Glückliche Katze? Halter unterschätzen diese zwei Faktoren
Katzenbesitzer bewerten die Lebensqualität ihres Vierbeiners oft mit Bauchgefühl und übersehen objektive Kriterien, die Haustieren guttun.
Katzen haben das Zeug, Menschen glücklich zu machen. Das steht nach Jahrtausenden des Zusammenlebens außer Zweifel. Samtpfoten steigern nachweislich das physische und psychische Heil des Halters, sie senken Stresshormone, regulieren den Blutdruck und tragen zur Ausschüttung des Kuschelhormons Oxytocin bei. Allein ihre Anwesenheit tröstet die Seele. Doch wie ist es um das Befinden der Haustiere selbst bestellt?
Wissenschaftler der Vetmeduni Wien wollten klären, woran Katzenbesitzer die Lebensqualität ihrer Lieblinge messen, und ob diese Einschätzung mit einer objektiven Bewertung übereinstimmt.
Kürzlich veröffentlichten sie die Ergebnisse ihrer Online-Umfrage mit 421 Gelegenheitsteilnehmern im Fachmagazin Applied Animal Behaviour Science. KURIER-Tiercoach Katharina Reitl weiß aus der Praxis, wie schwierig es oft fällt, Vierbeiner zufrieden zu halten. Gut gemeint tut den Schützlingen nicht immer gut.
„Katzenbesitzer in Österreich und Deutschland bewerten die Lebensqualität ihrer Vierbeiner im Durchschnitt mit bemerkenswerten 89 Punkten“, sagt Studien-Erstautor Andrea Sommese vom Zentrum für Tierernährung und Tierschutzwissenschaften. Die Skala reichte von 0 „schrecklich“ bis 100 „ausgezeichnet“.
81 Fragen umfassten u.a. das Alter und Geschlecht der Katze, betrafen z.B. die Beschaffenheit des Fells und den Ausdruck der Augen, drehten sich um die Aktivität bzw. Gemütlichkeit des Vierbeiners in den letzten sieben Tagen und darum, ob das Haustier Familienmitgliedern zuging oder auswich.
Katzenbesitzer zogen die Gesundheit in ihre Bewertung ein
„Gesundheit und sichtbare Verhaltensänderungen beeinflussten die Einschätzungen der Besitzer stark“, hebt der Verhaltensbiologe die erwarteten Ergebnisse hervor.
Zudem wurde die Mensch-Tier-Beziehung, darunter Streicheleinheiten und Ansprache, als Wohlfühlfaktor berücksichtigt. Den Haltern war nicht zuletzt bewusst, dass eine Umgebung, die Klettern, Erkunden und Jagen ermöglicht, Katzen freut.
„Eine artgerechte Haltung deckt die natürlichen Bedürfnisse des Vierbeiners“, sagt denn auch Katharina Reitl. Der Zoodoc aus der Tierärztlichen Ordination Tiergarten Schönbrunn weiß, dass Katzen geborene Ansitzjäger sind. Freigänger können das ruhige Warten vor dem Mäuseloch und das rasche Zuschlagen einfacher ausleben; Wohnungskatzen müssen ihren Instinkt im Spiel befriedigen können – wohlgemerkt dann, wann sie Lust dazu haben.
Das gilt ebenso für die Kuschelzeit. Zwangsbeglückung ist völlig unangebracht. „Sucht die Katze Ruhe, muss sie sich zurückziehen können“, sagt Reitl. Besitzer müssten ihre Sehnsucht nach Körperkontakt zurückstellen.
Körpergewicht wurde als Wohlfühlfaktor oft übersehen
„Das Körpergewicht der Katzen spielte in den intuitiven Bewertungen keine Rolle“, lenkt Sommese den Fokus auf überraschende Studienergebnisse und spricht von einer „Bewertungsblindheit“. Schließlich beeinträchtigt Fettleibigkeit die Mobilität des Vierbeiners und kostet Lebensjahre.
Genauso wenig Beachtung schenkten die Befragten dem Alter. Sie stuften Senioren oft wie Jungtiere ein. Sommese: „Zwar löst dieser Faktor in der Regel keinen Alarm aus, er ist aber wichtig für die Lebensqualität.“
Dem stimmt der KURIER-Tiercoach zu. Übergewicht dürfe nicht in Kauf genommen werden. „Halter verschließen oft die Augen vor der gesundheitlichen Belastung durch zusätzliche Kilos. Ausgewogene Ernährung liegt in ihrer Verantwortung.“
Es liegt in der Verantwortung des Besitzers, die Katze artgerecht zu halten
Auch in Bezug auf das Alter bekräftigt die Tierärztin: Einer betagten Katze mit Wehwehchen kann durchaus geholfen werden. Ein Diätwechsel entlastet die Organe und unterstützt den Stoffwechsel, Arzneimittel wiederum – etwa bei Arthrose – lindern Schmerz. Der Veterinärmediziner des Vertrauens klärt, wie dem Patienten am besten geholfen ist.
„Katzenbesitzer sollten beachten, dass das Bauchgefühl zwar wertvoll ist, es aber auch sinnvoll ist, das Leben der Katze regelmäßig strukturierter zu gestalten“, zieht Studien-Erstautor Sommese Schlüsse für den Alltag.
Bauchgefühl und Vermenschlichung können in der Haustierhaltung Schaden anrichten
Tierärztin Reitl bestätigt mit Erfahrungen aus der Praxis: „Wir merken immer wieder, dass es Haltern schwerfällt, das Wohlbefinden ihres Lieblings objektiv zu beurteilen.“ Allzu oft würden eigene Vorlieben auf den Vierbeiner übertragen. „Haustiere haben das Recht, glücklich zu sein. Ein vermenschlichtes Verwöhnprogramm trägt dazu nicht unbedingt bei.“
KURIER Tiercoach
Der KURIER-Tiercoach Frau Dr. Katharina Reitl aus der Tierärztlichen Ordination Tiergarten Schönbrunn gibt exklusiv für den KURIER regelmäßig Tipps zur Haustierhaltung.
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