Rob Perez 

© Kurier/Jeff Mangione

freizeit Leben, Liebe & Sex
08/16/2020

Die Zeichen der Zeit: Graffiti & Street-Art

Die FREIZEIT machte sich auf die Spurensuche nach Künstlern, die hinter den oft anonymen Werken stehen. Auftritt Deadbeat Hero, Rapunze & Co.

von Bernhard Praschl

Wild schaut's hier aus. Da hockt eine schwarze Katze namens „Jail Cat“, dort blickt eine Visage verstört durch rosa Brillen und gleich daneben prangt ein Schriftzug mit fetten, bunten Lettern. Schauplatz Wiener Donaukanal. Viele Motive auf den vormals trostlos grauen Wänden wirken vergänglich. Aber dieser Robo-Superheld mit dem Seifenspender in der Hand wird wohl lange unter der Rossauerbrücke ausharren. „Wash your hands!“ verheißt die Message über seinem Visier. „Wascht eure Hände!“ Der Slogan des Jahres.

Bis ein Bild wie dieses in einem Museum hängt, wird  noch viel Wasser die Donau hinunterfließen. In der Freiluftgalerie auf der Seite des zweiten Wiener Bezirks ist der Comic-artige Geselle seit Mitte März ein totaler Eyecatcher. „Ich habe ihn ein paar Tage vor dem Lockdown angebracht“, sagt  Deadbeat Hero. Und zeigt sich erfreut, dass sein Kunstwerk noch in voller Gänze da ist.

Street-Art ist für alle da

Links unten hat sich zwar ein Strichmännchen dazugesellt. Aber „das passt schon“. Street-Art lebt vom Austausch mit anderen Künstlern. Und auch davon, dass sie nicht wie ein Platzhirsch auf exklusive Rechte pochen kann.

Hinter dem Pseudonym Deadbeat Hero verbirgt sich Rob Perez. Der Künstler aus San Antonio in Texas organisierte in seiner Heimatstadt lange Zeit einen „Art Slam“. Vor vier Jahren kam er nach Wien, „um dem Handwerk der Alten Meister mehr verbunden zu sein“.  Pinsel und Bleistift tauschte er endgültig gegen Spraydosen aus. Und statt in einem Atelier arbeitet er Open Air.

Neue Sprache lernen

„Austrianaut“ nennt Deadbeat Hero seine Schöpfung, ein Mischwesen aus einem muskulösen Superhero und einem schüchternen  Kopfmenschen. „Als ich nach Wien kam, war alles neu für mich. Und das in einer fremden Sprache. Als Schutz legte ich mir einen Panzer zu, so wie mein ,Austrianaut’“, erklärt der Street-Art-Künstler.
Auch die Städte mussten sich irgendwie einen Panzer zulegen, um sich vor wild wuchernden Zeichen, Schriftzügen und Wandmalereien zu schützen. Stichwort: Vandalismus. Es ist noch nicht ganz so lange her, da übersäte ein  Schweizer Sprayer mehrere Bezirke mit seinem „Tag“ – „Puber“.

Die Stadt  hat eine gute Antwort darauf gefunden: die „Wienerwand“. Darunter versteht man Wände, die der jungen Graffitiszene als legale Malflächen zur Verfügung gestellt werden. Etwa am Donaukanal.

„Wenn man genau schaut, erkennt man sie“, sagt Elisabeth Perez, die als „Rapunze" vor Kurzem einen netten  Einstieg in die Street-Art-Szene gefunden hat – als Ehefrau von Rob Perez. Besagte  Wände seien durch eine weiße Taube gekennzeichnet, meint die gelernte Grafikerin.

Mittlerweile ist es schon schwierig, diese „WienerTaube“ zu finden, denn von der Urania bis zur Rossauerbrücke gibt es auf beiden Seiten kaum mehr eine freie Fläche, so groß ist augenscheinlich das Bedürfnis, das Stadtbild zu verschönern.

Und das gilt nicht nur für die Großstadt. RoxS lebt 120 Kilometer von Wien entfernt in Waidhofen an der Ybbs. Mit Deadbeat Hero und Rapunze teilt er die gleichen Erkennungszeichen aller Street-Art-Menschen: Spuren von Sprayfarben an den Fingern.   

