Auch bei frischer  werdenden Temperaturen lässt sich draußen gemütlich Zeit verbringen

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freizeit Leben, Liebe & Sex
10/17/2020

Frischluft als Lebensgefühl: Was wir von den Norwegern lernen können

Das Leben im Freien genießen – so lautet das Credo der norwegischen Lebensphilosophie „Friluftsliv“, die Körper und Geist guttut. Die Tradition hat sich zum Lifestyle-Trend entwickelt, der auch hierzulande angekommen ist.

von Elisabeth Mittendorfer

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“ – so lautet ein Spruch, den Kinder nicht selten von ihren Müttern zu hören bekommen, wenn sie davon überzeugt werden sollen, auch bei unbeständigem Wetter ein bisschen frische Luft zu schnappen. In Norwegen hingegen beschreibt die Redewendung eine dort vorherrschende Lebenseinstellung, die sogar einen eigenen Namen hat: „Friluftsliv“. Der Begriff lässt sich in etwa mit „Leben im Freien“ oder „Leben unter freiem Himmel“ übersetzen, doch seine volle Bedeutung geht weit darüber hinaus.

Obwohl es keine allgemeingültige Definition gibt, was Friluftsliv genau ist, weiß jeder Norweger, was damit gemeint ist. „Friluftsliv ist eine Lebensphilosophie und Teil der norwegischen Identität. Hier wachsen alle Kinder mit dem Verständnis auf, so oft wie möglich nach draußen zu gehen und die Natur zu genießen“, erzählt Ragnhild Unstad. Die junge Frau lebt mit ihren zwei kleinen Kindern und ihrem Mann Christoph in Tromsø, einer Stadt im Norden Norwegens, von der aus man einen atemberaubenden Blick auf das Naturspektakel der Polarlichter hat.

Friluftsliv ist Teil der norwegischen Identität. Die Kinder wachsen mit dem Verständnis auf, so oft wie möglich nach draußen zu gehen und die Natur zu genießen.

Ragnhild Unstad, Outdoor-Fan

Friluftsliv, so Unstad, sei individuell verschieden, im Kern gehe es darum, in der freien Natur aktiv zu sein und diese zu erleben. Das kann körperlich anstrengend sein, wenn man einen Berg erklimmt, aber auch entspannend, wenn man irgendwo eine Hängematte aufspannt, um zu rasten. Nicht die sportliche Aktivität, sondern die Verbundenheit mit der Natur steht im Vordergrund. Das Konzept Friluftsliv wird in Norwegen vom Staat gefördert, außerdemkann es als Studienfach an zahlreichen Hochschulen, sogar bis zum Masterabschluss studiert werden. Immer wieder wird es auch als norwegisches Glücksgeheimnis bezeichnet; das Land belegt regelmäßig einen Spitzenplatz im World Happiness Report, dem Ranking der glücklichsten Länder der Welt.

Freiheitsgefühl

„Alleine in der Natur zu sein, gibt einem ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit“, sagt Unstad. Sie selbst unternimmt am liebsten mit ihren Kindern kleine Wandertouren oder geht mit ihnen fischen. Ganz unabhängig von den Temperaturen. Auch das ist wesentlicher Bestandteil von Friluftsliv. Schon im Kindergarten verbringen die norwegischen Kinder täglich so viel Zeit wie möglich im Freien, auch in der Schule ist das so. „Erst wenn es weniger als zehn Grad hat oder stürmisch ist, gibt es vielleicht Diskussionen darüber, ob das wirklich sein muss“, sagt Unstad und lacht.

An diese Wetterbeständigkeit musste sich ihr Mann Christoph, ein gebürtiger Österreicher, der seit vier Jahren in Norwegen lebt, erst gewöhnen. Heute überrascht es ihn nicht mehr, wenn Kollegen mit Langlauf-Skiern in die Arbeit „fahren“ und im Alltag hauptsächlich mit Funktionskleidung rumlaufen. Wenn er nach dem Wochenende ins Büro zurückkehrt, so erzählt er, wird vor allem darüber gesprochen, wer auf welchem Berg unterwegs war.

Outdoor trifft Zeitgeist

Auch wenn Friluftsliv seit Jahrhunderten prägend für die norwegische Kultur ist, sei die Tradition Veränderungen unterworfen, wie das Ehepaar beobachtet. Während die Leute früher einen Berg überquerten und die Skier anschnallten, um von A nach B zu kommen, „tun sie das heute immer mehr aus Spaß an der Sache“. „Friluftsliv wird zunehmend auch zu einem Lifestyle-Trend“, sagt Christoph. Das sei für ihn unter anderem daran erkennbar, dass bestimmte Outdoor-Marken für Bekleidung – auch bei Jüngeren – angesagt sind.

Apropos Lifestyle: Nordische Wohlfühlformeln wie „Hygge“ oder „Lagom“, die zu mehr Wohlbefinden und innerem Gleichgewicht führen sollen, haben in den vergangenen Jahren auch hier in Österreich an Bedeutung und Beliebtheit gewonnen. Ihre Spuren finden sich inzwischen von Inneneinrichtung bis hin zu Mode und Kulinarik in sämtlichen Lebensbereichen.

