Direktorin Sabine Haag vor einem Werk für die Ausstellung "Beethoven bewegt" einen Tag vor Schließung des KHM

© Kurier/Gilbert Novy

freizeit
04/04/2020

KHM-Direktorin Sabine Haag: "Jeder von uns möchte stark sein"

Offenes Interview: Direktorin Sabine Haag arbeitet seit 30 Jahren im Kunsthistorischen Museum in Wien. Dort hat sie Erfolge gefeiert und harte Zeiten erlebt - menschlich und aktuell mit Corona.

von Barbara Reiter

Der Tag, an dem dieses Interview stattfand, war jener, an dem das Kunsthistorische Museum (KHM), zuletzt geöffnet hatte. Es war ein schöner Tag, zig Kinder tummelten sich im Museum und saßen mit neugierigen Augen auf den Stufen vor einer großen Statue. Ein Stockwerk darüber erkundete eine Gruppe Teenies samt resoluter Lehrerin die ehrwürdigen Hallen. Wir waren gerade dabei, Sabine Haag, Direktorin des KHM, für unser Interview zu fotografieren. Schülerin: „Frau Lehrer, da können wir nicht durch, es wird fotografiert.“ Die Lehrerin:  „Das ist mir wurscht!“ Unbeeindruckt läuft sie unserem Fotografen vor die Optik.

Mittlerweile könnte man im KHM in aller Ruhe Fotos machen, es ist leer, so leer, dass man sich die grimmige Lehrerin zurückwünscht. Seit 30 Jahren ist Sabine Haag in unterschiedlichen Funktionen im KHM tätig. „Was sich in all der Zeit verändert hat“, erzählt sie vor der Schließung, „ist die Lebendigkeit im Haus.“ Lebendigkeit, die jetzt fehlt. Sie wird zurückkehren und dann schöner sein denn je.

Lesen Sie, wie Sabine Haag die Diskussion rund um ihre geplante Absetzung überstanden hat, was gegen Kränkungen hilft und welches Bild uns in Krisenzeiten Hoffnung gibt.

Frau Haag, was ist passiert, seit wir einander am 10. März, einen Tag vor der Schließung des KHM, zum letzten Mal bei Ihnen im Büro gesehen haben?

Wir wurden wie viele andere von der Dramatik der Situation überrascht. Man konnte nicht damit rechnen, dass die Welt von einer Pandemie befallen wird, die alles lahmlegt. Wir haben sofort auf Krisenmanagement umgestellt und alle Mitarbeiter auf Telework geschickt. Beeindruckend war zu sehen, wie sich sofort ein großer Zusammenhalt ergeben hat. Das trägt uns  jetzt durch diese große Herausforderung.

Wie sieht es finanziell derzeit aus?

Es ist ein dramatischer, finanzieller Einschnitt, wenn von einem Tag auf den anderen die Besucher wegbleiben müssen. Wir waren die vergangenen zwölf Jahre wirtschaftlich erfolgreich mit einem hohen Eigendeckungsgrad. Das ist in der Minute weggebrochen. Es ist uns aber durch intensive Gespräche gelungen, für die Bundesmuseen ein Kurzarbeitsmodell anbieten zu können. Das sichert für die nächste Zeit unser wirtschaftliches Überleben. 

Für wie lange?

Für drei Monate. Das gilt für alle Mitarbeiter, außer Beamte, geringfügig Beschäftigte und einer Reihe von Personen, die für Sicherheit, IT oder Kommunikation tätig sind. 

Dass es ohne Kunst und Kultur nicht geht, beweisen Gänsehaut-Videos vor allem aus Italien, wo Menschen Opern-Arien auf ihren Balkonen singen.

Schön, dass Sie das  erwähnen. Es ist ein Lichtblick, dass gerade in Italien, das als hoch industrialisiertes Land in Mitteleuropa nach China so stark betroffen ist, die Menschen sich täglich um 18 Uhr verabreden, um zu musizieren und in Kommunikation zu treten. Das zeigt das Bedürfnis der Menschen, sich auszudrücken. Es ist  noch so viel Lebensfreude, mit der die Menschen dieser so großen Bedrohung trotzen.

