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08/02/2021

Post- und Ansichtskarten: WhatsApp der Monarchie

Freiwillige haben die Bestände des Wien Museums bearbeitet. Historiker stießen nun auf manche Überraschung.

von Uwe Mauch

Der Kavalier schreibt seinem „verehrten Fräulein“, welches in der Gartengasse in Wien V zu Hause ist, laut Poststempel am 30. Oktober anno 1907: „Selbstverständlich komme ich, mit größtem Vergnügen! Aber vorher müssen Sie, verehrtes Fräulein, meiner Unwissenheit noch ein wenig nachhelfen: (...) Sie sehen, ich bin furchtbar neugierig. Auf ein Wiedersehen freut sich Ihr ...“

Es sind private und doch öffentliche Nachrichten wie diese, die den Kurator im Wien Museum, Sandor Békési, zur Zeit beschäftigen. Das Haus am Karlsplatz ist derzeit – wie berichtet – wegen Umbaus geschlossen. Ein idealer Zeitpunkt auch für Békési, um in den Depots spannende Bestände zu durchforsten.

Fast 2000 topografische Ansichtskarten wurden zuletzt in einer unerwartet schnell fruchtenden Crowd-Sourcing-Kampagne von Freiwilligen für die Forschung online transkribiert und dort, wo es notwendig war, auch ins Deutsche übersetzt.

Manches Schmankerl gelangt zum Vorschein: Unser eingangs zitierter Kavalier hat offenbar mehr als eine Flamme am Köcheln. Beinahe zeitgleich ließ er seine auf der Postkarte so titulierte „Liebste Dela!“, eine Frau Ingenieur aus der Radeckgasse in Wien IV, wissen: „Bin mit großem Vergnügen bereit, morgen zu kommen, wenn ich nicht störe.“

Kurator Sandor Békési will die „Kartomanie“, wie er sie nennt, in der Monarchie noch genauer untersuchen: „Wir wissen von Zeitzeugen, dass sie sich eigene Schränke für die Ablage ihrer Post- und Ansichtskarten-Alben anfertigen ließen. Damit fanden die Karten auch Eingang in die bürgerliche Wohnkultur.“

Speziell interessieren den Stadtforscher die Texte jener Postkarten, die innerhalb von Wien verschickt wurden: „Da wurden Treffen vereinbart und auch andere tagesaktuelle Informationen ausgetauscht.“ Möglich war diese Frühform von SMS oder Whatsapp durch ein aufwendiges Service, das die Post vor dem Ersten Weltkrieg in der Kaiserstadt eingerichtet hat.

Dazu Békési: „Die Post wurde damals bis zu acht Mal pro Tag zugestellt.“

Mit Interesse studiert der Kurator, der im Museum der Stadt Wien unter anderem für Kartografie, Umwelt- und Verkehrsgeschichte zuständig ist, auch die – weil teurer – deutlich weniger oft gesendeten Ansichtskarten. „Wobei die Motive im Gegensatz zu heute als die Rückseite galten.“

Zu Recht! So sendet ein gewisser Carletto streng Vertrauliches an einen Vertrauten in Wien – samt „Gruß vom Leopoldsberg“. Die Karte (siehe oben) ist nebenbei bemerkt ein schöner Beleg für ein kaum wertgeschätztes Handwerk, jenes der Ansichtskartenmaler.

Für Historiker, die eine andere Geschichtsschreibung als jene der rein auf die Habsburger fokussierte im Auge haben, sind die Texte auf den Karten jedenfalls eine zusätzliche Option. Kurator Békési: „Es gibt noch viel zu entdecken, auch für uns.“

Einladung an KURIER-Leser: Das Crowdsourcing ist so gut wie abgeschlossen. Jetzt sucht das Wien Museum noch Freiwillige, die tschechischsprachige Texte von Ansichtskarten übersetzen können. Informationen hier.

Ansichtssache: Die mit der Hand beschriebene und von Briefträgern zugestellte Ansichtskarte feiert eine Art Renaissance. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, jedenfalls hat die Österreichische Post AG keine. Bekannt ist jedoch, dass jene mehr werden, die aus ihrem  Urlaub nicht nur Fotos posten

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