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freizeit
01/27/2020

Kein Strich zu viel: "Die Peanuts" werden 70

Die Zeichentrickfamilie um Charlie Brown schafft das Unmögliche: Die Freunde von Snoopy bleiben jung, obwohl sie längst erwachsen sind.

von Bernhard Praschl

Als Apple vor wenigen Wochen ins Streaming-TV einstieg, wollte man von Anfang an hoch hinaus. Starke Serien, super  Filme mussten her sowie ein Comic-Strip-Star als Zugpferd: Die Wahl fiel ausgerechnet auf den verspielten   Snoopy. Und nicht irgendeinen aufgeblasenen Superhelden.

Mit dem zwölfteiligen Animationsabenteuer „Snoopy im All“ trug der Technologiegigant zwar dem lange gehegten Traum vom Fliegen des bekanntesten Beagle der Welt Rechnung.  Der prognostizierte Paukenschlag in der Streaming-Szene verhallte etwas. Egal, für die Zeichentrickfamilie „Die Peanuts“  war es ein gelungener Einstieg ins Jahr 2020. Denn rund um Charlie Brown & Co. stehen heuer gleich mehrere Jahrestage und Jubiläen an.

Die Meilensteine: 70 Jahre Peanuts im Oktober und der 20. Todestag von deren Schöpfer Charles M. Schulz am 12. Februar machen nur den Anfang. Im Jahr 1970  erhielt der kleine gelbe Vogel offiziell seinen Namen Woodstock. Vor 55 Jahren schrieb  der West-Coast-Jazzer Vince Guaraldi mit der Musik für den Weihnachtsfilm „A Charlie Brown Christmas“ den Soundtrack für die legendären Serienhelden.  Und so nebenbei  ruft man sich  gerne in Erinnerung, dass Schulz ganze 50 Jahre lang   immer wieder neue Stories  zu seinen kleinen Geschöpfen zeichnete. Tag für Tag. Auch das  schon  eine  Sensation.

17.800 Strips in Serie

"Die Peanuts“ also. Entstanden aus einer Serie mit Comic-Strips mit Kindern („Li’l Folks“), entwickelten sich die rundköpfigen Kids um den eigenwilligen Hund  ab  Herbst 1950 zu einem echten Erfolg. Ihr  Schöpfer, der schmalbrüstige Monroe Schulz, sollte insgesamt 17.800 Alltagsgeschichten rund um diese kleine Welt zeichnen – alle eigenhändig, ohne Schablonen, ohne Assistenten.

Ein Strip voller Weisheit

Am Höhepunkt seiner Karriere wurde der Cartoon weltweit in mehr als 2.600 Zeitungen in 75 Ländern abgedruckt. Das Prinzip dabei war meist dasselbe. Der „Strip“, die vier kleinen Bildchen, erzählten stets eine Story, die trotz der Kürze vor Weisheit nur so strotzt. Und das, ohne dass Erwachsene darin zu Wort kommen.

Ein Beispiel: Charlie Brown überlegt, den Lehrer zu fragen, ob er seine Schulbank näher zu jener des kleinen rothaarigen Mädchens rücken  darf. „Dann kann ich einmal ihre Hand berühren.“ Aber schon in Bild drei folgt die Befürchtung: „Sie wird mich ansehen, als hätte ich den Verstand verloren.“ Um im Finale seinen Frust heraushängen zu lassen: „Ich frage mich, ob ich meine Schulbank nicht besser auf den Gang schieben soll.“

Scheitern lernen

Während man Charlie Brown beim Scheitern zusehen konnte, zeichnete sich Charles M. Schulz zum Milliardär. Selbst Jahre nach seinem Tod sorgt er bei seinen Rechte-Verwaltern für Einnahmen ohne Ende. Nur Elvis und John Lennon gelten als  erfolgreichere tote Umsatzbringer.

Ein Ende dieser Erfolgswelle ist nicht abzusehen. Zum einen, weil Jean Schulz, die Witwe, seine fünf Kinder, die Agentur Peanuts Worldwide LLC aus New York sowie der deutsche Carlsen-Verlag sich redlich um das umfangreiche Erbe kümmern. Zum anderen, weil Peanuts-Leser diesen  Figuren ein Leben lang treu bleiben.

Mikrokosmos für Millionen„Wie Millionen von Amerikanern bin ich mit den Peanuts aufgewachsen; aber ich bin ihnen nie entwachsen“, schrieb etwa Barack Obama noch als US-Präsident im Vorwort eines vor drei Jahren erschienenen Sammelbandes.