Wo befinden Sie sich derzeit, im Museum oder daheim?

Ich pendle zwischen daheim und Museum, bin aber alleine im Büro. Ich denke, dass ich auch bald von Zuhause arbeiten kann, wenn alles geregelt ist.

Sie sind seit 30 Jahren am Kunsthistorischen Museum. Sehen Sie die Schönheit des Hauses noch?

Es ist ein absolutes Glücksgefühl durch das Haus zu gehen. Das hat sich in all den Jahren überhaupt nicht verändert.

Was war Ihre erste Tätigkeit hier?

Ich bin als Absolventin der Kunstgeschichte in die Kunst- und Schatzkammer gekommen. Meine Aufgabe damals war es, das Inventar in den Computer zu übertragen.

Ui, da haben Sie ganz klein angefangen.

Ich habe damals schon gesagt, ich bin keine Sekretärin, sondern gelernte Kunsthistorikerin. Ich möchte die Objekte sehen, die Literatur dazu lesen und mit den Restauratoren sprechen können. Dadurch hatte ich Gelegenheit, über fünf Jahre jedes Objekt zu studieren und im Austausch mit anderen Kollegen, die Demut davor zu entwickeln. Darum geht es ja im Museum: zu lernen, was ein Objekt überhaupt ausmacht.

Welches Bild berührt Sie derzeit besonders?

Sie sprechen genau das Richtige an. Kunstbetrachtung ist immer etwas sehr Emotionales, das auch etwas mit der eigenen Stimmung und Befindlichkeit zu tun hat. Einer meiner ‚all time favorites‘ in der Gemäldegalerie ist Anthonis van Dycks „Samson und Delilah“, wo dieser Hüne von Mann genau in dem Moment dargestellt ist, als er begreift, dass er von seiner Geliebten verraten wurde. Ich kriege Gänsehaut, alleine, wenn ich an das Bild denke. Dieser Moment des Verrats der Liebe ist etwas, was mir durch Mark und Bein geht, auch, wenn mich das selbst im Alltag zum Glück nicht begleitet.

Wie sieht Ihr Alltag derzeit überhaupt aus?

Wenn ich aufwache, schaue ich zuerst am Handy, was an Nachrichten hereingekommen ist. Dann beginnt das virtuelle Krisenmanagement über Videokonferenzen, Telefon und E-Mails. Wenn ich mich abends dann dem Privatleben widmen kann, bin ich im Moment sehr müde. Das tut mir oft leid für meine Familie. Trotzdem hat sich im Bewältigen der Krise auch privat eine neue Qualität ergeben, weil alle zu Hause sind. Neulich habe ich mit einer Freundin am Telefon besprochen, dass es eigentlich wie in der Skiwoche ist. Man sitzt zusammen und packt die Brett- oder Wissensspiele aus. Das ist eigentlich sehr nett.

Apropos: Die beste Zeit, sich neues Wissen anzueignen, ist jetzt. Wie ermittelt man eigentlich den Wert eines Bildes, egal ob alter Meister oder zeitgenössisch?

Dazu muss man sagen, dass ein Wert nicht immer gleich bleibt, sondern sich nach Angebot und Nachfrage richtet, aber auch  danach, ob es sich um ein Unikat handelt oder vom betreffenden Künstler viel auf den Markt kommt.  Im Bereich der alten Kunst  schaut man auch in Versteigerungskataloge, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo die preisliche Range liegt.  Wenn wir jetzt ein Gemälde von Pieter Bruegel der Ältere nehmen, ist der Marktwert derzeit ein sehr, sehr hoher, weil es im Moment grundsätzlich keine Bruegels zu kaufen gibt. Und es geht um Provenienz, woher kommt das Werk und in welchem Zustand ist es?

Wofür muss ich tiefer in die Tasche greifen, die alten Meister oder moderne Kunst?

