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05/21/2020

Das Geheimnis der Blauen Biene: Warum sie in Österreich verbreitet ist

Sie brummt wie ein Propeller, hat Kräfte wie ein Bär und schillernd blaue Flügel wie eine Elfe. Jetzt hat sie bei uns Hochsaison.

von Florentina Welley

Die blaue Biene überrascht uns. Sie ist ein Insta-Star und arbeitet als Drogen-Schnüffler. Wer sie sehen möchte, spaziert in die Nationalparks Österreichs, wie etwa in die Donau-Auen – denn die Wildbiene hat es sich nun auch bei uns gemütlich gemacht.

Leise Sägegeräusche dringen aus einem morschen Baumstamm mitten im Nationalpark Donau- Auen. Fast erschrickt man ein bisschen darüber und wundert sich, was denn da drinnen werkt – denn am Waldboden häufen sich kleine Berge von Sägespänen. Dann schiebt sich ein großer schwarzer Körper aus dem Loch, entfaltet blau schillernde Flügel und fliegt Richtung Himmel. Weg ist sie – die blaue Biene. Aber warum bohrt sie so massive Gänge in den Stamm? Wer jetzt in Auen und Nationalparks die Augen offen hält, kann sie noch beobachten – denn bis Ende Mai legt die Schwarzblaue Holzbiene ihre Eier noch in Totholz ab. Dazu gräbt sie lange Gänge, legt ein Ei in jede Kammer, die sie anschließend mit Klebstoff, einem Gemisch aus Sägespänen und Blütennektar verklebt, sodass jede Larve ein eigenes Zimmer hat. Alleine dass die kleine Biene Kräfte und Pläne wie ein Baumeister entwickelt, macht die Xylocopa violacea, wie sie Fachleute nennen, so interessant und besonders. Denn dank dem wärmer werdenden Klima kann man die Biene mittlerweile auch in kühleren Regionen Österreichs beobachten.

„Die Schwarzblaue Holzbiene gehört zu den Wildbienen“, erklärt Heinz Wiesbauer, Wissenschafter, Buchautor und Bienenrat. „Dass es neben der Honigbiene, alleine in Österreich mehr als 700 Arten von Wildbienen gibt, ist wenig bekannt. Weltweit gibt es sogar mehr als 20.000 Bienenarten. Holzbienen legen ihre Eier gerne in morsches Holz ab, dazu nagen sie bis zu 40 Zentimeter lange Gänge“, erklärt der Experte. Erstmals wurden diese Fluginsekten 1791 von dem Naturforscher Ludwig Christ als „wilde Bienen“ bezeichnet. Mit „wild“ meinte Christ „nicht kultiviert“ und „nicht gezüchtet“. Aber keine Angst! Wildbienen erreichen zwar eine Größe von bis zu drei Zentimetern, stechen aber nur in Notwehr.

Die Einzelgängerin

Die Schwarzblaue Holzbiene ist gerne allein. Zumindest so lange, bis sie sich paart. Im Frühjahr wird sie von einem Männchen befruchtet. Danach legt sie je ein Ei in die vorab gebaute Brutzelle ab und lebt noch etwa sechs Wochen. Junge Holzbienen schlüpfen im Spätsommer, überwintern meist im Nest und paaren sich dann im Frühjahr. Gleich danach beginnt das Weibchen mit dem Nestbau und der Versorgung der Brutzellen mit Nektar und Blütenpollen. Und weil das Weibchen eben solitär lebt, macht es alles alleine. Schon darin liegt der Unterschied zur Honigbiene, die bekannterweise in einem Bienenstaat integriert ist und sich die Arbeit teilt. „Wegen ihrer kurzen Lebenszeit lernt die Bienenmutter ihre Brut nicht kennen, legt aber genügend Larvenproviant für sie an, damit diese während ihrer Entwicklung versorgt ist“, erklärt Experte Heinz Wiesbauer. Auch beim Sammeln von Pollen zeigen sich Wildbienen vielseitig: Sie setzen zwar ihre pelzigen Beine ein, um Pollen zu sammeln, transportieren sie aber vor allem in ihrem Kropf. Und weil auch Bienen schlafen müssen, oder sich vor einem Gewitter in Sicherheit bringen, dient der Hohlraum im Baum oft nicht nur als Brutnest, sondern auch als Eigenheim und um zu überwintern.

