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freizeit Leben, Liebe & Sex
03/30/2020

Auch die Liebe ist nicht immun

In China häufen sich Scheidungsanträge – was man jetzt tun kann, um die Gefühle zu bewahren.

von Julia Pfligl

Im Netz kursiert derzeit ein nicht ganz ernst gemeinter Rat für Paare im (selben) Homeoffice: „Sucht euch einen imaginären Kollegen, dem ihr die Schuld für alles geben könnt.“ Ohne Witz: Die neue Lebenssituation hat auch die Dynamik in Beziehungen durcheinandergewürfelt – während viele ihren Partner in der Zeitrechnung vor Corona erst am Abend zu Gesicht bekamen, sitzen nun Paare allerorts und allen Alters, mit Kindern oder ohne, 24/7 im gemeinsamen Heim fest.

In China, wo die Pandemie ihren Lauf nahm und die Bevölkerung teilweise vier Wochen unter Quarantäne stand, machen sich erste Folgen des erzwungenen Aufeinanderklebens bemerkbar. Für einen Babyboom ist es zu früh – dafür verzeichnen Standesämter einen Ansturm auf Scheidungstermine seit Ende Februar. Dieser sei zwar teilweise, aber nicht nur auf die lange Schließung der Behörden rückzuführen, sagte ein chinesischer Beamter der Zeitung Mail Today. Vor allem junge Eheleute sähen im Scheidungsrichter den einzigen Ausweg: „Sie neigen dazu, sich wegen Nichtigkeiten zu streiten und dann die Dinge zu überstürzen.“

Run auf Paarberatung

Auch, wenn hierzulande auf Instagram harmonische Kuschel-, Koch- und Gartelfotos dominieren – hinter der Fassade könnte es schon bald weniger idyllisch zugehen, weiß Susanne Pointner. Die Psychologin und Paartherapeutin hat sich entschlossen, für den Zeitraum der Ausgangssperre eine kostenlose Onlineberatung für Paare und Familien anzubieten. Nach dem Motto: Bevor Paartherapeuten nach Corona einen riesigen Scherbenhaufen aufräumen müssen, können sie mithelfen, dass erst gar nicht so viel kaputt geht. Der Bedarf scheint gegeben, auch die Dienstleistungsplattform ProntoPro verzeichnete jüngst 22 Prozent mehr Anfragen nach Eheberatern.

„Die Partner müssen oft Herhalten als Blitzableiter für Stress, der durch die Verunsicherung und die eingeschränkten Lebensumstände entsteht“, sagt Pointner. „Dazu kommt, dass durch die verordnete Ruhe manches unter dem Teppich hervorlugt, was sonst zur Seite geschoben wird.“

Bei Simone L. und ihrem Freund Markus, beide Anfang 30, kinderlos, 60-Quadratmeter-Wohnung, war von Isolationsidyll gleich gar nichts zu spüren: „Sie redet nur noch vom Virus“, sagt er. „Die Arbeit zu Hause überlagert alles andere“, sagt sie. Von Romantik oder Sexualität sei man derzeit so weit entfernt wie Wien von Wuhan. Dass sich Langzeitstress ein Liebestöter sein kann, stellte der Schweizer Paarforscher Guy Bodenmann 2015 in einer Studie mit 2.000 Personen fest: Jene Paare, die in ihrem Alltag sehr unter Druck standen, beurteilten ihre Beziehung deutlich schlechter und hatten ein höheres Scheidungsrisiko. Die Intimität wurde weniger, Gespräche drehten sich vorwiegend um Organisatorisches, was beide als anstrengend empfanden.

„Die Partner erreichen einander nicht mehr und werden einander fremd“, skizziert Pointner den Worst Case. „Sie sehen nicht mehr das Leid des anderen hinter der vorwurfsvollen oder abblockenden Fassade und interpretieren seine Fluchtversuche als Desinteresse.“

Auf Entdeckungsreise

So weit muss es freilich nicht kommen, denn auch in diesem Lebensbereich gilt: In der Krise kann Neues entstehen, Verkrustetes aufbrechen. „Wir haben, wenn wir es zulassen und die Kinder nicht zu sehr das Zusammenleben belasten, Zeit und Muße für Gespräche, neue Aktivitäten, Intimität, innere Entdeckungsreisen“, betont Pointner. „Jetzt können wir wieder üben, nicht nur über Organisatorisches zu sprechen, sondern über unsere Gefühle. Auch gemeinsam ist das gut möglich – während man alte Fotos anschaut oder über einen Artikel spricht.“

Manche Paare werden gerade jetzt den Mut finden, Heikles anzusprechen, für andere wird die Ruhezeit zum Prüfstein werden, prophezeit Pointner. „Das kann langfristig befreiend sein, so schmerzhaft der Trennungsprozess ist. Wenn die Quarantäne spürbar macht, dass die Nähe des anderen schon länger mehr Belastung als Bereicherung ist, wird es Zeit, über eine würdevolle Trennung nachzudenken.“ Thematisieren sollte man solche Gedanken jedenfalls erst danach – oder aber online, mit einem Profi.

Fünf Gebote für Paare in der gemeinsamen Isolation

1. Selbstfürsorge: Jeder bekommt Privatsphäre und Zeit für sich. Nehmen Sie sich morgens Zeit für Ihr Wellnessprogramm. Während einer joggt, schaut der andere auf die Kinder usw.

2. Einander zuhören: Nehmen Sie die Sorgen des anderen, z. B. einen etwaigen Jobverlust, ernst. Fragen oder Korrekturen erst am Ende des Monologs.

3. Spaß haben: Probieren Sie Neues: Brettspiele, Online-Tanzkurse, Partner-Fragebögen. Verteilen Sie die Rollen in der Beziehung für einen Tag neu.

4. Toleranz einüben: Wappnen Sie sich, viel nachsehen zu müssen. Jetzt ist nicht die Zeit für Grundsatzdiskussionen.

5. Hilfe suchen: Freunde sind oft dankbar, wenn jemand das Tabu bricht und über Liebeskrisen spricht. Viele Therapeuten beraten dieser Tage kostenlos, etwa auf www.imagopaarambulanz.at

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