© imago images/Mary Evans/Rights Managed via www.imago-images.de/imago stock&people

Interview
05/02/2020

75 Jahre Pippi Langstrumpf: Warum heute alle so sein wollen wie sie

Frech und wild und wunderbar: Lange vor #MeToo schuf Astrid Lindgren den Prototyp des unbeugsamen Mädchens.

von Julia Pfligl

Niemand konnte sie klein kriegen: keine Pferdenärrinnen, keine Zauberlehrlinge, keine Detektivbanden. Ein Dreivierteljahrhundert, nachdem Astrid LindgrensPippi Langstrumpf“ erstmals auf den Markt kam, ist das Mädchen mit den roten Zöpfen immer noch Fixgast in den Kinderzimmern dieser Welt. Die Literaturwissenschafterin und Lindgren-Expertin Bettina Kümmerling-Meibauer sprach mit dem KURIER anlässlich des Jubiläums über Pippis Vorbildcharakter und die Lust am Ungehorsam in eingeschränkten Zeiten.

KURIER: Nun wird Pippi also 75. Ist sie gut gealtert?

Bettina Kümmerling-Meibauer: Erstaunlicherweise ist sie zeitlos geblieben, obwohl das Setting, eine schwedische Kleinstadt, die Verhaltensweisen und pädagogischen Vorstellungen klar auf die 1940er-Jahre hinweisen. Zeitlos ist vor allem die Figurenkonstellation, insbesondere die Gegenüberstellung der starken und souveränen Pippi mit dem Geschwisterpaar Thomas und Annika und der Konflikt zwischen kindlichem Wunsch nach Unabhängigkeit und dem Kontrollbedürfnis der Erwachsenen.

Apropos Annika: Mädchen werden ständig ermutigt, wie Pippi statt wie die brave Annika zu sein. „Sei frech und wild und wunderbar“ wurde zum Social-Media-Schlachtruf. Zu Recht?

Es ist unbestritten, dass Pippi auf den Wandel des Mädchenbilds einen großen Einfluss hatte. Ob die Gegenüberstellung von Pippi und Annika hilfreich ist, kann man anzweifeln, denn Annika ist manchmal vernünftiger als Pippi. In dieser Debatte finde ich es bemerkenswert, dass ein Aspekt vollkommen ausgeblendet wird: Pippi weigert sich, erwachsen zu werden. Der Wunsch, nicht erwachsen werden zu wollen, ist in der Kinderliteratur nicht neu, aber angesichts der Frage nach der Idealvorstellung durchaus von Interesse. Pippi entwickelt sich nämlich nicht – im Gegensatz zu Thomas und Annika. Dass Kinder sich verändern und weiterentwickeln, ist aber ein essenzieller Schritt zur kognitiven und emotionalen Reifung – und dieser Aspekt sollte auch bei der Frage nach dem Vorbildcharakter von Pippi mitbedacht werden.

Kritiker schimpfen Pippi als schlechtes Vorbild, weil sie sich nicht an Regeln hält. Das mutet in diesen Zeiten besonders aktuell an.

Ja, diese Kontroverse taucht seit den 1940er-Jahren immer wieder auf. Die Kritiker stießen sich an Pippis frechem Mundwerk, ihrem aufmüpfigen Verhalten, ihren gefahrvollen Aktionen, zum Beispiel Essen von giftigen Fliegenpilzen beim Schulausflug. Entsprechend wurden bei den Übersetzungen manche Episoden weggelassen oder modifiziert – so isst Pippi etwa in der ersten deutschen Übersetzung Steinpilze statt Fliegenpilze. Ich kann diese Kritik, zumal heute, nicht nachvollziehen, weil dabei immer von der Vorstellung ausgegangen wird, dass Kinder sich Pippi unbedacht als Vorbild nehmen und alles nachahmen, was sie macht. Aus meiner Sicht unterschätzt man damit die kindliche Leserschaft, die sehr wohl erkennen kann, dass Pippi aufgrund ihrer fantastischen Fähigkeiten ein besonderes Mädchen ist und deshalb Dinge machen kann, die andere nicht ohne Weiteres durchführen können.

Lange vor Beginn der Frauenbewegung schuf Lindgren ein Mädchen, das nicht nur willensstark, sondern allen Männern auch körperlich überlegen war. Warum war ihr das so wichtig?

Die physische Stärke ermöglicht es Pippi ja erst, sich dem Zugriff der Erwachsenen zu entziehen und gegen Attacken zu verteidigen – man denke an die Räuber, die in die Villa einbrechen, oder an die Polizisten, die Pippi in ein Kinderheim bringen wollen. Dass noch mehr dahintersteckt, zeigt die Episode im Zirkus, wo Pippi den stärksten Mann der Welt im Ringkampf besiegt. Dieser Mann heißt „der starke Adolf“, in dem zeitgleich erschienenen Comic ähnelt seine Physiognomie Adolf Hitler. Das deutet an, dass sich Pippi als „das stärkste Mädchen der Welt“ gegen bedrohlich wirkende und machtausübende Männer durchsetzen kann. Hiermit wird einem Kind als Vertreter der zukünftigen Erwachsenengeneration eine wichtige Rolle zugesprochen.

Astrid Lindgren sagte über Pippi sinngemäß: Sie hat Macht, aber missbraucht sie nicht. Wie meinte sie das?

Diese Aussage muss man vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und des Aufstiegs autoritärer Regimes in Europa beurteilen. In ihren Tagebüchern, die sie zwischen 1939 und 1945 geschrieben hat und die seit 2015 gedruckt vorliegen, hat sie sich kritisch mit dem Zeitgeschehen auseinandergesetzt und gegen den Machtmissbrauch der Nationalsozialisten ausgesprochen. In diesen Zeitraum fällt die Entstehung des Pippi-Manuskriptes. Sie macht sich über diejenigen, die versuchen, ihr gegenüber Macht auszuüben, lustig und verweist diese in ihre Schranken. An der Figur Pippi wollte Lindgren demonstrieren, dass man Macht haben kann, ohne dass man diese ausnutzt, um anderen zu schaden.

Kreative Tochter
„Erzähl mir von Pippi Langstrumpf!“, forderte die 7-jährige Karin ihre Mutter auf, als sie  1941 mit einer Lungenentzündung im Bett lag. Zwei Jahre später verstauchte sich Astrid Lindgren den Knöchel und begann, Pippis Abenteuer aufzuschreiben  

Zweiter Anlauf
 Nachdem es zuvor abgelehnt worden war, brachte der Verlag Rabén & Sjögren 1945 eine  bravere Version von „Pippi Langstrumpf“ auf den Markt. Die drei Pippi-Bände wurden in über 70 Sprachen übersetzt und in 60 Millionen Exemplaren verkauft 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.