Handy weglegen, in die Frühlingssonne blinzeln - auch das hilft gegen den Corona-Frust

© Getty Images/AleksandarNakic/istockphoto.com

Essay
04/05/2021

Lockdown-Stimmungslage: Müde, wütend, hoffnungsvoll

Ineffiziente Maßnahmen zerren an den Nerven – warum es sich lohnt, dennoch optimistisch zu bleiben.

von Julia Pfligl

Corona hat wieder einmal ein neues Vokabel hervorgebracht – und dieses Mal hat es nichts mit Wissenschaft zu tun: „Mütend“ trendet gerade in den sozialen Medien, ein Gemütszustand, der irgendwo zwischen müde (wegen Endlos-Pandemie) und wütend (wegen ineffizienter Corona-Politik) oszilliert. In Umlauf gebracht hat ihn die deutsche Notfallmedizinerin und Corona-Influencerin Carola Holzner in einem zigtausendfach geteilten Instagram-Posting: „Wir sind müde. Und wir sind wütend“, begann sie ihren Aufschrei, um anschließend die vielen wechselnden und widersprüchlichen Corona-Maßnahmen aufzuzählen. „Dieses politische Herumgeeiere erträgt keiner mehr“, schreibt die Deutsche, „wir können nur Entscheidungen mittragen, die wir auch nachvollziehen können.“

Mütend also, aber als Lebensgefühl. Die Wortkreation verbreitete sich rasant, schließlich gibt es gerade viele gute Gründe, um müde und wütend zu sein: ein Lockdown-Hamsterrad, volle Intensivstationen auf der einen, Mallorca-Urlauber auf der anderen Seite. Das zweite Ostern ohne Großeltern, der zweite Geburtstag auf Distanz, ein zweites Mal Sommerurlaub mit Fragezeichen. Schon klar: Es nervt. Alles.

Wirklich alles?

Lockdown-Lichtblicke

Im Sog der kollektiven Lustlosigkeit ist es immer herausfordernder, sich nicht hängen zu lassen. Dabei gibt es sie auch heute noch, die Lockdown-Lichtblicke – sie haben sich nur verändert. Nach einem Jahr und Hunderten Videokonferenzen hat kaum noch jemand Lust, Freunden nach Feierabend über einen Bildschirm zuzuprosten. Die Zoom-Party ist tot, Digitalien nervt, das (analoge) Gespräch aber lebt – das „Spazierdate“ ist zum geflügelten Wort geworden, man trifft und unterhält sich gezwungenermaßen nur mit einer Person, dafür aber auf einer ganz anderen, tieferen Ebene als zuvor.

Sogar auf Dating-Apps, dem Hort der Oberflächlichkeit, hat sich ein neuer, langsamerer Stil etabliert. „Wenn man sich vor jedem Treffen testen lässt, überlegt man schon zweimal, ob die Person das wirklich wert sein könnte“, berichtet eine Tinder-Nutzerin. Eine andere Single-Frau erzählt, dass sie sich seit Lockdown-Beginn jeden Freitag im Sinne der Selbstliebe zu einem Date mit sich selbst verabredet – in der Badewanne, bei der Massage oder einem besonderen Netflix-Film.

Corona hat Begegnungen seltener, aber bedeutungsvoller gemacht: Feste werden im kleinsten Kreis gefeiert und so auf ihre eigentliche Bedeutung reduziert, ein Zufallstreffen mit einer alten Freundin kann schon mal zu Tränen rühren, weil man einander so lange nicht gesehen hat. Selbst der Kaffeeküchenklatsch mit Kollegen hat eine neue Gewichtung bekommen.

Es ist unwahrscheinlich, dass wir alle zu sozialen Zombies mutieren – auch, wenn einander umarmende Menschen im Film einen mittlerweile zusammenzucken lassen und der Gedanke an Smalltalk, volle U-Bahnen oder Klubs bei vielen Unbehagen auslöst. Die Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft sei immer noch groß, sagte der Direktor der Caritas Wien, Klaus Schwertner, vor Kurzem im KURIER-Interview. Obwohl nicht mehr von Balkonen geklatscht wird.

Impf-Euphorie, die ansteckt

Selbst in den sozialen Medien regiert nicht nur die „Mütigkeit“. Seit Anfang des Jahres vergeht kein Tag, an dem einem nicht mindestens eine Jubelnachricht von geimpften Müttern, Vätern oder Großeltern in die Timeline gespült wird. „Vaxxies“, also Selfies von Menschen, die gerade geimpft wurden, sind der neueste Social-Media-Trend, an dem sich jüngst sogar Hollywoodstar Ryan Reynolds beteiligte (die eine Million Likes, die er dafür kassierte, sind wohl auch seinem entblößten Bizeps geschuldet).

Die Erleichterung und Freude, die diese Fotos versprühen, sind für jeden spürbar – und mindestens so ansteckend wie Negativgedanken.

Im Zuge der Durchimpfung wird eine Frage immer lauter: Wollen wir überhaupt zurück in das alte Leben mitsamt seiner Hektik, seinem Freizeitstress, seinen sozialen Verpflichtungen? In Ländern mit hohem Impftempo grassiert die sogenannte „Post Pandemic Anxiety“, eine paradoxe Angst vor dem Ende des Lockdown-Lifestyles. „Plötzlich habe ich Panik bekommen, dass das Leben wieder normal werden könnte“, twitterte die erfolgreiche US-Journalistin und Mutter Emily Ramshaw Anfang März. „Ich will nicht endlos zur Arbeit reisen. Ich will meine Wochenenden nicht mit Terminen vollstopfen. Ich will nicht die Zubettgehzeit mit meinen Kindern verpassen. Ich will keine Blazer tragen.“

Der Tweet wurde über 90.000-mal geliked, was zeigt, dass Ramshaw mit ihren Gedanken nicht alleine ist. Im Idealfall gelingt es, die Vorteile aus beiden Lebensrealitäten zu vereinen. Gut möglich, dass es auch dafür schon bald ein neues, virales Wort geben wird.

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