Die Biene als Suchtgift-Fahnder

Knapp die Hälfte der in Mitteleuropa vorkommenden nestbauenden Wildbienenarten sind auf bestimmte Blüten spezialisiert und sammeln ausschließlich Pollen einer einzigen Pflanzengattung oder -familie. Auch deshalb ist für das Überleben der Wildbienen eine große Pflanzenvielfalt besonders wichtig, da sie nicht auf andere Pollenquellen ausweichen können. Die andere Hälfte der Wildbienen sind Generalisten und freuen sich über unterschiedliche Pollenquellen. Diese Eigenschaft hat die Universität in Gießen näher untersucht und eine zukunftsweisende These bereits mit dem Landeskriminalamt Wiesbaden getestet. Denn wenn die Bienchen schon so feine Riechwerkzeuge haben, dass sie jede Nuance von Pheromonen aus mehreren Kilometern Entfernung unterscheiden können, warum sie nicht gleich für einen einzigen Geruch konditionieren? Kokain, Heroin, Sprengstoff beispielsweise? So könnten die fleißigen Bienen auf Flughäfen und Bahnhöfen den herkömmlichen Drogenspürhund ersetzen, dessen Ausbildung Jahre dauert. Auch eine junge deutsche Polizistin und Imkerin hat bereits Bienen für ihre Bachelorarbeit „Untersuchung der Praxistauglichkeit von Bienen als Drogenschnüffler“ entsprechend konditioniert. Eine Praxis, die laut der Gießener Universität für Angewandte Zoologie in den Vereinigten Staaten angeblich bereits eingesetzt wird.

Die Biene als Influencer

Summ, summ, summ – sportlich auf den Hinterbeinen summt die kleine Biene am Wegrand, vor sich eine Almmit herrlich duftenden Wildkräutern und genießt den Blick ins Hochgebirge. Reine Fantasie? Nein, nur eine tricky Fotomontage des Schweizer Bonbonherstellers Ricola, der seine Honig-Biene auf Instagram als Influencerin auftreten lässt. „B.“ wurde bereits an den schicksten Plätzen gesichtet: vom Eiffelturm bis an die Côte. Das Geld, das bei denWerbedeals lukriert wird, fließt in den Bee-Fund „Je suis  B.“, eine französische Instagram-Initiative (https://beefund.fondationdefrance.org). Mittlerweile hat Biene „B.“ bereits über 280.000 Follower. Der Bee-Fund setzt sich damit in Frankreich vor allem für mehr Biodiversität und eine biologische Landwirtschaft ein, um das weltweite Bienensterben zu verhindern und dem Lebensraumverlust aller Bienenarten entgegenzuwirken, der auch durch intensives Mähen gefährdet ist.

Doch zurück zu unserer „Blauen Biene“. „In Mitteleuropa werden je nach Land und Region zwischen 25 und 68 Prozent aller Wildbienenarten in den aktuellen Roten Listen aufgeführt“, sagt Wiesbauer, „die Kleine Holzbiene ist auch durch den Verlust von Nistplätzen bedroht, weil sie in hohlen Stängeln nistet.“

Die Ursachen für die Gefährdung der Wildbienen sind auch in Österreich regional unterschiedlich. „Wildbienen sind zwar viel robuster als Honigbienen, werden aber vor allem durch den Einsatz von Spritzmitteln bedroht“, sagt auch Bernhard Seidel, Ökologe und bekannter Umweltaktivist. Die Schwarzblaue Holzbiene gehört zu den größten heimischen Wildbienen. Ursprünglich kommt diese Bienenart in Nordafrika, Süd- und Mitteleuropa bis Zentralasien vor. Sie lieben Totholz, deshalb haben sie sich in heimischen Parkanlagen, Naturparks mit Streuobstbeständen und in den weitläufigen Donau-Auen niedergelassen. Wer sie in seinem Garten ansiedeln möchte, braucht etwas verwildertes Gehölz und duftende Blüten wie Taubnessel, Geißblatt, Distel, Stockrosen, Blauglocken, Löwenmaul oder Salbei. Die Schwarzblaue Biene hat elf Pollenfamilien am Radar und liebt vor allem Korb-, Schmetterlings- und Lippenblütler besonders.

Heinz Wiesbauer (2020): Wilde Bienen: Biologie, Lebensraumdynamik und Gefährdung. Ulmer Verlag, 480 Seiten, https://www.ulmer.de

Viel Spaß beim Bienen-Schauen!