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03/03/2021

„Man kann nicht nicht konsumieren“

Shoppen mit gutem Gewissen. Ökologisch, fair und nachhaltig soll es sein – wer heute bewusst einkaufen will, hat es nicht leicht.

von Laila Docekal

Einkaufen bei großen Handelsketten ist verpönt, in der Pandemie haben Online-Einkäufe noch mehr an Bedeutung gewonnen und viele werben mit Nachhaltigkeit, wo keine drin ist. Die Aktivistin und Autorin Nunu Kaller beschäftigt sich seit Jahren mit vermeintlich gutem Konsum. Im Interview mit dem KURIER spricht sie über die Öko-Tricks der Unternehmen, die Servicewüste Österreich und verrät, ob man ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man sich in ein Paar Schuhe verliebt, das nicht nachhaltig produziert wurde.

KURIER: Onlineshopping wird gerne als böse hingestellt, einkaufen im Geschäft nebenan als gut – kann man das so pauschalisieren?

Nunu Kaller: Nein, eCommerce ist gekommen, um zu bleiben. Das wäre auch ein Rückschritt, zu versuchen, den kleinzukriegen und es hat ja auch große Vorteile. Es braucht aber faire Spielregeln für den eCommerce. Und die dürfen nicht so aussehen, dass jeder stationäre Laden brav seine Steuern hier entrichten muss, während der internationale Internet-Gigant völlig drauf pfeifen und damit Preise anbieten kann, bei denen andere nicht mehr konkurrenzfähig sind.

Sie haben selbst ja auch mit Beginn der Pandemie ein Shoppingportal eröffnet – wie erfolgreich läuft das derzeit? Das Kaufhaus Österreich ist ja gescheitert ...

Bei mir ist auch eine Datenbank dahinter geschaltet und es kostet mich nicht 127 Euro pro Unternehmer. Ich habe doppelt so viel Unternehmen wie das Kaufhaus Österreich auf meiner Seite und es rennt super. Es ist eine Liste von Unternehmen, die kontaktlos Bestellungen liefern, die einen eigenen Online-Shop haben und in Österreich ihre Steuern zahlen. Ich habe immer noch sehr gute Userzahlen. Und ich bekomme viel Rückmeldung, dass die Leute bei mir finden, was sie suchen. Was mich traurig stimmt ist, dass derzeit die Zahl der Mails steigt, in denen sich Leute wieder rausstreichen lassen, weil sie in Konkurs sind.

 

In Geschäften wird man auf der Suche nach einem Produkt immer öfter auf die Homepage verwiesen, um dort zu bestellen – ist das ein guter Weg?

Zum einen ist das bei manchen sicher eine Ausnahmesituation in der Pandemie, weil die Geschäfte nicht mehr anständig planen konnten – da geht’s um den Lagerplatz. Zum anderen ist das auch die Servicewüste Österreich. Da sind andere Länder weitaus besser unterwegs. In Sachen Digitalisierung darf man im Laden am Tablet z. B. die Produkte mit Beratung durchschauen. Österreich hat den eCommerce der letzten 20 Jahre verschlafen, aber seit Corona passiert da schon einiges. Es gibt aber auch das gegenteilige Beispiel: Eine Freundin hat ein Schuhgeschäft mit einer bestimmten Marke – und die Leute kommen zu ihr, probieren unterschiedliche Schuhe an und bestellen sie dann woanders online, weil Sie es dort um drei Euro billiger kriegen.

Wie kann man das Problem lösen?

Es braucht wieder ein Bewusstsein, in welchen Bereichen persönliche Beratung wichtig ist. Das ist im Geschäft ja nicht irgendeine anonyme Person. Es ist eine Person, die in der gleichen Stadt wohnt wie wir, die Steuern zahlt wie wir, die genauso ein gutes Leben haben möchte. Ich glaube aber auch, dass auf der Unternehmensseite Services neu gedacht werden müssen. Im Vergleich zu den USA hinkt Österreich hinterher. Die haben Dienstleistungen dort verstanden und wissen wie's geht, sind zuvorkommend usw. Auf der anderen Seite braucht es auch von Konsumentenseite mehr Bewusstsein: Wie soll unser Stadtbild aussehen? In welcher Welt wollen wir leben und wie können wir dazu beitragen?

Ist nachhaltiger Konsum nur die Verantwortung der Konsumenten?

Nein, ich bin früher selber hausieren gegangen mit der Aussage: mit deiner Geldbörse hast du die Macht. Unternehmen wollen nicht, dass du schön, schlau, schlank und gut angezogen bist. Sie wollen dein Geld und setzen Geld ein, damit sie dir noch mehr Geld aus der Tasche ziehen können. Das heißt, du kannst entscheiden, welches System du unterstützt. Das stimmt immer noch.

Aber ich halte diese Macht der Konsumenten nach jahrelanger Beschäftigung inzwischen für enden wollend, weil große Unternehmen mittlerweile auch verstanden haben, dass sie genau mit diesem Argument hausieren gehen können. Das heißt, große Unternehmen sagen dem kleinen Endkonsumenten: Du hast es in der Hand, du kannst die Welt retten. Mit Macht geht Verantwortung einher und diese Unternehmen schieben diese weg von sich.

