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Erfahrungsbericht
07/25/2021

Impfen kann Ihre Freundschaften gefährden

Wie ein harmloses Tischgespräch zu tiefen Gräben führen kann, die sich schwer zuschütten lassen

von Elisabeth Gerstendorfer

Es ist derzeit eine Frage, um die man schwer herumkommt: „Bist du schon geimpft?“, fällt früher oder später bei fast jedem Treffen von Familien und Freunden. Meist entspinnt sich daraus ein zumindest kurzes Gespräch über die aktuellen Fallzahlen, wie furchtbar die Delta-Variante ist und dass man bitte wieder das alte Leben zurückhaben möchte.Schwieriger wird es allerdings, wenn das Gegenüber die Impfung verweigert oder noch schwieriger, dies auch anderen überstülpen möchte. So geschehen bei einem Abendessen dieser Tage, bei dem sich ein großer Spalt zwischen mir und meiner langjährigen Freundin C. auftat. Zuerst plauderten wir wie immer – über ihre aktuellen Männerbekanntschaften, die bevorstehenden Urlaube, die Kinder und ihre vielen Erkältungen – bis, ja bis C. mich fragte, ob ich die Kinder gegen Covid impfen lassen würde.

 

Ich bejahte und führte aus, dass nur so irgendwann wieder ein halbwegs normales Leben einkehren kann. Durch möglichst großen Impfschutz in der Bevölkerung.

Diskussion nahe am Streit

Nun muss man wissen, dass Freundin C. aus der Gesundheitsbranche kommt. Sie selbst ist – ohne die Infektion mitbekommen zu haben – genesen und möchte sich nicht impfen lassen. Zu wenig sei bisher darüber bekannt, war meist das Ende des Gesprächs, das wir dazu führten. Ich respektiere das, auch wenn ich es – speziell mit ihrem Beruf – nicht verstehe. Sie nimmt hingegen hin, dass ich bereits geimpft bin und quittierte das bisher mit stillschweigendem Missmut. Dass ich aber – sofern es eine Zulassung gibt – auch meine Kinder impfen würde, löste eine Diskussion nahe am Streit aus.

Viel zu wenig seien die Impfstoffe erforscht, wie ich das den Kindern antun könne, man wisse nicht genug darüber, überhaupt sei das alles eine große Studie, in der wir die Versuchskaninchen wären. Sie habe gehört, dass Kinder an der Impfung gestorben seien, und selbst der Flüssigkeit beim PCR-Test könne man nicht trauen.

Bumm. Das waren viele Vorwürfe auf einmal. Und obwohl ich weiß, dass es meist nichts bringt, versuchte ich ihre Argumente zu entkräften – sie ist schließlich nicht irgendeine Coronaleugnerin mit Aluhut, sondern meine Freundin, die ich seit mehr als 20 Jahren kenne. Das verschärfte die Situation, wie auch Psychologen immer wieder sagen.

Es war für sie wahrscheinlich die Spitze des Eisbergs

Ich wechselte von Argumentation zu Hinterfragen: Ich fragte, wer das Experiment mache und wie sie darauf kommt, dass die Kochsalzlösung beim PCR-Test nicht passt. Ihre Antworten befriedigten mich nicht, auch wenn ich merkte, dass nicht viele Argumente dahinterstecken. Das Ursprungsthema der Kinderimpfung rückte mehr und mehr in Vergessenheit. Es war für sie wahrscheinlich die Spitze des Eisbergs. Bisher konnte sie ignorieren, dass ich „eine von denen“ war, aber dass ich selbst die Kinder impfen lassen würde, das war zu viel. Ich wiederum konnte bisher akzeptieren, dass sie sich nicht selbst impfen möchte, aber dass sie das auch anderen aufzwängen will, hielt ich nur schwer aus.

Es schien unüberwindbar, und der Ton des Gesprächs wurde zunehmend ablehnend. Wir einigten uns darauf, dass wir das Gespräch darüber beenden. Es dauerte allerdings einige Zeit, bis die unsichtbare Mauer zwischen uns niedriger wurde und wir wieder emotional näher rückten. Ganz weg ist sie nicht und wird es auch so bald nicht sein.

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