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03/30/2021

Gackernde Lehrerinnen: Was Menschen von Hühnern lernen können

Nachdem die Nutztiere im eigenen Garten seit Jahren boomen, begeistern neuerdings Charakter und Lernfähigkeit des Federviehs.

von Hedwig Derka

Rot, Orange oder Gelb, das ist hier die Frage. Die gefiederte Dame braucht keine Sekunde, um die richtige Entscheidung zu treffen. In weniger als zehn Minuten hat sie zuvor gelernt, mit dem Schnabel auf das gewünschte Glöckchen zu picken.

Hühner müssen nicht besonders schlau sein, um diese Übung zu meistern. Dumm sind sie trotzdem nicht. Es ist vielmehr eine Sache des Trainings. Davon können sich auch immer mehr Hobbyhalter überzeugen. Nachdem die Nutztiere im eigenen Garten und das frische Ei von der benamsten Henne seit Jahren boomen, begeistern neuerdings Charakter und Lernfähigkeit des Federviehs. Clicker-Training ist in Österreich angekommen.

Auf beiden Seiten

„Hühner verzeihen keine Fehler. Wer mit ihnen trainiert, kann in vielen Situationen zu einer klaren Kommunikation kommen“, sagt Anna Oblasser-Mirtl. Die Gründerin des Animal Training Centers bietet Marker-Camps nach amerikanischen Vorbild an; für Firmen, Tiertrainer, Pädagogen, künftige Assistenzhunde-Führer und Menschen, die ihre Beziehung zum Haustier Huhn vertiefen wollen. Auch Spaß muss sein, wenn Hendln um Pylonen laufen, Formen und Farben unterscheiden oder auf Kommando in die Höhe springen.

Ein Lerneffekt stellt sich auf beiden Seiten ein: Während die Nachkommen der Dinos zu trickreichen Höchstformen auflaufen, perfektionieren ihre Coaches, das Gegenüber sensibler zu beobachten und das eigene Verhalten besser zu kontrollieren.

„Das Training mit Huhn führt auch vor Augen, wie rasch Erziehung über positive Verstärkung funktioniert“, sagt Oblasser-Mirtl. Sobald das Tier das gewünschte Verhalten zeigt, wird ein Signal gesetzt – mit Knackfrosch, Pfeifton, Wort oder Zeigestab („Clicker“) –, und belohnt. Erfolg geht durch den Magen. Jede Aktion wird in kleine Übungseinheiten zerlegt und Schritt für Schritt erarbeitet.

„Hühner sind von Natur aus neugierig, listig, spitzbübisch und extrem clever. ... Man kann ihnen beinahe so viele Tricks beibringen wie Hunden“, schreibt Tiertrainerin Giene Keyes in „Clickertraining für Hühner“. Auch in den Weiten des WWW gibt es unzählige How-to-do-Videos.

„Das Lernverhalten unterliegt bei Tier und Mensch bestimmten Regeln“, sagt Trainerin Oblasser-Mirtl. Wer diese versteht, hat seine Lektion gelernt. Für Hühner-Freundin Keyes steht außerdem fest: „Beim Training bindet sich das Huhn an Sie und will bei Ihnen sein, und Sie werden dasselbe empfinden.“

Buchtipp: Giene Keyes: „Clickertraining für Hühner. Positives Verhalten bestärken, perfektes Timing lernen“. Ulmer Verlag. 144 Seiten. 20,60 Euro

„Hühner haben unterschiedliche Persönlichkeit. Die einen sind ängstlich, die anderen mutig, die einen ruhiger, die anderen aktiver.“ Janja Sirovnik von der Vetmeduni Wien weiß, dass das blinde Huhn, das auch einmal ein Korn findet, ein völlig falsches Klischee ist.

Studien belegen, dass die domestizierten Nachkommen des Bankiva-Huhns  zu viel mehr fähig sind. „Hennen senden ungefähr 30 verschiedene Rufe aus“, sagt Sirovnik. So tauscht das Federvieh Informationen über Futterquellen und Fressfeinde aus – und trickst gezielt die geflügelten Chefs am Hof aus. Täuschen ist ein Zeichen von Intelligenz.

„Hühner sind sehr sozial“, nennt Expertin Sirovnik eine weitere Stärke. Selbst in der Schar von bis zu 100 Individuen kennen sie einander persönlich. Auch das Lernen funktioniert über Sozialkontakte; ein gutes Vorbild spornt an.

Darüber hinaus beweisen Hühner Selbstbeherrschung, Rechenkünste auf Kleinkindniveau sowie abstraktes Denken, wie es Menschen im Alter von sieben Jahren entwickeln.
Nicht nur das haben Tier und Menschen gemeinsam. Sirovnik: „Hühner haben komplexe Emotionen.“

Der Deutsche Zwerg, elegant und wendig, fliegt wie ein Fasan. Shamo, der Japanische Kämpfer, ist anhänglich wie ein Schoß-, mitunter jedoch aggressiv wie ein Wachhund. Das Holländer Haubenhuhn wiederum zieht mit seinem extravaganten Kopfschmuck nicht nur Blicke, sondern auch Parasiten auf sich. Weltweit gibt es 150 bis 200 Hühnerrassen.

„Für Anfänger sind mittelgroße Mehrnutzungshühner, die Eier und Fleisch liefern, ideal“, sagt Fritz Benczak, Spartenobmann Geflügel vom Rassezuchtverband Österreichischer Kleintierzüchter, und nennt die gemütlichen Wyandotten oder die ruhigen Australorps. Nicht das Aussehen darf die Wahl entscheiden, viel mehr zählt der Charakter. Für den Preisrichter sollte auch ein Hahn in die Schar: „Er schaut auf die Gruppe, auch wenn die Nachbarn das Krähen für einen Bombenangriff halten.“

„Hühnerhaltung muss bei der Behörde gemeldet werden“, sagt Janja Sirovnik von der Vetmeduni Wien. Sie erforscht am Institut für Tierschutzwissenschaften und Tierhaltung, wie Hühner in Massen möglichst stressfrei arbeiten können. Privaten rät sie, dem Federvieh mehr Platz zur Verfügung zu stellen, als per Gesetz verordnet: einen sicheren, isolierten Stall mit Sitzstange, ein Nest für die Eiablage, einen Scharrraum mit Einstreu, einen überdachten Außenbereich und eine grüne Wiese. Die sozialen Vögel suchen untertags laufend Futter. Das muss in guter Qualität auch in Trögen angeboten werden, Wasser in Tränken ebenso.

„Hühner können bis zu zehn Jahre alt werden“, gibt Sirovnik zu bedenken:  „Das ist eine lange Verpflichtung.“

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