© KRISTIAN SCHULLER

freizeit Leben, Liebe & Sex
02/03/2020

Der Fellini der Fotografie: Kristian Schuller im Interview

Erstmals sind Kristian Schullers Werke in Wien zu sehen. Die "freizeit" sprach mit ihm über das Kind im Mann, schöne Frauen und Supermodels.

von Andreas Bovelino

"Spring! Aber ganz entspannt, unangestrengt.“ Prinzipiell keine ganz einfache Aufgabe. Noch weniger in High Heels und einem roten Umhang auf einem verlassenen Zirkusgelände irgendwo in Kalifornien – neben einem ausgewachsenen Elefanten. Ganz locker geht anders. Sollte man glauben.

Wer das Foto des deutschen Modefotografen Kristian Schuller sieht, könnte meinen, die junge Dame schwebt wie eine Elfe neben einem riesigen Elefanten dahin, während ein Clown in einem Oldtimer von dem märchenhaften Pärchen abgeschleppt wird, und die Nachmittagssonne gleißend hinter dem rot-weiß gestreiften Zirkuszelt verschwindet.

Fantastisches  Theater

Das wirft Fragen auf. Erstens: Wie bekommt Schuller Models dazu, Dinge zu tun, die nicht bei „schön sein und sexy schauen“ enden? Und zweitens: Woher um alles in der Welt kommt die Inspiration für seine unglaublichen Sujets, diese Bildwelten, die wirken wie fantastische Theaterstücke oder Filme, festgefroren in einem surrealen Augenblick?

„Vielleicht bin ich der kleine Junge, der nicht erwachsen werden will, und all die magischen Momente, die er als Kind aufgesaugt hat,  jetzt verwirklicht. Weil er das ungeheure Glück hat, die Möglichkeit dazu zu haben“, sagt Kristian Schuller im Interview. Er kommt aus einer rumäniendeutschen Künstlerfamilie, der Vater ist Regisseur und Theaterdramaturg: „Ja, da besteht eventuell ein Kausalzusammenhang“, sagt Kristian Schuller und lächelt. „Wenn ich zuhause gesagt hätte, ich möchte Rechtsanwalt werden, hätte ich wahrscheinlich Unverständnis geerntet. Bei Fotografie und Modedesign waren meine Eltern erleichtert, weil’s was Sichereres ist als etwa freier bildender Künstler.“

Eine von Schullers frühesten Kindheitserinnerungen ist sein Vater auf einem Filmset, das Megafon in der Hand, Anweisungen gebend. Fellini inspirierte ihn ebenso wie die schönen Frauen eines Richard Avedon: „Ich war fasziniert von seinen Fotografien. Wer ist diese Frau?, dachte ich mir. Woher kommt sie? Was hat sie gerade gemacht? Ich dachte mir immer Storys zu den Bildern aus.“

Starfotograf mit Studium

Durchaus auch untypisch in der Glamourwelt der Starfotografen: Schuller hat sowohl sein Modestudium bei Vivienne Westwood als auch sein Fotografiestudium bei F.C. Gundlach an der Berliner Uni abgeschlossen. „Ich war nicht dieser Frühstarter – der akademische Weg gab mir die Möglichkeit, eine Bildsprache zu entwickeln, ohne an Aufträge und Kundenwünsche denken zu müssen.“

Und wie lief das jetzt mit dem Elefanten? „Da waren wir auf diesem verlassenen Zirkusgelände in der kalifornischen Einöde. Das Problem war, dass wir den Elefanten mit unseren Sprüngen natürlich nicht nervös machen wollten. Aber es lief dann überraschend smooth, nach 20 Versuchen war die Szene perfekt – und das Mädchen sprang tatsächlich leicht wie eine Feder, beinahe sieht es aus, als würde sie schweben. Respekt.“Dabei war es keineswegs ein Supermodel oder auch nur ein Profi, sondern eine der jungen Damen, die sich für die TV-Show „Germany’s Next Top Model“ der gnadenlosen Heidi Klum ausliefern. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?  „Teil meines Deals, als ich für die Sendung arbeitete, war, dass ich mit den 15 Finalistinnen Shootings machen könnte, aber gänzlich unabhängig von der Show. Es war eine wirklich tolle Zeit, und daraus entstand dann auch der Bildband 90 Days, One Dream.“

Ist es leichter, unbekannte Nachwuchsmodels zu ungewöhnlichen Shootings zu bewegen? „Das kann man so nicht sagen. Natürlich tendieren wir alle dazu, in jungen Jahren ein wenig experimentierfreudiger, wagemutiger zu sein.  Aber prinzipiell klärst du das ja beim Casting. Es muss für beide passen, den Fotografen und das Model. Manche sind eben eher abenteuerlustig, manche nicht. Wichtig ist das Vertrauen  –  und die Fähigkeit des Fotografen, alle Beteiligten mitzureißen. Das funktioniert nur, wenn er selbst überzeugt ist, oder besser: begeistert.“Und so gelang es Schuller auch, der großen Nadja Auermann  für ein sensationelles Foto einen ausgewachsenen 60er-Jahre-Airforce-Fallschirm in die Hand zu drücken. „Sie war schon ein wenig erstaunt, aber doch richtig cool“, erinnert sich der Fotograf.

Dabei hatte das Supermodel extrem mit dem ständigen Wind zu kämpfen, konnte sich kaum auf den Beinen halten. „Zum Glück war ihr Kleid sehr ausladend. Da konnten wir uns mit einem kleinen Trick behelfen.“ Schuller grinst. Sein großer Bruder, der immer am Set assistiert, stemmte sich mit dem Model gegen die Kräfte des Fallschirms. Wie?

Er steckte unsichtbar für die Kamera hinter Nadja Auermann mit im Kleid. Und auch dabei blieb sie richtig cool.

Kristian Schuller

... wurde  am 24. Dezember 1970 in Hălchiu, Rumänien geboren. Sein Vater Frieder Schuller ist Autor, Regisseur und Dramaturg. Die Familie kam noch in den 1970ern nach Deutschland, wo Schuller Modedesign (Westwood) und Fotografie (F.C. Gundlach) studierte.

Erstmals in Österreich

In der Galerie Preiss Fine Arts sind seine Werke jetzt erstmals in Österreich zu sehen. Bauernmarkt 14, 1010 Wien. preissfinearts.com