© Manfred HORVATH/© Manfred HORVATH

freizeit
02/23/2019

Kvarner Bucht: Spazieren am Lungomare

Kroatien im Februar: Kurz bevor der Frühling beginnt, hat die freizeit noch letzte Winter-Eindrücke an der kroatischen Adria eingefangen.

Dobro jutro – Guten Morgen“, sagt der Kellner auf den letzten Metern  und stellt die Carlsbader Kaffeekanne auf unseren Tisch. An seinem Anzug, der seine Hände fast  verdeckt und nur die Spitzen seiner Siebzigerjahre-Revival-Schuhe zeigt, ist ein Namensschild: Bojan. Es ist Bojans letzte Saison. Er war immer hier im Hotel Kvarner. Ionische Kapitelle an den Säulen, Kristalllüster im Saal, so groß wie ein Wohnzimmer, Teppiche, bis an den Kettfaden abgenützt. Ein kindischer,  eklektischer Erguss aus der Gründerzeit. Das erste Eisenbahnhotel, das die österreichische Südbahngesellschaft in dem neu entwickelten Adria-Kurort in die Weingärten Abbazias stellte. Abbazia, heute Opatija, war Treffpunkt der Kaiser Franz Joseph und Wilhelm. Vielleicht sind sie sogar auf unserem Platz gesessen. Und wenn sie nicht ihr eigenes Reiseservice mitgebracht hatten, haben sie wohl auch aus Karlsbader Service getrunken.

Bojan kann sich noch an uns erinnern.

1913 wurde anstelle der abgebrannten Warmwasserbäder die Kristallhalle gebaut. Die Bälle im Kvarner sind beliebt. Gerade eben werken zwei Serviceleute mit Pagenkappen daran, den Saal für eine Veranstaltung umzubauen. Ein meterhoher Haufen Tischbeine in der einen Ecke des Saals und die dazugehörigen Platten daneben sind ein greifbares Symbol für eine Menge Arbeit. Bojan kann sich noch an uns erinnern. Burgenland-Kroaten haben in Kroatien immer einen Stein im Brett. Weil sie nicht nur pipperln und papperln, sondern auch plaudern und verstehen. Als wir nach dem Zahlen unseren Spaziergang entlang des Meeres antreten wollen, kommt Bojan und sagt: „Ja ču vam ča pokazat – Ich zeige euch etwas!“ Er kramt in seiner Brusttasche und fischt ein abgewetztes Foto heraus, das ihn mit Josip Broz Tito zeigt. Das Silberhaar des Kellners war damals rabenschwarz. Galonstreifen an der Hose und Messingknöpfe, so groß wie Maria-Theresien-Taler. Es scheint, als hätte Bojan auf dem Bild den selben Anzug an wie heute.
 

Das Beste am Lungo Mare ist schon der Name der zwölf Kilometer langen Promenade. Das Schönste am schönsten Spazierweg der Welt ist aber auch, dass er einen Bezug zur k.-u-k.-Zeit hat und der Kaiser selbst  – rein grammatikalisch – durch die Deklination der Fälle in der kroatischen Sprache  zur Frau wird: Obalno šetalište Franza Josefa (Franz-Joseph-Promenade). Der Kaiser war oft hier. Letztendlich ist er das Mastermind hinter dem Projekt, einen Fluchtpunkt zum Winter in Wien aus dem Boden zu stampfen. Samt Bahnhöfen an den jeweiligen Endpunkten SemmeringAbbazia und der dazugehörigen Semmeringbahn. Legionen von Ingenieuren hat dieses Projekt hervorgebracht. Hirnschmalz ohne Ende. Erst als die enorme Steigung der Geleise für die Dampflokomotive in der Nähe der Kalten Küche mit 28 Prozent technisch von Carl Ritter von Ghega überwunden wurde, konnte an Komfort gedacht werden.

Zuflucht der k.-u.-k-Zeit im Winter

Bis die livrierten Diener und berockten Stubenmädchen in den Hotels „Südbahn“ – der Quasi-Einsteigstelle in das Land vor dem Winter – und dem Hotel Kvarner in Abbazia ihre neue Arbeitsstelle antreten konnten, musste noch einiges getan werden. Alles wurde neu auf die grüne Wiese gestellt. An die Adria gepflanzt. Heerscharen von kaisertreuen Diplomingenieuren, Dr. Techs, Polierern, Partieführern und einfachen Arbeitern  machten sich auf den Weg. Brunnenbohrer drillten in die Tiefe und spürten nach Heilwasservorkommen, Chemiker analysierten die geborgenen Wässer, Geologen sondierten Sediment, Statiker fundierten, Architekten harmonisierten zwischen privaten Bedürfnissen und der heutigen Gegebenheit. Letztlich kamen die k.u.k. Hoflieferanten angereist. Für die Ausstattung des Sets mit handgeschliffenen Terrazzoböden und Marmorstiegen. Für geätzte Spiegel, filigrane Schmiedeeisen, das eichhörnchenschwanzhaargepinselte Blattgold, Intarsien-Tische, Sternparketten, Seidentapeten und Emaillebadewannen. Und für das  Rosshaar und den Brokat für die Tapezierung, auf dem wir im Kvarner noch heute sitzen.

