Ian Jenkins, Jeremy Hodges und Alan Mayfield mit Baby-Söhnchen Parker. Für ihn und seine Schwester Piper sind sie Papa, Daddy und Dada  
 

© Sweet Me Photography

freizeit Leben, Liebe & Sex
03/01/2021

Drei Väter, zwei Kinder: Warum diese Familie Geschichte schreibt

Eine polyamouröse Familie in den USA sorgt für Aufsehen. Der KURIER hat mit einem der Väter gesprochen.

von Julia Pfligl

Seine Instagram-Fotos erzählen von einem ganz normalen Familienleben: Baby mit Hund, die langen Haare der Tochter, die erstmals erfolgreich entwirrt wurden, Wanderausflüge und Kinderzimmerchaos. Erst bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass Ian Jenkins’ Familie eine besondere ist, von der Vater-Mutter-Kind-Norm abweicht. Der Kalifornier lebt in einer verbindlichen Partnerschaft mit zwei Männern – Alan, mit dem er seit 18 Jahren liiert ist, und Jeremy, in den sich die beiden vor acht Jahren verliebten. Sie beschlossen, ihre Beziehung zu öffnen, und gemeinsam ihren Traum von eigenen Kindern zu verwirklichen.

In den USA reißen sich die Medien gerade um die „Modern Family“. Als wäre die Konstellation schwul und polyamourös nicht schon ungewöhnlich genug, haben sie auch noch Justizgeschichte geschrieben: Als ihre Tochter Piper vor dreieinhalb Jahren in San Diego zur Welt kam, wurden erstmals drei Väter in die Geburtsurkunde eingetragen. Den steinigen Weg bis zum erlösenden Urteil der Richterin beschreibt Jenkins, Facharzt und Uni-Lektor, in seinem neuen (englischsprachigen) Buch „Three Dads and a Baby: Adventures in Modern Parenting“ („Drei Väter und ein Baby: Abenteuer der modernen Elternschaft“, Cleis Press).

Die Rolle der Mutter

Im Gespräch mit dem KURIER erklärt er, warum die Formalität für seine Familie so wichtig war. „Wenn nur zwei Väter anerkannt wären, hätte der dritte keine Mitsprache bei medizinischen Entscheidungen, keine finanziellen Verpflichtungen und keine Rechte im Fall einer Trennung. Er könnte nicht alleine mit den Kindern reisen und sein Vermögen nicht automatisch vererben. Wir brauchten diese Absicherungen für unsere Kinder – und wir möchten anderen nicht-traditionellen Familien zeigen, dass es möglich ist.“

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Vor einem Jahr bekam Piper einen Bruder, Parker: Die Eizellen stammen wie bei Piper von Meghan, einer langjährigen Freundin der Familie, die Spermien einmal von Alan und einmal von Jeremy. Ausgetragen wurden beide Kinder von einer Leihmutter, was in Österreich verboten ist (siehe unten). In Interviews betont Jenkins regelmäßig, wie dankbar er den drei Frauen ist. Vor allem Meghan spielt eine wichtige Rolle im Leben der Kinder. „Sie ist keine Mutter im traditionellen Sinn, aber sie kommt uns oft besuchen und ist wunderbar mit ihnen. Zum Beispiel hat sie einen Youtube-Kanal eingerichtet, über den sie ihnen Bücher vorliest.“ Die fast vierjährige Piper weiß, dass Meghan und Jeremy sie gezeugt haben und sie in Delilah, der Leihmutter, gewachsen ist. „Ihr ist bewusst, dass andere Kinder zwei Eltern haben, aber Kinder sind anpassungsfähig. Die Geschichte ihrer Herkunft beschäftigt sie nicht mehr als die Tatsache, dass manche Babys Mädchen und manche Buben sind.“

Polyamorie
von polys (viele) und amor (Liebe), beschreibt den Wunsch nach einvernehmlichen Liebesbeziehungen mit mehr als einer Person zur selben Zeit 

Polygamie
meint die rechtliche Legalisierung von Mehrfachbeziehungen (umgangssprachlich: Vielehe) und ist aktuell in ca.
50 Ländern erlaubt – nicht aber in der westlichen Welt

