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freizeit Leben, Liebe & Sex
09/27/2020

Hure und Piratenbraut: Wie eine Frau zur Seeräuberin wurde

Die freischaffende Autorin Sophie Reyer widmet sich unbekannten Frauen: Zheng Yisao befehligte 100.000 Mann im südchinesischen Meer.

Als Hure beginnt, was Piratenfrau wird. Schon spannend, oder? So jedenfalls verhält es sich mit Zheng Yisao, dieser besonderen Frau. Die auch als Witwe Cheng bezeichnet wird, manchmal. Die Abbildungen zeigen sie stolz und in Mannes-Manier.

Chinesische Piratin war sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts, südchinesisches Meer. Fängt früh damit an, ein spannendes Leben zu führen: Eine Prostituierte wird sie, in Kanton. Da begegnet ihr 1801 ein besonderer Mann. Seeräuber ist er, innen Feuerglut, er weckt in Zheng Flammendes, sie heiratet ihn. Und wer liebt, der gebiert freilich, nicht? So auch unsere Yisao.

Aber siehe: Schon bald danach kommt ihr Mann unter ungeklärten Umständen ums Leben. Warum, sei dahingestellt. Die einen – wie etwa Yun-fun – meinen, in einem schweren Sturm sei er dahingerafft worden. Andere wollen ihn tapferer gesehen haben: Sagen, er verlor im Kampf an der vietnamesischen Küste – und wurde einfach abgemurkst!

Egal. Zheng Yisao ist jetzt jedenfalls allein. Sie kennt das ja: Am besten also gleich an vorderster Front kämpfen, oder? So tritt sie einfach die Nachfolge ihres Mannes an. Wird Führerin einer Piratenflotte. Auf in den Kampf!

Wacker geht die Piratin eine Allianz mit einem Anführer ein, den die anderen Seeräuber herzlich lieben. Zhang Baozai nennt er sich. Zweckgemeinschaft? Sexuelles jedenfalls begleitet die Beziehung zu dem Fischersohn, den ihr ehemaliger Gatte gefangenen genommen, ausgebildet und quasi adoptiert hat. So wird dieser Jüngling, der Zhan ganz gut gefällt, bald schon zum Flottenbefehlshaber ernannt.

Das Südchinesische Meer erstreckt sich über eine Fläche von 3.685.000 Quadratkilometern. Das Meer wird  heute nördlich von China begrenzt, im Westen von der Indochinesischen Halbinsel und der Malaiischen Halbinsel, im Osten von den Inseln Taiwan, Luzon, Palawan und Borneo.

Verhaltenskodex

Aber Macht ist tückisch: Wenig später spielt der Seeräuber nämlich die restliche Familie von Zheng Yisaos ehemaligem Mann aus. Anführer will er sein. Man gibt sich das Eheversprechen. Blutspiratenschaft, ewig! Ehrlich!

So wird bald schon ein Verhaltenskodex für Piraten aufgestellt. Er betrifft die Zivilbevölkerung – und wie sie zu behandeln sei. Alles, was sich dagegen wendet, wird mit dem Tod bestraft: Diebstahl, Ungehorsam, Vergewaltigung. Eine neue Ära des Piratentums beginnt, oder? Frau Yisao sei Dank.

Doch die Freude währt nicht lang. Was folgt ist Bedrohung, schon bald. Zwar besiegt Yisao, wackere Frau, die sie ist, zwischen der Gründung ihrer Allianz im Jahre 1805 und deren Ende 1810 die verschiedensten gefürchteten Führer des Militärs, verwundet zwei Generalgouverneure, ja sie schafft es sogar, Kanton und Umgebung ernstlich zu bedrohen! Doch Macht macht süchtig – bis sie kippt.

Alles scheint also anfangs gut voranzuschreiten, groß ist Zheng Yisaos Reich, ehrlich: Es umfasst 600 bis 800 kleinere Küstenschiffe, 12 bis 25 Geschütze und bis zu 200 Mann Besatzung – mal abgesehen von den vielen kleine Flussschiffen! Somit lässt sich eine Flottengröße von mindestens 80.000 bis 100.000 Mann auf mindestens 800 bis 1000 Schiffen erahnen! Tatsache: Stark ist diese Frau!

Die Piraterie im Südchinesischen Meer im 19. Jahrhundert steht auch im Zusammenhang mit schwimmenden Dörfern. Frauen betreiben hier – gleichberechtigt – wie die Männer Handel und Fischfang. Die Handelsschiffe der Europäer ziehen die Aufmerksamkeit der eher armen Bevölkerung auf sich.  Sie werden gekapert. Das ist eine Einnahmequelle. De Piratenschiffe werden auch von  Frauen befehligt.

Widerstand

Aber der Widerstand bleibt nicht aus: Angesichts der Notlage nämlich wird schon bald Hilfe aufgesucht: Der neue Generalgouverneur Pai Ling heuert demnach die Briten und Portugiesen an, ihm gegen diese wackere Kampfesfrau beizustehen. Große Streitkräfte zieht er zusammen und bietet gleichzeitig Amnestie an. So wird die Piratenallianz durch die Rivalität zwischen Zhang Baozai und Guo Podai, einem Literaten und langjährigen Gefolgsmann Zheng Yisaos, der schließlich zur Regierung überläuft, nach und nach geschwächt. Schleichend passiert es. Aber was folgt, ist totaler Zusammenbruch.

Nun muss sie damit leben, dass Macht stets in ihr Gegenteil schwappen kann, diese ehemalige Hure: Daher geht Zheng Yisao im April 1810 persönlich nach Kanton. Geknickten Hauptes akzeptiert die Piratenfrau die Amnestie, wohl wissend, dass ihre Flotte auch ohne sie eine gefährliche Bedrohung darstellen würde und sich Pai Ling daher keinen Verrat leisten konnte. Schlau nämlich, ja, das ist sie bis zuletzt! Ja!

Was bleibt, ist ein milder Umgang mit den Kapernden, immerhin: Die Piraten dürften die Beute behalten und in den Dienst der Marine treten. Schiffe und Waffen aber geben sie ab. Und Zheng Yisaos Spur verläuft im Sand. Das ist alles. Es lebe die chinesische Piratenfrau.

Sophie Reyer ist Lyrikerin, freischaffende Autorin, promovierte Philosophin und Komponistin.  Sie lebt in Wien und arbeitet europaweit. Für den KURIER porträtiert sie unbekannte Frauen. Das Bild zur Piratin schuf Linde Waber. Sie ist Malerin und Grafikerin. Gunter Breckner hat die  Fotos gemacht – mit Unterstützung von Zebralabor/Natascha Auenhammer.

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