Nicht nur in der Großstadt

„Ja, ich wohn’ hier doch sehr am Land“, bestätigt der niederösterreichische Graffitikünstler. Wände aber gibt es hier genauso wie in den Metropolen. Und sie sind genauso easy in Beschlag zu nehmen wie in der Großstadt. „Ich habe der Kulturstadträtin ein E-Mail geschickt und vorgeschlagen, eine Brückenwand anzumalen“, erzählt der hauptberufliche Sozialarbeiter. Und schon hatte er freie  Bahn.

RoxS: „Das Motiv konnte ich frei wählen. Es gab nur zwei Auflagen: Es sollte nicht politisch und nicht sexistisch sein.“

Sein Interesse für Graffiti und Wandmalereien – auch „Murals“ genannt – hat den Waidhofener schon nach England, Wales und Schottland geführt.  „Gerade dort finden sich sehr großflächige Arbeiten“, weiß er. Natürlich kennt er auch Kollegen wie Busk, Skirl, Skero oder Jakob der Bruder. Wenn nicht persönlich, dann von ihren Künstlernamen. „Wenn einem der Stil eines bestimmten Künstlers gefällt, ist es schon interessant, seine Arbeiten quasi abzuklappern.“

Seine eigene Palette reicht von einem mit einem Hirschen veredelten Carport über einen Kicker für das Alpenstadion Waidhofen bis zur Dekoration einer Bar. Ganz nach dem Motto: „Ich mal’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“

Übung macht den Meister

Lässt sich mit Arbeiten wie diesen der Lebensunterhalt bestreiten? So professionell viele der Werke wirken, winken sowohl RoxS als auch Deadbeat Hero ab. „Wenn man Glück hat, beteiligt sich jemand an den Ausgaben für die Spraydosen. Geld ist damit nicht zu verdienen. Das sei aber auch nicht der Sinn einer Open-Air-Galerie. Rob Perez: „Eine Wand zu bemalen ist jedoch eine gute Übung.“

Beim Wiener Street-Art-Fest "calle libre" wurden Hauswände in der Wiener Hofmühlgasse zu Kunstobjekten.

Manche Motive seiner Arbeiten landen sozusagen als Meisterstücke auf T-Shirts, auf Metal-Pins – oder auf Mund-Nasen-Schutzmasken. Und das Ganze gibt es auch zu kaufen: im „Soon Art Studio“, einer Graffiti-Kunst-Galerie, die er und seine Frau in der Bäuerlegasse 3  beim Wallensteinplatz führen. Bis Ende September läuft dort „Versus Group Showdown!“, eine Ausstellung von Gemeinschaftsarbeiten.

Ja, was in der Kunstszene eher unüblich, gehört hier zum guten Ton: gemeinsam an einem Werk zu arbeiten. Für Elisabeth, die schon Monate in Nicaragua als Sozialhelferin verbracht hat, ist der Egotrip überhaupt der falsche Weg, sich hier einen Namen zu machen. „Jeder hat einen eigenen Stil. Dann und wann ergänzen sich zwei Herangehensweisen“, verweist sie auf den Teppich, den sie mit Jakob der Bruder gestaltete.

Wie ein Wirbelwind

Graffitikünstler leben schnell. Und arbeiten ebenso. Schnell wie ein Wirbelwind. Wie El Niño aus Tübingen, von dem das -Cover dieser Ausgabe stammt. In nur wenigen Stunden hat er diesen kunstvollen Cocktail-Kopf vor zwei Wochen auf eine Hauswand gesprayt – beim „Together Jam 2020“ in Wels. Soll dieses Motiv den Betrachter vor einem „Hangover“ bewahren?

Wer weiß? Graffitikünstler hinterlassen zwar ihre „pieces“ auf Wänden, auf Facebook oder auf Instagram. Aber manche wie  El Niño bleiben Antworten  gerne schuldig. Sie bleiben lieber anonym und sind schon unterwegs. Zur nächsten Wand.

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