Wenn man das vergleicht, stellt man fest, dass die Preise der alten Meister gegenüber der zeitgenössischen Kunst im Verhältnis noch drunter liegen. So ein spektakuläres Versteigerungsergebnis wie 2019 beim berühmt gewordenen „Salvator Mundi“ von Leonardo da Vinci um 450 Millionen Euro liegt natürlich jenseits eines nachvollziehbaren Wertes, aber es war ein wichtiges Signal für die grundsätzliche Bedeutung alter Meister am heutigen Markt.

Was, wenn jemand so ein teures Bild erwirbt und nicht richtig lagert?

Als privater Besitzer eines Kunstwerks kann ich damit machen, was ich will. Ich kann es im Safe aufbewahren, wo niemand etwas davon hat oder in einem privaten Museum präsentieren. Ich kann’s aber auch in der Küche aufhängen, was wahrscheinlich weniger optimal ist. Wenn wir auf unsere Sammlung schauen, konnten die Habsburger ihre Kunst auch aufbewahren und präsentieren, wie sie es für richtig hielten. Generell finde  ich es immer am schönsten, wenn Kunst für alle zugänglich ist.

Haben Sie schon einmal jemanden privat besucht, der einen alten Meister besitzt?

Das gehört zu den spannenden Momenten meiner Tätigkeit. Man kommt ins Gespräch mit dem Sammler, erfährt, ob er einen Bezug zum Objekt hat oder es nur  eine Wertinvestition war. Da gibt’s die ganze Bandbreite. Am schönsten ist es aber, wenn man spürt, dass die Kunst für den Besitzer eine Bedeutung hat. Da trifft man die unglaublichsten Leute und erfährt tolle Geschichten.

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Sie strahlen, wenn Sie über Ihre Arbeit sprechen. War es schmerzhaft, als man Sie Ende 2018 als Direktorin absetzen wollte?

Mir war immer klar, dass ich das Haus bis zu meinem Abgang bestmöglich führen möchte, weil es mich interessiert und wir großen Erfolg hatten, aber auch, weil dem Besucher egal ist, was hinter den Kulissen passiert. Je länger die Übergangszeit gedauert hat, desto schwieriger wurde es. Dass es dann so eine unerwartete Wendung gab, war für niemanden absehbar. Ich habe das Haus ja bis zur eigentlich geplanten Übernahme meines Nachfolgers noch zehn Monate interimistisch weitergeführt. Erst dann gab es eine  endgültige Entscheidung.

Haben Sie sofort Ja gesagt, als man Sie als Direktorin zurückwollte?

Ich hatte mir schon für mich überlegt, ob es mich reizen würde, nochmals fünf Jahre in diese große Verantwortung zu gehen. Nach einer sehr kurzen Überlegungszeit war mir aber klar, dass ich das sehr gerne machen würde, um den Erfolg fortzusetzen.

Ihre Geschichte zeigt, dass sich bis zum Schluss immer alles ändern kann. War das das Glück der Tüchtigen?

Ich habe mit dieser Wendung nicht gerechnet und mich, denke ich, innerlich gut auf meinen Abschied vom KHM vorbereitet. Nach fast 30 Jahren war mir klar, dass das nicht von einem auf den anderen Tag gehen und mit einer Amtsübergabe dieses lange Kapitel abgeschlossen sein würde. Ich bin aber so erzogen worden, dass man Dinge gut zu Ende bringt und keine offenen Rechnungen hinterlässt, sondern vorwärts gerichtet ist. Ich wusste nur, eine Tür geht zu, eine andere  auf.

Viele Menschen erfahren im Beruf nicht die Wertschätzung, die ihnen eigentlich zustehen würde. Haben Sie einen Tipp, wie man das besser verschmerzt?

Ich glaube, jeder von uns möchte gerne stark sein. Wennman sich in die Opferrolle begibt, wird man aber schwach. Der Mathias Strolz, den ich sehr schätze, hat zu einer Zeit, die für mich eine sehr wichtige war, ein Buch geschrieben. „Sei der Pilot deines Lebens“ und das möchte ich sein, wenn möglich, in jeder Phase meines Lebens. Speziell in schwierigen Zeiten möchte ich das Heft in der Hand halten und sagen: Ich entscheide, was gut für mich ist. Ich gebe die Richtung vor und möchte nicht, dass das andere tun. Ich glaube, dass sich jeder Mensch  in diese grundsätzliche Haltung bringen kann. Das macht stark für Situationen, in denen man nicht 100-prozentig stark ist und dankbar für eine Schulter ist, an die man sich anlehnen kann.