Regenbogenfamilie
bezeichnet Familien mit zumindest einem homosexuellen Elternteil. Seit 2016 dürfen schwule und lesbische Paare  in Österreich Kinder adoptieren, seit 2019 heiraten 

Leibliche Kinder
Seit 2015 haben  lesbische Paare das Recht, mittels Samenspende und künstlicher Befruchtung ein Kind zu 
zeugen. Für schwule Männer ist dies schwieriger, weil Leihmutterschaft verboten ist

Elternschaft
Offiziell werden in Österreich nur zwei Elternteile offiziell anerkannt – zwei Frauen dann, wenn sie zuvor in einer Kinderwunschklinik behandelt wurden 

Bis auf ein paar Online-Hater reagieren andere Menschen neutral bis positiv auf seine Familie. „Wer uns kennt, weiß, dass an uns nichts Skandalöses ist. Wir sind einfach Eltern, die ihre Kinder erziehen. Oft habe ich das Gefühl, die Menschen denken, bei Poly-Beziehungen gehe es nur um Sex – doch bei uns ist das nicht anders als bei einem traditionellen Ehepaar mit kleinen Kindern.“

"Viele fühlen sich bedroht"

Vorurteile, die auch hierzulande stark präsent sind, berichtet Sozialwissenschafter Stefan Ossmann, der an der Uni Wien zu Polyamorie forscht. Laut Studien leben und lieben  fünf Prozent der Bevölkerung polyamor, in Österreich, schätzt er, sind es mehrere tausend, die, quer durch alle Altersschichten, auch offen dazu stehen – „also so, dass sie zu Weihnachten drei Schwiegereltern besuchen“. 

Verglichen mit Schwulen oder Transgendern sei die soziale Anerkennung von Vielliebenden gering, erläutert Ossmann.  Das liege auch daran, dass es  keine medialen Ikonen gibt. „Viele fühlen sich dadurch in ihrem eigenen Lebenskonzept bedroht. Sie wird als Angriff auf einen der letzten Grundpfeiler empfunden: die monogame Zweierbeziehung.“

Anders als diese hat Polyamorie viele Gesichter, nicht immer sind alle Beteiligten miteinander intim, manchmal lieben zwei Partner außerhalb der Kernbeziehung. Oft sind Kinder im Spiel – aus früheren oder Parallelbeziehungen. Immer beliebter wird das Modell des Co-Parenting, bei dem etwa schwule Männer und lesbische Frauen oder Singles gemeinsam eine Familie gründen. In jedem Fall gilt: „Die Mitglieder müssen sich entscheiden, welche zwei Personen rechtlich anerkannte Elternteile sein sollen. Die leibliche Mutter und der leibliche Vater oder ein leiblicher Elternteil und sein/seine Partner/in“, erklärt Barbara Schlachter vom Verein Famos, der sich für die Rechte von Regenbogenfamilien einsetzt.

Sechs Hände statt vier

Ian Jenkins hält das Konzept der seriellen Monogamie für überholt und plädiert für mehr Toleranz gegenüber alternativen Familienformen wie seine Dreiecksbeziehung (von US-Medien „throuple“ getauft). Mit Kindern seien drei Vollzeit-Elternteile – Alan ist Psychiater, Jeremy arbeitet in einer Tierklinik – gerade in Pandemie-Zeiten sogar von Vorteil, sagt er: „Wir haben ein zusätzliches Einkommen, es gibt mehr Hilfe, einer von uns ist immer da. Aber es erfordert auch mehr Kommunikation, denn wir achten sehr darauf, dass wir unseren Kindern einheitliche Botschaften vermitteln. Es gibt nicht den strengen und den nachsichtigen Dad. Schlafenszeit ist zum Beispiel immer um halb acht.“

Sein Buch soll andere, weniger privilegierte Regenbogenfamilien ermutigen und Skeptikern vor Augen führen, dass glückliche Kinder vor allem eines brauchen: Liebe. „Ja, wir sehen nicht wie jede andere Familie aus. Aber wenn eine Familie ein Kind mit Liebe, Hingabe und reiflicher Überlegung erzieht, dann ist das doch alles, worauf es ankommt.“

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