Nicht der einzige „Peanuts“-Fan mit klingendem Namen. Umberto Eco („Der Name der Rose“) gehörte 1963 zu den Ersten, die einen tieferen   Sinn hinter den Strichzeichnungen sahen: „Diese Kinder berühren uns, weil sie in gewisser Weise Monster sind: Sie sind monströse, infantile Reduktionen aller Neurosen eines modernen Bürgers.“


Psyche der „Peanuts

Na, wer wird denn? Gerade  wegen ihrer Schrullen sind Charlie Brown & Co doch so liebenswert. Oder zumindest interessant. Die Wiener Psychologin Claudia Altmann hat sich für die  etwa die  „Peanuts“-Figur Lucy zur Brust genommen. Mit ihrem Psycho-Beratungsstand ist die ältere Schwester von Linus   wie geschaffen für eine vermittelnde Funktion, könnte man meinen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Lucy im Comic Strip

„Eine gute Beziehungsgestaltung benötigt von allen Beteiligten ein gewisses Maß an Kooperation und Einfühlungsvermögen“, erklärt  Altmann. „Lucy zeigt dies nicht. Aus einer ernsthaften, psychologischen Sicht ist das traurig, denn sie kann offensichtlich keine richtige Nähe zulassen und Freundschaften eingehen, sondern boykottiert Freundschaften immer wieder.“

Schon in der Anlage seiner Figuren spiegelt sich  die Ambivalenz ihres Schöpfers Charles M. Schulz. Depressiv soll er gewesen sein und nicht einmal kinderliebend, attestierte ihm vor Kurzem die kontroversielle Biografie „Schulz and Peanuts“. Alles halb so wild, konterten sogleich Witwe Jean Schulz und seine fünf Kinder aus erster Ehe. Aber die haben schon  aus erster Hand miterlebt, dass in den vermeintlichen Kinder-Comics  nicht alles  zum Lachen ist.

Kinderklavier ganz groß

Dieser Gag ist allerdings genial: Dass die kühle Lucy  für den stillen Schroeder schwärmt. Aber womöglich brodelt es auch in ihm. Isabel Ettenauer, Pianistin  aus St. Pölten, hat jedenfalls ein an die „Peanuts“ angelehntes Stück namens  „Schroeder’s Revenge“ im Programm.  „Natürlich startet es mit dem Thema von Beethovens ,Mondscheinsonate’. Bald ist  Schroeder die Sonate  jedoch  leid und er bricht auf zu neuen Gefilden.“
Beethoven bleibt er treu. Immerhin. So wie Fans den neuen „Peanuts“. Vicky Scott zeichnet sie, eine Frau, die einer anderen „Peanuts“-Figur sehr  ähnelt: Peppermint Patty.     

Alles andere als Kinderkram

Unter Psychologen hat es sich längst herumgesprochen: Von den  „Peanuts“ kann man ganz schön viel lernen. Nicht nur, weil mit Lucy und ihrem  Beratungsstand („Psychiatrische Hilfe, 5 Cent) die analytische Wissenschaft erstmals  in die Kinderzimmer einzog.

Zehn Jahre ist es her, dass der US-amerikanische Psychologe  James C. Kaufman die  „Charlie-Brown-Theorie der Persönlichkeit“ aufstellte. „Er erkannte nämlich in den fünf Hauptprotagonisten der ,Peanuts’ die ,Big Five’ der Persönlichkeit“, so die Wiener Psychologin Claudia Altmann. Dem „Big Five“ (oder Fünf-Faktoren)-Modell zufolge lässt sich jeder Mensch  diesen Merkmalen zuordnen:

Geselligkeit: Snoopy ist ein typisches Modell für Extraversion. „Begeisterungsfähig, wagemutig und immer bereit für ein Fettnäpfchen, will  er an jeder Aktivität und Konversation teilhaben.“

Offenheit für Erfahrungen: Linus mit der Schmusedecke ist so aufgeschlossen wie allwissend. 

 Gewissenhaftigkeit: Schroeder. Der Bub mit der Beethoven-Büste auf dem Kinderklavier symbolisiert Disziplin und das völlige Aufgehen in einer Leidenschaft – der klassischen Musik.

(Un-)Verträglichkeit: Lucy. Typischerweise verhält sie sich unangenehm zu anderen: Sie spielt sich bei ihren Freunden als Boss auf, herrscht über ihren kleinen Bruder und spottet über das Selbstbewusstsein von Charlie Brown.

Verletzlichkeit: Charlie Brown. Er neigt zu Depression, Ängstlichkeit und lähmenden Anfällen und ist ständig besorgt darüber, ob er gemocht und respektiert wird.

Nur so zum Spaß:  In welchem Charakter bzw. Typ erkennen Sie sich wieder?

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