt wurde. Und zu riechen: Weihrauch steigt in unsere Nase, dazu Myrrhe, der Duft von frischen Blüten, grünen Kräutern, reifen Früchten.

Und der von Gazellen-Steak mit Bier.

Fleisch, Wein, Milch, Brot, Räucherwerk, Blumen ... alles vereint sich in einem winzigen abgeschlossenen Raum zu einer wilden Mischung, die nur einen Zweck hatte: „Die Götter glücklich zu machen“, erzählt Goldsmith. Sie muss es wissen, ist die Doktorandin an der Freien Universität Berlin doch Ägyptologin. Spezialgebiet: Geruchswelten des Alten Ägypten.

Dora Goldsmith: 35 Jahre jung und  in Ungarn geboren, hat Goldsmith  Ägyptologie und Archäologie studiert.  Ein Kurs über „Archäologie der Sinne“ brachte sie auf die  richtige Fährte: Sie spezialisierte sich auf das Riechen im Alten Ägypten  

Online: In Duftworkshops teilt Goldsmith ihr Wissen über Geruchslandschaften: Der Duft der Mumifizierung (23. Mai), der Tempel (27. Juni), der Gärten (11. Juli) oder des Liebemachens (18. Juli).
Infos und Anmeldung: https://illuminatedperfume.com

 

„Kein Ägyptologe kam bisher auf die Idee, über die Gerüche im Alten Ägypten zu forschen“, sagt sie und mutmaßt: „Über Gestank redet man ja nicht so gerne, vor allem als Wissenschafter, denn dann kommt man als unseriös rüber“. Heute gehört sie zu den Pionieren des neuen Forschungsgebietes „Geruchslandschaften“. Goldsmith interessiert sich für Tempel, Gärten, Gräber und den Duft der Liebe. „Man fokussiert sich an bestimmten Orten nicht auf das, was man sieht, sondern das, was man riecht“, erklärt sie.

Dazu durchkämmt sie uralte Schriften auf der Suche nach Hinweisen: „xnm bedeutet riechen, bhd Räucherwerk verbrennen, id.t Parfum, sTi nTr (ausgesprochen setschi netscher) ist der göttlichen Duft“. Goldsmith hat mittlerweile alle Wörter, die mit Duft zu tun haben, in eine Datenbank eingespeist. Danach hat sie alle Bücher mit Blick darauf durchforstet, um herauszufinden, welche Texte für ihre Forschung relevant sind. Dabei wurde immer klarer: „Für die Alten Ägypter waren Düfte wichtiger Teil ihres Glaubenssystems.“

Workshops

Mittlerweile gibt die Ägyptologin Workshops zu den Gerüchen des Alten Ägypten, und eine interessierte Laienschar aus aller Welt hat sich an einem Sonntagabend vor dem Bildschirm versammelt. Goldsmith zeigt den Grundriss des Tempels von Edfu.

An den Wänden dort fand sich das Rezept eines der wichtigen Öle – „Hknw“ (Freude) – eingemeißelt. Goldsmith: „Zum täglichen Tempelritual gehörte es, die Statuen damit einzureiben.“ Und weiter: „Der Duft war genauso wichtig wie die Architektur. Hier im heiligen Bezirk hatte nur der König Zutritt, und seine tägliche Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass die Götter sich wohlfühlen und anwesend sind.“ Dazu wurde gesalbt, parfümiert, geräuchert, geopfert, gekocht und gegrillt, was das Zeug hielt. Nur das Beste war gut genug. „Der Tempel spiegelte die Realität – Natur, Wasser, Himmel, alles sollte so wie draußen sein. Nur perfekt“, erklärt die Ägyptologin.

Ägypter und Götter lieben Fleisch

Im Workshop trägt Goldsmith Duft-Texte vor: „Je fetter das Fleisch war, das im Tempel auf den Grill kam, desto mehr Rauch entwickelte sich. Für die Ägypter war das ein wundervoller Geruch. Und für die Götter auch. Der Fleischgeruch war ein Zeichen für Frieden.“ Wir lernen also: Alte Ägypter liebten Fleischgeruch. Aber ja keinen Fisch. Wer je Fisch gegessen hatte, durfte niemals Priester werden und die perfekte Welt des Tempels betreten. Konsequenterweise steht die Hieroglyphe Fisch für den Gestank schlechthin – und für das Böse.

Olfaktorische Mixtur

Jeder Duft war ein Symbol für irgendetwas, ist Goldsmith überzeugt. Allen gemeinsam: Sie sollten die Götter in den Tempel locken. Dann zog das olfaktorische Sammelsurium Richtung Himmel, war also überall. Damit waren auch die Götter überall. Das war wichtig, nur so konnte es Frieden in Ägypten geben.

Mittlerweile hat Goldsmith auch den Duft der Einbalsamierung rekonstruiert. „Flechte, Sägespäne von Koniferen, Wacholderbeeren, Selleriesamen und Harze dominieren, dazu ein Unterton von etwas ganz, ganz Altem. Riecht sehr gut und sauber.“

Düfte seien omnipräsent gewesen: „Tempel, Privathäuser, Straßen, Werkstätten, Nekropolen: Alles hatte einen sehr charakteristischen Geruch. Auch die Menschen nutzten meist mehrere starke Parfüms gleichzeitig“. Duftende Perücken und geräucherte Kleider trafen auf gesalbte Körper.

Die Alten Ägypter gehörten zu den Ersten, die Gerüche dokumentierten und bewerteten.

Dora Goldsmith | Ägyptologin

„Geruchsforscher haben mittlerweile herausgefunden, dass sich überall im menschlichen Körper Geruchsrezeptoren befinden, auch in der Haut.“ Essenzen lösen körperliche Reaktionen aus. „Das wussten bereits die Alten Ägypter: ,Der Duft erfüllt deinen Körper‘“, heißt es im Tempel von Dendera. Sie waren es auch, die als Erste erkannten, dass wir mit der Nase essen. Der Geruch war wichtiger als das Schmecken“, denkt die Forscherin.

Apropos Schmecken

Bleibt noch, aufzuklären, was mit all dem Zeug passierte, das Tag für Tag in die Tempel gekarrt und den Göttern vorgesetzt wurde. Goldsmith hat eine Vermutung: „Die Priester haben es verdrückt.“ Das durfte aber nicht niedergeschrieben und publik werden, hieße das doch, dass die Götter nicht existieren.

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