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11/25/2020

Meghans Fehlgeburt: Warum es wichtig ist, dass Promis darüber reden

Meghan Markle macht ihre Fehlgeburt publik und holt das Thema weiter aus der Tabuzone. Was eine Psychologin dazu sagt.

von Julia Pfligl, Christina Michlits

„Als ich mein erstgeborenes Kind umklammerte, wusste ich, dass ich mein zweites Kind verlieren würde.“ Meghan Markle, die Ehefrau von Prinz Harry, hat in einem selbstverfassten Artikel für die New York Times sehr intim geschildert, dass sie im Juli dieses Jahres eine Fehlgeburt erlitt.

Als sie ihren einjährigen Sohn Archie wickelte, bekam sie plötzlich stechende Bauchschmerzen. „Ich fiel zu Boden, mit ihm in den Armen und murmelte ein Schlaflied, um uns beide zu beruhigen.“

Bislang wusste man nichts über die Schwangerschaft der Herzogin. Im Krankenhaus hätten sie und Harry viel geweint. „Im Schmerz über unseren Verlust stellten mein Mann und ich fest, dass in einem Raum mit 100 Frauen 10 bis 20 von ihnen eine Fehlgeburt erlitten haben.

Aber trotz der erschütternden Gemeinsamkeit des Schmerzes bleibt das Thema ein Tabu, das von (ungerechtfertigter) Scham durchdrungen ist und den Kreislauf der einsamen Trauer fortsetzt“, schreibt die 39-Jährige.

Sie sei sich jedoch klar darüber, dass es nicht gesund ist, die Trauer um sein totes Kind mit sich selbst auszumachen.

Entstigmatisierung

Die Herzogin von Sussex ist nicht die Einzige, die das einstige Tabu-Thema an die Öffentlichkeit bringt und damit weiter entstigmatisieren will. In ihren Memoiren von 2018 erzählte schon die ehemalige First Lady Michelle Obama von ihrem Abort. „Ich fühlte mich verloren, allein, und ich hatte das Gefühl, versagt zu haben, weil ich nicht wusste, wie häufig Fehlgeburten sind, weil wir nicht über sie gesprochen haben.“ Aus diesem Grund wollte sie ihre Erfahrung teilen.

Tatsächlich schätzt man, unterschiedlichen Studien zufolge, dass 30 bis 40 Prozent aller Schwangerschaften in den ersten 12 Wochen enden. Zudem bleiben viele Aborte durch frühe Schwangerschaftstests heute nicht mehr so unbemerkt wie früher.

Verletzlichkeit und Unglück offen anzusprechen, könne den Druck nehmen, immer perfekt sein und funktionieren zu müssen, sagt US-Schamforscherin Brené Brown. Sie plädiert für den Mut, auch negative Gefühle offenzulegen, um Schicksale besser verarbeiten zu können.

Das haben Frauen wie „Friends“-Star Courtney Cox gemacht, die erzählte, dass sie „einige Fehlgeburten“ zu erleiden hatte, bevor sie 2004 ihre Tochter Coco bekam. Ebenso wie Popstar Pink, die heute zwei Kinder hat. Besonders bitter: Hollywoodstar Liza Minellis sehnlichster Wunsch, Kinder zu bekommen, ging nach fünf Fehlgeburten nicht in Erfüllung, wie sie bereits 2006 gestand.

Trauer auf Instagram

Anders als die meisten Frauen, die in den ersten 12 Wochen einen Abort erleiden, hatte Schauspielerin Demi Moore mit dem Verlust ihrer Tochter im sechsten Monat zu kämpfen, als sie mit Ashton Kutcher verheiratet war. In ihrer neuen Biografie schreibt die 58-Jährige erstmals über den schweren Schlag.

Auch Zweifachmutter Chrissy Teigen geht offen mit ihrem Leid um und zeigte sich unmittelbar nach ihrer Fehlgeburt tieftraurig auf Instagram. Sie schlachte das private Thema aus, um Publicity zu erhalten, unkten Kritiker. Es gab aber auch Tausende Menschen, die sich bei ihr für das Sichtbarmachen dieser Tragödie in Form von Nachrichten bedankten.

