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freizeit Leben, Liebe & Sex
09/27/2020

Essay: Geht's hier zum schönen Leben?

13 Millionen Mal wurde auf Instagram der Hashtag #happylife verwendet. Glücklich zu sein gilt als Indikator für ein gelungenes Leben. Ist das alles echt? Wahr ist: Wir sollten frohe Momente nicht verpassen, während wir Fotos davon schießen.

von Marlene Auer

Ein neues Syndrom macht sich breit und es ist ansteckend: FOMO, „Fear of Missing out“. Begrifflich geprägt von den jungen Generationen, erreicht die Angst, etwas zu verpassen, zunehmend auch Ältere, ja sogar Senioren. Das überrascht Psychologen aus aller Welt und ist inzwischen in Studien gegossen, zuletzt von Experten an der Washington State University. Sichtbar wird der unbändige Erlebnisdrang auf sozialen Plattformen, in Form bunter, freudiger Bilder. Unter #happylife finden sich Motive, die unsere Welt nicht nur heil, sondern ausschließlich glücklich inszenieren: Urlaub, schöne Menschen, bunte Cocktails, Blicke aufs Wasser, sich auf Wiesen wälzende Hunde, vegane Burger, gedeckte Picknickdecken.

Fokus auf die kleinen Dinge

Gibt es also einen Katalog mit Dingen, die offiziell #happylife-Material sind?

Oder darf man auch ganz beliebige Situationen als glücklichmachend deklarieren, ein buntes Herbstblatt zum Beispiel oder ein Bild des morgendlichen Espressos im Bett? Hat #happylife etwas mit dem neuen Film von David Stassen zu tun?  Oder mit dem Song „Happy“ von Pharrell Williams? Was macht eigentlich Pharrell Williams? Der postete kürzlich ein Selfie vor violetten Blumen.

Tatsache ist: Der Flut an Stimmungen und Eindrücken wie schön doch das Leben der anderen ist, können wir uns kaum mehr entziehen. Dauerhaft davon beschallt, werden wir dazu angehalten, in Sachen Glück nicht zu verzagen. Wer sein „happy life“ nicht darstellt, kann keines haben. Oder doch? Die Gesellschaft auf Instagram entscheidet über glücklich und traurig – ist das nicht zu kurz gegriffen? Ja, ist es.

Was Glück ist, bleibt nämlich unbeantwortet. Wir verbinden es heutzutage vor allem mit Empfindungen von Lust, Genuss, Hedonismus. Sinnlich und sensorisch muss es sein. Doch das hat seine Tücken: Wäre es der alleinige Moment eines Hochgefühls, so bliebe es auf einzelne Augenblicke beschränkt. Ein nahtloses Aneinanderreihen solcher Szenen ist nicht nur surreal, sondern schlicht unmöglich. Wie wäre es mit einer anderen Art der Auffassung: Wenn wir uns darauf konzentrieren, die kleinen Momente groß zu machen. Und wäre es möglich, den Begriff Glück gegen Zufriedenheit zu tauschen und als Grundgefühl in unserem Leben zu verankern? Wir würden wohl entspannter sein und uns an Etappen des Verlangens und Erfüllens unserer Wünsche mehr erfreuen können.
Im Kontrast zu FOMO hat sich auch JOMO entwickelt: „Joy of Missing out“, zu Deutsch, die Freude, etwas zu verpassen. Es lässt uns zwischendurch ohne schlechtes Gewissen auf dem Sofa sitzen und in die Luft schauen. Würden wir davon Fotos schießen und mit #happylife durchs Netz jagen? Wohl kaum. Dabei ist es doch gerade das: Es muss nicht immer bunt, bunter, am buntesten sein. Manchmal sind die schlichten Momente die, die #happylife genauso verdienen, ohne dass die ganze Welt sie sieht. Geben wir ihnen die Chance, für uns genauso großartig zu sein – auch ohne Fotos für Instagram.

marlene.auer@kurier.at

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