Immer mehr Glücksrezepte aus unterschiedlichen – vorwiegend skandinavischen – Ländern sind auch hierzulande populär

Hygge

Gemütlichkeit, Wohlbefinden oder Behaglichkeit: All diese Begriffe umfasst das dänisch-norwegische Lebensgefühl Hygge. Die Grundidee dahinter ist, mehr Glück im Alltag zu finden und auch die kleinen Momente zu schätzen. Richtig hyggelig wird es zum Beispiel mit einem offenen Kaminfeuer, einer heißen Tasse Kakao oder kuscheligen Wollsocken.

Lagom

Das Credo hinter der schwedischen Zauberformel zum Glück lautet: maßvoll, aber nicht mittelmäßig leben und so das innere Gleichgewicht finden.  Dabei helfen soll zum Beispiel ein achtsames Morgenritual und generell ein gesunder und bewusster Lebensstil. Lagom bedeutet aber auch einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und Konsum zu kultivieren.

Sisu

Eine präzise Definition für Sisu, den finnischen Schlüssel zu Glück, Liebe und Erfolg, gibt es nicht. Deutsche Begriffe, die  dafür verwendet werden, sind:  Entschlossenheit, Widerstandskraft, Hartnäckigkeit, Willenskraft oder Durchhaltevermögen in besonders aussichtslosen Situationen. Mentale Eigenschaften, die für die Finnen besonders wichtig sind.

Kalsarikänni

Es sich in den eigenen vier Wänden einfach nur gemütlich zu machen oder nach dem Feierabend eine Runde laufen zu gehen, ist den Finnen wohl nicht originell genug. Sie ziehen es vor  – und das ist kein Scherz – zu Hause in Unterwäsche Alkohol zu trinken. Dieser gängigen Freizeitbeschäftigung haben sie einen für unsereins unaussprechlichen Namen verpasst.

Niksen

Einfach einmal nichts tun und die Zeit genießen? Vielen Menschen fällt das in der heutigen Zeit viel schwerer als es klingt. Die niederländische Wohlfühlphilosophie Niksen empfiehlt aber genau das. Wörtlich übersetzt heißt  der Begriff so viel wie „herumhocken“ oder „herumsitzen“ – ohne dabei ein Ziel zu verfolgen. Es geht  um bloße, aktionslose Präsenz.

Wird Friluftsliv der nächste Exportschlager? Das Konzept hat dazu jedenfalls Potenzial, immer mehr Designer entwerfen stylische Outfits, die gleichzeitig warmhalten. Und auch die Gestaltung des Outdoor-Bereichs, sei es Balkon, Terrasse oder Garten, hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Unter anderem machen schicke Lounge-Möbel, Feuerschalen und gemütlich gestaltete Essbereiche mit kuscheligen Decken und Fellen Lust aufs Draußensein. Eine Entwicklung, die sich auch bei immer mehr Lokalen beobachten lässt – sie setzen neuerdings verstärkt auf Winter-Schanigärten. Dieser Zeitgeist ist nicht nur in Zeiten des Social Distancings von Vorteil.

Immunbooster

Frische Luft belebt erwiesenermaßen den Geist, bringt den Kreislauf in Schwung und stärkt das Immunsystem. Außerdem kurbelt die Bewegung im Freien die Produktion von Serotonin an, jenes Glückshormon, das für Wohlbefinden sorgt.

Der klare Fokus auf den Aufenthalt im Freien ist auch der wesentliche Unterschied zwischen Friluftsliv, Hygge und Co. Dass Ersteres außerhalb Norwegens – noch – weniger bekannt ist, ebenfalls: „Bei Hygge hat man mittlerweile das Gefühl, dass auch ein starkes kommerzielles Interesse dahintersteht. Von Wollsocken bis Kakao werden viele Produkte als hyggelig vermarktet“, sagt Kaja Boye Buxrud, die in Oslo aufgewachsen ist und derzeit an der Uni Wien studiert. „Ich glaube nicht, dass das bei Friluftsliv so schnell der Fall sein wird.“ Trotzdem ist sie der Meinung, dass die Verbreitung der Idee außerhalb Norwegens für viele Menschen ein Gewinn wäre.

Natur als Lehrer

Einer, der genau das vorantreibt, ist der Norweger Alexander Read. Auf seinem Instagram-Account @minaogmeg dokumentiert er die Outdoor-Expeditionen, die er mit seiner Tochter Mina unternimmt.

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Die Begegnung mit der Natur lehrt einen viel darüber, wer man selbst als Person ist. Diese Erfahrung möchte ich meiner Tochter ermöglichen.

Alexander Read, Abenteurer

Das bald fünfjährige Mädchen hat in seinen noch jungen Jahren bereits mehr als 300 Nächte in einem Zelt verbracht. Mit gerade einmal zwei Jahren war Mina mit ihrem Vater für 57 Tage auf einer Winterwanderung unterwegs. 2019 hat das Gespann für seine Abenteuer den Norwegian Wildlife Award gewonnen. Derzeit sind sie ebenfalls auf einer Expedition unterwegs, um „neue Nationalparks zu entdecken“, wie Read der freizeit schreibt.

Er ist überzeugt, dass die Begegnung mit der Natur einen viel darüber lehrt, wer man selbst als Person ist. Diese Erfahrung möchte er seiner Tochter ermöglichen, damit sie „ihr eigenes Friluftsliv finden kann“. Die Idee von Friluftsliv an die nächste Generation weiterzugeben, sei deswegen wichtig, weil sie auch eine Erinnerung daran ist, dass wir uns um die Natur kümmern und sie schützen müssen. „Das ist heute vielleicht wichtiger als je zuvor“, so Read.

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