Aus medizinischer Sicht wäre Mitte zwanzig der ideale Zeitpunkt, Mutter zu werden. Viele Frauen überlegen sich allerdings lange, ob sie überhaupt Nachwuchs wollen

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freizeit Leben, Liebe & Sex
03/16/2021

Kinderkriegen - soll ich, soll ich nicht?

Die ewig unschlüssige Generation Y beschäftigt sich zunehmend mit der Frage nach der Familiengründung.

von Julia Pfligl

Spätestens um den dreißigsten Geburtstag taucht sie bei jeder Frau auf, die „K-Frage“. Will ich ein Kind, und wenn ja, wie viele? Für die Journalistin Johanna Dürrholz war es lange Zeit selbstverständlich, dass sie eines Tages Mutter werden würde. Jetzt, mit 32, liegt sie bereits knapp über dem Durchschnittsalter der Erstgebärenden in ihrem Heimatland Deutschland – und ist sich in puncto Familienplanung plötzlich überhaupt nicht mehr sicher.

In ihrem neuen Buch „Die K-Frage“ bündelt die Jung-Autorin Argumente für und gegen das Kinderkriegen und spricht Fragen an, die vielen Frauen (und auch Männern) ihrer Generation auf der Seele brennen: Was, wenn ich keinen Kinderwunsch verspüre? Wenn mich mein Leben schon ohne Kind überfordert? Bin ich egoistisch, wenn ich mich nicht fortpflanze? Und was ist mit der Klimakrise?

Vereinbarkeitslüge

Es sei ein Privileg, sich diese Fragen überhaupt stellen zu können, betont die Autorin im KURIER-Gespräch. Als weißer, heterosexueller, gesunder Frau mit Job und Partner stünde ihr alles offen – ein Teil des Problems. Dass sich ihre Generation so viele Gedanken macht, sei auch ein Zeichen der fortschreitenden Gleichberechtigung. Vor allem Frauen zaudern, weil am Arbeitsmarkt nach wie vor Ungleichheit herrscht.

„Mütter werden systematisch diskriminiert, seltener eingestellt, später oder gar nicht befördert“, sagt Dürrholz und nennt Zahlen: 93 Prozent der deutschen Väter arbeiteten 2019 Vollzeit, aber nur 34 Prozent der Mütter. „Ich frage mich dann: Will ich auch eine Teilzeitfrau sein?“

Denn die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere sei „eine Lüge“, die Arbeitswelt würde sich zu wenig auf Jungfamilien einstellen. „Das Hauptproblem ist, dass sich Eltern heute um drei Vollzeitjobs kümmern müssen: Ihre jeweiligen Berufe und die Care-Arbeit. Früher war eine Person – die Mutter – zu Hause, das kann sich aber keiner mehr leisten“, sagt die Journalistin. Frauen hätten zunehmend keine Lust mehr, unbezahlte Sorgearbeit zu verrichten, auch Rollenbilder müssten sich ändern: „Wenn Frauen, die acht Wochen nach der Entbindung wieder arbeiten gehen, als Rabenmütter bezeichnet werden, ist das problematisch.“

Erwachsenwerden ist heute viel komplexer als früher, beobachtet die Psychotherapeutin Magdalena Ségur-Cabanac. Statt alten Lebenskonzepten stünden Autonomie und Selbstverwirklichung oben auf der Wunschliste. Das Thema Kinder setze vor allem Frauen stark unter Druck: "Sie wissen über die zeitliche Beschränkung ihrer fruchtbaren Jahre Bescheid, anderseits dauert es einfach länger, alles zu absolvieren, was frau sich vorstellt, bevor sie Kinder haben möchte. Das Studium soll abgeschlossen sein, frau möchte beruflich etabliert sein und dann muss sie noch den richtigen Menschen finden, um überhaupt an Kinder denken zu können. Dass sich das alles nicht bis 25 ausgeht, ist klar."

Instagram-Mamas

Johanna Dürrholz beleuchtet in ihrem Buch verschiedene Perspektiven: Paare, die sich mit vierzig verzweifelt an Fruchtbarkeitsspezialisten wenden, coole Omas, Umweltaktivistinnen und Frauen, die ihre Kinder zwar lieben, aber die Mutterschaft bereuen („Regretting Motherhood“). Die Horrorvorstellung für alle, die der K-Frage näher kommen, und das größte Tabu nach den gewollt Kinderlosen.

Der Druck, gesellschaftlichen Vorstellungen von Mutterschaft entsprechen zu müssen, wird auch durch die sozialen Medien verstärkt. Vor allem auf Instagram wird Mamasein teilweise zum Lifestyle-Faktor stilisiert. „Es gibt tolle Mama-Bloggerinnen, die Inspiration bieten. Was aber auch vorkommt: Influencerinnen, die die klassische Familienkonstellation propagieren, in der vieles rosa und perfekt scheint“, beobachtet Dürrholz. „Ich kann mir vorstellen, dass manch eine junge Frau denkt: Wenn ich ein Kind bekomme, werde ich so glücklich wie die Mütter auf Instagram. Diese extreme Idealisierung kann aber Schaden anrichten.“ Außerdem werde oft vergessen, dass die Influencerinnen mit der Zurschaustellung klassischer Rollen viel Geld verdienen.

Die Autorin
Johanna Dürrholz, geboren 1989, ist seit 2017 Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei faz.net und schreibt im Ressort Leben der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Mit ihrem langjährigen Freund lebt sie in Köln 

Das Buch
„Die K-Frage: Was es heute bedeutet, (k)ein Kind zu wollen“ ist soeben im Dudenverlag erschienen. 208 Seiten, 18 Euro 

Die Eltern-Realität hat mit der sorgsam kuratierten Insta-Traumwelt wenig zu tun – Dürrholz plädiert daher dafür, vor einer Entscheidung alle Dimensionen des Kinderkriegens zu berücksichtigen. Auch, was es bedeutet, zu lange zu warten. „Paaren rate ich, Gespräche wie Wer geht wann wie lange in Elternzeit? oder Wie viel will ich als Elternteil noch arbeiten? rechtzeitig zu führen, um zu vermeiden, dass sie in traditionelle Muster fallen, sobald das Kind da ist.“

Die Psychotherapeutin rät, sich nur auf das Abenteuer Kind einzulassen, wenn es sich "stimmig anfühlt": "Natürlich ist immer ein bisschen Angst dabei, das Leben mit Kind ist ja auch etwas Neues. Es braucht aber meiner Ansicht nach die Lust und die innere Bereitschaft für diesen neuen Lebensabschnitt."

Johanna Dürrholz hat die Beantwortung der „K-Frage“ vorerst vertagt. Durch die intensive Recherche für ihr Buch fühle sie sich nun aber besser vorbereitet – was auch immer die Zukunft bringen mag.

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