Andreas Rainer hört der Stadt zu: "Ich persönlich mag das Unfreundlichsein nicht, aber humoristisch eignet es sich gut".

© Kurier/Franz Gruber

freizeit Leben, Liebe & Sex
09/04/2020

Alltagspoet Andreas Rainer: "Wiener Schmäh ist eine Gratwanderung"

Andreas Rainer ist der Kopf hinter dem Social-Media-Projekt "Wiener Alltagspoeten".

von Julia Pfligl

Na, wie hats Ihnen geschmeckt? – Danke, es woar grauslich.

Wer je mit offenen Ohren durch die Hauptstadt spaziert ist, weiß, dass solche Dialoge mehr sind als ein Klischee. Vor drei Jahren begann der freie Journalist Andreas Rainer, seine Beobachtungen aus dem Wiener Alltagsleben – darunter eingangs erwähntes Zitat – aufzuschreiben und in den sozialen Medien zu posten. Heute bringt sein Projekt (www.wieneralltagspoeten.at) mehr als 90.000 Instagram- und 60.000 Facebook-Fans zum Lachen und Nachdenken.

Ein Gespräch über grantige Wiener, humoristische Schmerzgrenzen und Schmäh in Krisenzeiten.

KURIER: Können Sie in der Stadt überhaupt noch irgendwo entspannt sitzen, ohne hinzuhören?

Andreas Rainer: (lacht) Mittlerweile ist es so, dass ich pro Tag zehn bis 15 Einsendungen bekomme. Ohne sie würde das Projekt nicht funktionieren, ich kann ja nicht den ganzen Tag U-Bahn fahren. (lacht) Die Alltagspoeten sind die Stimme der Stadt, nicht meine Stimme.

Nach über 500 Beiträgen: Was macht den Wiener Schmäh Ihrer Meinung nach so einzigartig?

Der Wiener richtet die Waffe Humor gerne gegen sich selbst und lacht über die Eigenheiten des Wienerischen. Das erste Vorurteil, das alle Menschen über die Wiener haben: Sie sind unfreundlich. Das wird in vielen Postings thematisiert, die Leute finden das unglaublich lustig. Auch Alkoholismus ist ein Klassiker. Der Wiener ist stolz darauf, wenn er besoffen ist.

Wo ziehen Sie die Grenze, wann wird’s zu schwarz?

Wiener Schmäh ist immer eine Gratwanderung: Wenn du falsch abbiegst, wird’s schnell tiaf oder beleidigend. In meinen Postings soll sich niemand angegriffen fühlen.

Stimmt das Grantig-Klischee?

Ich habe drei Jahre in Amerika gelebt – da glaubst du, du bist am Mars gelandet. Es gibt wirklich kaum eine Stadt, die unfreundlicher ist als Wien. Jeder Wiener sollte ein halbes Jahr im Ausland leben, damit er Wien in Perspektive setzen kann. Dass wir ständig am Sudern sind, obwohl der Lebensstandard so hoch ist wie nirgendwo sonst, ist paradox. Ich persönlich mag das Unfreundlichsein nicht, aber humoristisch eignet es sich gut. Ein Evergreen auf der Seite ist: Jetzt hams Wien scho wieder zur besten Stadt der Welt gewählt. – Najo ... Anderswo ist es halt noch gschissener. Das zeigt sehr gut, wie unbeeindruckt die Wiener von der Schönheit ihrer Stadt sind.

Nicht alles ist lustig: Auch Fremdenfeindlichkeit ist ein wiederkehrendes Motiv in den Postings.

Ich finde es wichtig, auch diese Seite der Stadt zu zeigen. Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen: Wien ist und war immer eine Einwandererstadt. Es sind die verschiedenen Subkulturen, die Wien so leiwand machen. Meine Albtraumvorstellung ist ein Wien nur mit Wienern – das wäre die langweiligste Stadt der Welt, ähnlich wie München oder Zürich. Die Lebensqualität ist dort auch hoch, aber die Stadt sehr fad. Ich glaube auch, dass dort so ein Projekt nicht funktionieren würde.
 

Auch in der Corona-Zeit gab es Postings. Ein Beispiel aus der Bim: "Bitte setzen Sie eine Maske auf!" – "Und wie soll i dann mei Bier trinken?" War Humor ein Schutzschild in der Krise?

Ich habe mich schon gefragt: Darf ich jetzt noch posten, noch dazu über Corona? Am Anfang hat ja wirklich Panik geherrscht. Ich hab dann aber schnell gemerkt, dass die Leute das wollen. Die Zitate stammen aus den Tagen vor dem Lockdown, als das Virus bereits überall Gesprächsthema war. Die Italiener haben mit Musik dagegengehalten, die Wiener mit ihrem Schmäh. Gerade in Krisenzeiten wollen sie diesen beibehalten.

Das beliebteste Posting stammt aus dieser Zeit: Es handelt von einem älteren Herren, der im Supermarkt 15 Tafeln Schokolade kauft und sie dann an die Mitarbeiter verteilt. Es bekam 19.000 Likes, ganz ohne schwarzen Humor.

Das hat gezeigt, dass das oft raue Wien ein großes Herz hat, das in der Corona-Zeit aufgeblüht ist. Das Posting hat den damals vorherrschenden Geist eingefangen.

Sehr viele Zitate stammen aus den Öffis – ist das Projekt auch ein Plädoyer an junge Menschen, die Kopfhörer öfter abzulegen?

Wenn jeder nur noch mit Handy und Kopfhörern dasitzen würde, gäbe es keine Wiener Alltagspoeten. Zum Glück wird im echten Leben noch genug kommuniziert, man muss nur hinhören. Wir nehmen das alles für selbstverständlich. Wenn wir wüssten, Wien gäbe es nur noch einen Tag, würden wir die Ohrstöpsel wahrscheinlich rausnehmen und alles rundherum einsaugen.

Sind Sie ein "typischer Wiener"?

Ja, denn auch mich verbindet diese gewisse Hassliebe mit der Stadt. (lacht) Als ich in Amerika gelebt habe, sind mir ein paar Sachen wirklich abgegangen. Am meisten die Kaffeehäuser, diese magische, historische Atmosphäre. Du kannst hier alleine sitzen, deinen Kaffee trinken und deine Zeitung lesen, und es ist allen wurscht. Das mag ich an den Wienern sehr gern: Im Prinzip lassen sie dich in Frieden, keiner mischt sich ein.

Sie nannten Ihr Projekt "Wiener Alltagspoeten" – was ist denn nun das Poetische an der Stadt?

Es schwingt bei allem eine gewisse Poesie mit, dann der Hang zur Kultur und Kunst ... Ich finde, dass auch dieses "Brotlose" in Wien sehr akzeptiert ist, es muss sich nicht jeder über Geld oder teure Autos definieren. Und dann natürlich die Wehmut: Wir sehnen uns ständig nach etwas, das nicht mehr da ist. Wien kommt ja auch nicht darüber hinweg, dass es keine Weltstadt mehr ist. Die Wiener glauben immer, woanders ist es schöner – obwohl das in den allermeisten Fällen nicht so ist.

Zur Person
Der Wiener Andreas Rainer, Jahrgang ’81, arbeitete jahrelang für eine Social-Media-Agentur in den USA. Zurück in Wien,  machte er sich als Texter selbstständig.

Projekte
Auf seinem Blog veröffentlicht Rainer Kurzgeschichten, seit heuer gibt es auch einen Podcast über Wiener Dialekt.

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