Franziska Haberler.

© Franziska Strobl

freizeit Leben, Liebe & Sex
06/11/2020

Schule auf hoher See: Lernen während einer Weltreise

Sehr gut: Franziska Haberler hat ihre vier Kinder vier Jahre lang auf ihrem Katamaran unterrichtet.

von Uwe Mauch

Eintrag aus ihrem Logbuch: „Wir lernen wirklich regelmäßig. Täglich gibt es Übungen in Mathematik, Lesen, Schreiben und oft auch in Englisch. Wir trainieren intensiv die Basiskompetenzen. Jedes Kind muss selbstständig Aufgaben lösen. Nach einigen Monaten der Eingewöhnung können sich die Kinder auch selbst ein realistisches Pensum setzen.“

Franziska Haberler ist mit ihrem Mann Peter und ihren vier Kindern auf einem knapp 14 Meter langen Katamaran über Atlantik und Pazifik gesegelt. Vom lettischen Riga zu den Kanaren, von dort weiter nach Jamaika, dann durch den Panamakanal zu den Galapagos-Inseln, am Ende bis nach Indonesien.

Die ausgebildete Sprachwissenschafterin hat über ihre Reise ein Buch geschrieben (siehe unten). Darin beschreibt sie eindrucksvoll ihren sehr persönlichen Umgang mit der Angst.

„Die Angst kommt auf hoher See zwangsläufig“, erzählt Haberler nach der Rückkehr aufs Festland. Man müsse lernen, sie anzunehmen: „Weil wenn du mitten in einem Sturm bist, wenn du den Regen waagrecht daherkommen siehst und schon seit Tagen kein Land mehr gesehen hast, kannst du nicht einfach im Schock erstarren. Dann musst du dich für das Weiterleben entscheiden.“

Einprägsam sind auch ihre Berichte übers Familienleben an Bord. Oft wurde Franziska Haberler gefragt, ob denn das alles gut für ihre Kids sei. Dabei schwang zumeist ehrliche Sorge mit. Immerhin hatte kaum jemand in unseren Breitengraden bis Mitte März Erfahrungen mit alleinigem Lehren der Kids.

Auf ihrer großen Reise hat die Pädagogin beobachtet, dass ihre Kinder enorm aufnahmebereit waren. Nach Einbruch der Dunkelheit lernten sie etwa alle Himmelskörper kennen. Bekanntschaft mit Haifischen machten sie nicht im Zoo. Kokosöl können sie selbst herstellen.

Schätzen lernten sie auch den hohen Wellengang. Denn da bekamen sie von ihrer Lehrerin „schaukelfrei“.

Meilensteine

Gut in Erinnerung ist Franziska Haberler die Fahrt von den Galapagos- zu den ostpolynesischen Marquesas-Inseln: „Das ist die längste landfreie Strecke auf dem Pazifik.“ Nach fünf Tagen auf See, kein Ankommen abzusehen, das Boot schaukelte wie eine Nussschale in meterhohen Wellen, die Wolken wirkten bedrohlich, las die Crew die Zahl 1998 auf dem Navigationsgerät ihres Segelboots. So viele Seemeilen waren es noch bis zu den Marquesas.

„1998 war ein Meilenstein für mich, das war mein Maturajahr“, habe sie ihren in warme Decken gehüllten Kindern erzählt, während die Seemeilen weiter nach unten zählten. Bei 1989 und 1968 begann sie von Biografie- auf Geschichtsunterricht umzuschwenken. „1945, 1939, 1918, 1914 – zu jeder Meile gab es eine Geschichte.“

Während der mehrmonatigen Zwischenstopps gingen ihre Kinder auch zur Schule. In Jamaika und Panama lernten sie neben der englischen die spanische Sprache. In Phuket Thai und Mandarin sowie Thai-Boxen, Aerial Silk und Yoga. „Überall ist ihnen daher am Ende der Abschied schwergefallen“, betont Franziska Haberler. Somit mussten sie früh in ihrem Leben lernen: „Reisen bedeutet auch Abschied nehmen.“ Immerhin half überall die Aussicht auf neue Abenteuer.

Am Ende kam die Familie sicher nach Österreich zurück. Die älteste Tochter hat inzwischen mit Auszeichnung maturiert, spricht vier Sprachen und studiert Musik in Zürich. Ihre beiden Brüder gehen in ein Gymnasium in Graz und haben dort null Probleme mit dem Mitkommen, im Gegenteil. Und die jüngste Tochter besucht die zweite Klasse Volksschule, sie spricht fließend Englisch.

Franziska Haberler hat für den Schulerfolg ihrer Kinder auch eine Begründung, und die sollte den Verantwortlichen im heimischen Bildungsbereich zu denken geben: „Schule ist mehr als die Summe ihrer Gegenstände.“

Seit einem Jahr unterrichtet die Rückkehrerin, die in Bielefeld ihr eigenes Lokal geführt und in Brüssel für das Europaparlament gearbeitet hat, andere Kinder, und zwar als Fellow der gemeinnützigen Bildungsinitiative „Teach for Austria“ in einer Neuen Mittelschule in Wien.

Sie hat gute Gründe dafür: „Ich durfte in meinem Leben so viel sehen, so viel erleben, gemeinsam mit meiner Familie. Für mich ist es nun an der Zeit, etwas zurückzugeben.“

Zum Nachlesen: „Pinne halten & Kimme jäten: Erfahrungen einer waxenden Weltbeseglerin“ (ISBN 978-3-200-06487-4). Das Buch ist im Eigenverlag erschienen und kann daher auch direkt bei der Autorin bestellt werden. Nähere Infos hier.

Zum Nachahmen: Die gemeinnützige Initiative „Teach for Austria“ bildet seit vielen Jahren Fellows für den Einsatz in sogenannten sozialen Brennpunktschulen aus. Neuerdings gilt dieses Angebot auch für ältere Semester. Nähere Infos hier.

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