Es ist Anfang Februar. Ein paar Schneeflocken tanzen in der Luft. Wir zippen unsere Goretex-Jacken dicht. Bereit zum Start des ersten von den zwölf schönsten Kilometern. Danke Franza Josefa, für deinen schönen, gangbaren Weg. Und die Kulisse am Meer.
 Gutes Schuhwerk sollte man schon mitbringen. Das Kopfsteinpflaster ist fressbegierig nach Absätzen von hochhackigen Stilettos. Und eine Abdeckung für die Ohren, um vor dem nächtlich einsetzendem Tramontana zu schützen, dem kalten Fallwind vom Gebirge, das uns hier vorgelagert ist. Der Riesenmugel, der das Wetter in Opatija (ital. Abbazia) so anders macht, heißt Učka. Er befindet sich zwischen den Städten Rijeka und Opatija. Seit es den Lungomare gibt, ist dort oben in einem Aufwasch auch gleich ein Aussichtspunkt errichtet worden. Wohl um das Erschaffene auch aus der Vogelperspektive  zu sehen.  Gleitschirmflieger lieben diesen Ort. Das Schutzhaus Kronprinzessin Stephanie (nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie umbenannt in Rifugio Duchessa d’Aosta) wurde im Jahr 1886 errichtet.

Geschichte, Klatsch und Society

Von hier oben betrachtet kann man im Groben sagen, dass Opatija in der Mitte der Promenade liegt. Am linken Ende liegt das kleine Fischerdorf Volosko, rechts von Opatija der Villen-Ort Lovran. Das Pendel der Interessen schlägt links für die Anhänger von Natur und maritimen Schönheiten und rechts für die Anhänger des Fin de Siècle.  Geht man nach Volosko, findet man eine kroatische Besonderheit, die man erst in Savudrija in Richtung Triest wieder findet, nämlich an Haken aufgehängte Ruderboote, die anmutig wie Schwanenhälse am Pier baumeln. Wer die Themen Klatsch, Geschichte und Society bevorzugt, findet eher am Lovran-Flügel eine der praktischen Informationstafeln entlang des Weges. Was aber nicht bedeutet, dass man den Lungomare gleich nach den ersten Spaziergängen durchblickt. Erst kürzlich ist ein trockengemauerter Turm in der Bucht von Preluk, den wir schon x-mal passiert haben, als Ausguck für Thunfisch-Schwärme erkannt worden. Segler kreuzen hier gerne am Ende der Tage après auf, um die nachmittäglichen und abendlichen Windverhältnisse zu nützen.
 

Andrássy, der ungarische Revolutionär und Aufständische gegen die Habsburger soll in der Villa Minach bei Volosko drei mal von Sisi besucht worden sein. Auf der anderen Seite des Lungomare, in der
Villa Schalek sollen sich Kaiser Franz Joseph und Katharina Schratt mehrfach getroffen haben.
Villa Glax wurde von dem für Abbazias Entwicklung bedeutsamen gleichnamigen Kurarzt bewohnt. Villa Ariston gleich gegenüber von dessen Tochter und später vom italienischen Prinzen Andrea Boncompagni. Die einstmals prächtige Villa Münz, 1903 für den Bauunternehmer und Straßenbahnkonzessionär Jakob Ludwig Münz errichtet, erscheint heute dem Verfall preisgegeben. Villa Frappart gilt als eines der gelungensten Bauwerke des Architekten Emanuel von Seidl, der mit seinen Villenbauten stilbildend war.
Villa Rosalia ist für Burgenländer dem Namen nach interessant, ist sie doch namensident mit der zweithöchsten Erhebung des Flachlandes. Hier wohnte der seinerzeit angesagte Geiger Jan Kubelík, dessen Genie mit dem Paganinis verglichen wurde. Er ließ die Villa schallisolieren, damit er üben konnte, während seine Kinder schliefen.
 

Viele Spaziergänge werden noch erforderlich sein, um die Orte zu erkunden, wo Stefan Zweig, James Joyce und Peter Rosegger wandelten, Ideen für ihre Werke erhielten und Gedichte in wiener, irischer und steirischer Mundart vortrugen.
Unsere Lieblingsvilla ist die Astra. Ein Ensemble von Steineichen und Pinien am Ufer läutet das imposante Anwesen mit eigener Bootsanlegestelle und Palmenhain schon ein, wenn man von Ičići um die Ecke in den Urbarialbereich von Lovran biegt. Nach dem Angiolina Park von Abbazia mit seinen 150 verschiedenen Pflanzenarten – darunter das Wahrzeichen von Opatija: die Kamelie –  schlägt das grüne Herz der Adria hochfrequent und der grüne Daumen juckt. Wir hatten vor einigen Jahren das herzliche Vergnügen, den Käufer, Investor und Betreiber der Villa Astra, Herrn Vjeko Martinko kennenzulernen. Mit sehr viel Gespür für die Restaurierung des ruinösen Bauwerkes mit seinen venezianischen Steinmetzarbeiten ist er vorgegangen. Alles picobello. Die Villa strahlt goldgelb. Er hat sein Geld, das er im Ölbusiness verdient hat, hier zweckgebunden in Stein gegossen.
 

In der Astra kann man auf höchstem Niveau wohnen. Man sagt, Herr Martinko redet gerne mit seinen Gästen auf Augenhöhe. Überall im Garten hängen bunte tibetanische Gebetsfahnen. Ein Kater mit Halstuch liegt neben der Steinsphinx.
 Als wir Herrn Martinko vor der Abreise das letzte Mal sehen, geht er gerade in seinem Garten gedankenverloren mit dem Blick nach unten ein Labyrinth entlang. Es ist nicht groß. Man könnte viele Spiralwege dieser Dimension in den Ballsaal des Hotel Kvarner oder Südbahnhotels packen. Er geht sein Labyrinth immer dann, wenn er nach einer Antwort auf eine wichtige Frage sucht. Es ist sein Lungomare im Kleinen.

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