Wer sollte die Verantwortung übernehmen?

Wenn Unternehmen anfangen von freiwilliger Selbstverpflichtung zu sprechen oder von Unternehmenskooperationen, wo windige Gütesiegel mit grünem Stempel gemacht werden, ist das nicht nachhaltig. Und freiwillige Selbstverpflichtungen werden oft gar nicht eingehalten. Daher braucht es da wirklich stärkere Regelungen von der Politik. Egal, ob es um Transparenz in der Lieferkette geht, um Umweltstandards oder um eine Digitalsteuer, damit für den eCommerce auch faire Bedingungen herrschen.

Sie beschäftigen sich auch viel mit Social Media und Influencern – da gibt es ja den Trend zu bewusstem Konsum. Allerdings sieht man da oft, dass nachhaltig produzierte Deko-Objekte schnell durch andere ausgetauscht werden. Auch nicht nachhaltig, oder?

Bei Influencern ist es oft wie bei uns Normalsterblichen. Es fehlt die Information und das ist auch der Haken bei uns Konsumenten: Man könnte sich mit jedem Produkt stundenlang auseinandersetzen und hat im Endeffekt wahrscheinlich immer noch kein finales Bild, wie nachhaltig das Produkt ist. Ich habe selbst viele Jahre gebraucht, um an den Punkt zu kommen, wo ich jetzt bin – und ich weiß auch noch nicht alles, bei vielem fehlt mir noch der tiefe Einblick. Viele Influencer machen es aber auch richtig und wahrscheinlich konsequenter als ich.

Was ist denn nun guter Konsum? Wie kann der alltägliche kritische Konsument, der nicht ständig mit der Lupe einkaufen gehen will, nachhaltig einkaufen?

Das eine ist die Reduktion des Konsums vom derzeitigen Level weg. Das meine ich jetzt nicht nur individuell, weil da höre ich garantiert von Leuten, dass sie eh so wenig kaufen. Ich meine das auch gesamtgesellschaftlich.

Das andere ist, sich mit dem eigenen Konsum bewusst auseinanderzusetzen und sich zu überlegen: Hab ich mir dieses Haargummi jetzt gekauft, weil ich es gebraucht hab oder weil es mir gefallen hat? Oder weil ich Bauchweh gehabt habe? Ich halte ein Plädoyer dafür, dass man nicht so Schwarz-weiß denkt, sondern dass man sich den eigenen Weg sucht, der für einen selbst funktioniert. Frei nach Paul Watzlawick: Man kann nicht nicht konsumieren.

Was sind denn die häufigsten Verkaufstricks in Geschäften?

Verkaufssteigernde Maßnahmen gehen bis hin zu perfidem Neuromarketing. Wir sind nirgends so gut untersucht, wie in einem Supermarkt – auch ohne Bonus Club Mitgliedschaft. Die wissen genau, welche Temperatur es haben muss, welches Licht gut ist. Was muss auf Augenhöhe hängen? Was weiter unten? Wie müssen die Sachen angeordnet sein? Das Bier ist das meistverkaufte Produkt im Supermarkt – deswegen ist das Bier immer im letzten Eck, damit man an ganz vielen anderen Produkten vorbeigehen muss. Das sind lauter Dinge, die wir nicht bewusst wahrnehmen, aber sie wirken auf uns ein.

Nehmen wir an, ich verliebe mich in ein Paar Schuhe, das vermutlich weder fair, noch nachhaltig produziert wurde ... wie gehe ich als gute Konsumentin mit so einer Situation um?

Das passiert. Ich bin nicht mehr so radikal zu fordern, dass so ein Kauf auf keinen Fall sein darf – weil es in unserer derzeitigen Welt kaum machbar ist, all diesen Verführungen zu widerstehen. Wichtig ist, sich darüber bewusst zu sein, dass dies nur ein kleiner Umweg am Weg zu gutem Konsum ist. Es sollte nicht Tür und Tor zu „eh schon wurscht“-Kaufverhalten öffnen. Ein Paar Schuhe, das man viel nutzt und lange trägt, kann sinnstiftend sein, auch wenn’s „böse“ produziert wurde. Ein Nebenbei-Spontankauf ist es sicher nicht.

Zur Person

Mit „Ich kauf nix!“ über ihren einjährigen Shopping-Boykott landete Nunu Kaller 2013 ihren ersten Bestseller und trug zu einem gesellschaftlichen Wandel im Konsumverhalten vieler bei. 

Im ersten Lockdown  erstellte sie spontan und mit weitestgehend ehrenamtlichen Helfern eine Liste mit heimischen Onlinehändlern (inzwischen über 6500 Einträge). liste.nunukaller.com

Buchtipp:


„Kauf mich! Auf der Suche nach dem guten Konsum“
Kremayr & Scheriau.
208 Seiten.
22 Euro 

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