Vor allem in der Familie ...

In meinem Fall eine wunderbare Familie und ein fantastischer Partner. Wichtig  ist auch ein solider Freundeskreis und ein gesundes Selbstbewusstsein. All das sind Elemente, die helfen. Man muss sich auf seine Stärken besinnen und fragen: Was macht mich eigentlich aus? Wenn man mit Verlust umgehen muss, mit Nichtwertschätzung, wenn der Dank, von dem man glaubt, man hätte ihn verdient, nicht ausgesprochen wird, dann sollte das die eigene Befindlichkeit nicht beeinflussen. Ich weiß, das sagt sich leichter, als es tatsächlich ist, aber man kann mit Stärke und Zuversicht vielen Schwierigkeiten im Leben sehr gut begegnen.

Welches Bild kann uns in der Coronakrise Hoffnung geben?

Ein spektakuläres Bild aus der im Jänner zu Ende gegangenen Caravaggio-Ausstellung war die „Rosenkranzmadonna“. Sie führt gut den Trost vor Augen, den man durch die Religion bekommen kann. Ich mag das Bild auch so gerne, weil es darüber hinaus unterschiedliche Möglichkeiten aufzeigt, Antwort auf Hoffnung zu finden. Ich kann sie direkt bekommen oder über Fürsprache, durch das direkte Gebet oder einen vermittelnden Mönch. Es ist die bildliche Darstellung dessen, dass es Hoffnung gibt, wenn der sorgenvolle,  verängstigte Mensch sich mit seinen Fragen und Gefühlen an jemanden wendet. Man bekommt etwas zurück, nicht nur im religiösen Sinne, sondern aus dem Vertrauen heraus, dass es etwas gibt, das uns in schwierigen Zeiten den Weg weisen kann.

Was werden Sie als Erstes tun, wenn unser Leben normale Formen annimmt?

Ich freue mich wahnsinnig darauf, wieder die ganze Familie zu treffen. Mein 88-jähriger Vater lebt in Bregenz. Ihn möchte ich als Erstes besuchen – und Freunde wiedersehen, Sport machen. Aber natürlich freue ich mich auch wieder, in Museen zu gehen und Konzerte zu besuchen.

Was wird Ihre Erkenntnis der Krise sein?

Es ist beachtlich zu sehen, dass  einem in Zeiten der absoluten Reduktion bewusst wird, wie reich das normale Leben ist. Das wird sicher eine Erkenntnis, mit der ich nicht allein bin.

Sabine Haag, 58, wurde 1962 in Bregenz in Vorarlberg geboren und wuchs neben dem  Bildhauer Hermann Albrecht auf. Sie verbrachte viele Stunden in seinem Atelier und entdeckte so ihre Liebe zur Kunst. Später sah  Haag im Mauritshuis im niederländischen Den Haag Vermeers „Das Mädchen mit den Perlenohrringen“. „Das Bild war so unmittelbar und ging mir durch Mark und Bein.“

Haag studierte Kunstgeschichte und begann mit 28 Jahren als Kuratorin in der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien. Seit 2009 ist sie Direktorin des KHM. Mitte 2017 gab der damalige Kanzleramtsminister Thomas Drozda  bekannt,  Eike Schmidt würde Haag nachfolgen. Er sagte aber  ein  Monat vor Beginn seiner Amtszeit am 1. November 2019 ab. Haag führte das KHM auf Wunsch von Minister Alexander Schallenberg interimistisch. Er bestellte sie mit 2020 erneut zur Generaldirektorin des KHM. „Ich gehe davon aus, dass mir Ulrike Lunacek weiter das Vertrauen schenken wird.“

Gehen Sie online ins Museum. Es zahlt sich aus: www.khm.at

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