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03/21/2021

Caritas-Chef: "Wir brauchen ein Rezept gegen die Hoffnungslosigkeit"

Klaus Schwertner, Chef der Caritas Wien, über sein neues Buch, Social Media und Begegnungen, die Mut machen.

von Julia Pfligl

Seine Postings sind gespickt mit Herz-Emojis und Nächstenliebe: Wer Klaus Schwertner (44) auf Twitter, Facebook oder Instagram folgt, bekommt das Gefühl, dass die Welt doch nicht so kalt ist, wie sie oft erscheint. Der Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien gibt den Ärmsten eine Stimme und setzt sich on- und offline unermüdlich für das Gute ein. So heißt auch sein erstes Buch, das heute erscheint: „Gut, Mensch zu sein“ soll in einer Krisen-Zeit den Blick für das Positive schärfen. Im Interview erzählt der Vierfach-Vater in roter Caritas-Jacke und Öko-Sneakers von inspirierenden Begegnungen und seiner Rolle als „Sinnfluencer“.

KURIER: Wenn Sie an das vergangene Jahr denken – welche Begegnung hat Sie besonders geprägt?

Klaus Schwertner: (überlegt lange) Mir fallen zwei ein. Zum einen eine alleinerziehende Mutter, die sich an die Caritas gewandt hat. Vor der Krise hatte sie ein gutes Leben, ein kleines Kosmetikstudio, eine Wohnung. Von einem Tag auf den anderen sind ihre Erlöse weggebrochen, auch das Ersparte war rasch weg, sodass sie sich Geld aus dem Sparschwein ihrer Tochter leihen musste. Die Scham, Hilfe anzunehmen, war groß. Das hat mich sehr beschäftigt.

Und die zweite?

Kurz vor dem ersten Lockdown habe ich das Camp Moria auf Lesbos besucht. Ich war fassungslos, unter welchen Umständen geflüchtete Familien dort ausharren müssen. Ein zehnjähriges Mädchen kam auf mich zu und sprach mich keck auf Englisch an. Sie erzählte mir, dass sie seit zwei Jahren nicht zur Schule gehen kann und mit ihrer Mutter Englisch lernt. Sie hat ein klares Ziel: Sie möchte Lehrerin werden. Da sitzt ein Mädchen im Dreck und erklärt, sie wünscht sich, dass alle Kinder zur Schule gehen können. Das macht demütig.

Was überwiegt nach einem Jahr Pandemie – Zusammenhalt oder Spaltung?

Ein Kollege, der vor dem Balkan-Krieg geflüchtet ist, sagte mir im Juni: Krisen haben immer zwei Phasen – die erste ist geprägt von Solidarität, die zweite von Disziplin. Gefühlt befinden wir uns seit September in der zweiten Phase. Die Hilfsbereitschaft ist immer noch groß, das sehen wir in der Caritas jeden Tag, aber die Empörung ist spürbar, die Nerven sind angespannt. Das ist mit ein Grund, warum ich dieses Buch schreiben wollte: Ich glaube, dass wir nicht nur eine Schutzimpfung gegen das Virus brauchen, sondern auch ein Rezept gegen die Hoffnungslosigkeit, die wir gerade erleben. Mit dem Buch möchte ich Bock auf das Gute machen.

Im Netz sind Hass und Empörung extra laut. Kann man dort etwas bewegen?

Ein Like verändert nicht die Welt, aber es kann der Beginn sein. Wichtig ist, dass wir die Komfortzone verlassen: Nur vor dem Smartphone sitzen und sich auskotzen, wie schrecklich alles ist, reicht nicht. So oft höre ich den Satz, wir können ja die Welt nicht retten. Ich glaube doch – jeden Tag können wir mitwirken, sie ein bisschen heller, menschlicher und gerechter zu machen.

Wie schaffen Sie es selbst, die Hoffnung nicht zu verlieren?

Auch ich hatte schon heftige Krisen und bin dankbar für die Menschen, die mich aufgefangen haben. Im Job erlebe ich jeden Tag so viele Geschichten, die Mut machen – wie der Obdachlose, der in der Gruft seinen Schlafsack zusammenrollt und mit strahlenden Augen erzählt, dass er seine Wohnung beziehen kann. Mir hilft es, in meinen Social-Media-Accounts diese Geschichten zu erzählen, dabei meine eigene Verletzlichkeit anzusprechen. Das ist ein Balanceakt, weil man mit jeder Geschichte ein Stück von sich selbst preisgibt.

Im Buch bedanken Sie sich bei Ihrer Frau, dass Sie Ihre „innere Unruhe“ aushält. Treibt Sie diese Unruhe an?

Da müsste ich eigentlich meinem ganzen Team danken. (lacht) Ich kann wohl sehr fordernd sein, die Wut über Ungerechtigkeiten war bei mir schon als Kind stark ausgeprägt. In der Vergangenheit wollte ich oft mit dem Kopf durch die Wand, habe Menschen irritiert und verletzt, was mir heute leidtut, weil das ja nie meine Absicht war. Über die Jahre habe ich gelernt, diese Wut in Energie und Antrieb umzuwandeln.

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Streichelt Helfen manchmal auch das Ego?

Ja, und das ist meines Erachtens auch okay. Auch ein barmherziger Samariter kann in eigener Sache für das Gute im Einsatz sein. Daran schließt ja eine Erfahrung an, die ich und viele andere immer wieder machen: Es fühlt sich einfach besser an, ein Gutmensch und kein Ungustl zu sein. Es gibt auch gute egoistische Gründe, um ein Altruist zu sein. Entscheidend ist, in die Gänge zu kommen, Gutes zu tun.

Sie haben sich als Influencer für das Gute einen Namen gemacht – schlüpft man da manchmal auch in eine Rolle?

Ich versuche, mich so zu verhalten wie sonst auch, gleichzeitig verleiten die sozialen Medien natürlich dazu, sich besser darzustellen. (lacht) Ich hätte mich selbst nie als Influencer bezeichnet, stelle aber fest, dass sich mittlerweile eine gewisse Community ergeben hat. Ich versuche aber immer, den Schritt ins wirkliche Leben zu machen, damit echte Begegnung möglich wird.

Info: Am 24. 3., 19 Uhr, spricht Klaus Schwertner mit Bloggerin Dariadaria auf Youtube über sein Buch. Details unter www.styriabooks.at

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