Psychologen-Gespräch:

Der Verlust eines ungeborenen Kindes kann verschiedene psychische Auswirkungen haben: Viele Betroffene leiden unter Hilflosigkeit, Scham- und Schuldgefühlen, andere haben große Angst, dass sich das Trauma bei der nächsten Schwangerschaft wiederholen könnte. Die klinische Psychologin und Psychotherapeutin Andrea Engleder begleitet Frauen, die in Folge einer Fehlgeburt mit depressiven Verstimmungen, Angstzuständen, psychosomatischen Beschwerden oder Konflikten in der Partnerschaft kämpfen.

Der Zeitpunkt des Aborts spielt im persönlichen Leid nicht zwingend eine Rolle, sagt sie: „Eine Fehlgeburt kann auch in der 8. SSW eine tiefe Krise auslösen, vor allem, wenn das Paar schon jahrelang am Kinderwunsch arbeitet. Natürlich ist die Aufarbeitung nochmals spezieller, wenn das Kinderzimmer schon eingerichtet ist.“ 

Dass immer mehr prominente Frauen ihren Schmerz teilen, begrüßt die Psychologin. „Sie enttabuisieren das Thema und holen betroffene Frauen aus der schmerzlichen Isolation. Eines der schwersten Gefühle bei den Betroffenen, sowohl Frauen als auch Männern, ist das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, unvollständig zu sein, ‚nur mir passiert so etwas und ich kann mich in meinem großen Schmerz niemandem zumuten‘ – also wird nicht darüber geredet.“


Dabei ist der offene Austausch wichtig – gerade im schicken Instagram-Idyll, wo Mutterschaft zunehmend als Lifestyle-Trend inszeniert wird und  der Druck auf Frauen, eine perfekte Schwangerschaft und Geburt zu erleben, steigt. Es sei ein wichtiges Signal, dass glamouröse weibliche Vorbilder abseits von Babypartys und Bauchshootings auch dunklen Episoden Raum geben. Die persönlichen Fotos von Chrissy Teigen schockierten viele, zeigten aber, dass ihr Verlust ein Teil der Realität ist, den man aushalten kann, sagt die Psychologin. Durch das Sichtbarmachen werde zudem dem verstorbenen Fötus Wertschätzung als kleine Person entgegengebracht: „Er ist Teil des Lebens der Eltern, wenn auch nur kurz.“ 

Nach Stars aus dem Showbusiness komme nun eine weitere Gesellschaftsgruppe dazu, die bisher durch perfekte Fassaden und inszeniertes Familienglück auffiel: jene der Royals. Meghans Bericht zeige, „dass es nicht beeinflussbar ist und wirklich jede Frau betroffen sein kann“. Obwohl die eigene Lebenswelt eine ganz andere ist, fühlen sich Betroffene plötzlich mit der Herzogin verbunden. „Sie wird persönlich in ihrem Schmerz spürbar.“Julia Pfligl

 

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Infos: Zahlen, Begriffe

Begrifflichkeit
Von einer  Fehlgeburt (Abort) spricht man beim Verlust einer Schwangerschaft vor der 24. Schwangerschaftswoche.
Die häufigste Form (80 Prozent) aller Fehlgeburten passiert in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten

Häufigkeit
Laut einer Studie (2018) der University of California erleben Frauen durchschnittlich  mehr Fehlgeburten, als sie Kinder gebären. Demnach sei schon bei 20-Jährigen das Risiko eines Aborts genauso hoch wie die Wahrscheinlichkeit, ein gesundes Kind zu bekommen. Umso älter die Frau, desto höher das Risiko einer Fehlgeburt während der Schwangerschaft

Risikofaktoren
Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck, hormonelle Störungen, Störung der Plazenta oder Nabelschnur, chronischer Alkohol- und Drogenkonsum

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