freizeit
09.06.2018

Im Rausch der Düfte - Parfummetropole Grasse

Am „duftenden Balkon der Côte d’Azur“ riecht es nicht immer nach Jasmin, Lavendel und Rosen. Eine Spurensuche in Grasse.

Eine Geruchssymphonie. Von guten und schlechten Aromen. In der Weltstadt der Düfte, in Grasse, in Südfrankreich – am „duftenden Balkon der Côte d’Azur“. Doch der betörende Geruch der rund um die Stadt wachsenden Parfum-Ingredienzien – Jasmin und Lavendel, Rosen und Zitronen – vermischt sich mit dem Gestank von Grasse. Aus den schmalen Schluchten der Seitengassen weht morgens der Mief von Küchenabfällen auf den Place aux Aires, wo schon früher beim Lederwaschen Gerber üblen Geruch produzierten. Und vor dem Parfum-Museum stinken die Touristenbusse um die Wette. Drinnen werden die Besucher über fünf Stockwerke durch die Geschichte des Parfums getrieben. Nachdem man in einer Duftschleuse das Museum  betreten hat,  wird das Geruchsgedächtnis geschult, man erlebt die Pyramide des Duftes mit den Basisnoten, Herznoten und Kopfnoten. Und die hohe Kunst der Extraktion, Mischung und Konservierung der Duftstoffe. Für einen Liter Essenz benötigt man 3,5 Tonnen Rosenblätter, bis zu 100 Kilo werden pro Tag gepflückt, rund 35.000 Rosen. Auf der Geruchsreise durch die Jahrhunderte erfährt man, dass Parfumeure ihren Ursprung im alten Ägypten hatten, im Versailles des 18. Jahrhunderts Parfum maßlos und verschwenderisch – als Waffe gegen schlechte Gerüche – verwendet wurde: Baden galt als ungesund, Wasser stand im Verdacht, Krankheiten zu übertragen und sie zu verbreiten. Die ersten Experimente in den Duftlabors des 19. Jahrhunderts werden präsentiert und die Entstehungsgeschichte des berühmtesten Parfums der Welt, Chanel No. 5. Kreiert wurde der Duft 1921 von Ernest Beaux, einem ehemaligen Parfumeur am russischen Zarenhof für Mademoiselle Gabrielle Coco Chanel. Einem eleganten schwarzen Schwan, wie sie von Jean Cocteau bezeichnet wurde. Cocos Sprüche hallen seit mehr als 100 Jahren nach. Etwa „Eine Frau sollte sich jeden Tag so anziehen, als könnte sie ihrer großen Liebe begegnen“. Davon merkt man bei den Touristinnen im Parfum-Museum wenig.   Der intellektuelle Dandy Cocteau fuhr nie hinauf nach Grasse, er blieb lieber am Meer im 40 Kilometer entfernten Trubel der Côte d’´Azur. In der Bar des „Négresco“ in Nizza, wo er mit dem Spruch „Gestatten: Jean, Jean Cocteau. Mein Name ist der Plural von Cocktail“ am frühen Abend schon leicht illuminiert auftauchte. Oben in Grasse kann man  sich auf die Spuren des Buches „Das Parfum“, des erfolgreichsten deutschsprachigen Romans aller Zeiten, begeben. Patrick Süskinds mehr als 20 Millionen Mal verkaufte Geschichte des Jean-Baptiste Grenouille, der im 18. Jahrhundert mit einem phänomenalen Geruchssinn, aber ohne jeden Eigengeruch auf die Welt kommt. Er lebt zunächst als Eremit und wird später zum Mörder, als er seine Vision, der „größte Parfumeur aller Zeiten“ zu werden, in die Tat umsetzt. Mit einem grausamen Plan: Jean-Baptiste beschließt ein Parfum zu kreieren, dem – in einer stinkenden Welt – keiner widerstehen kann. Seine wichtigsten Ingredienzien dafür: der Duft von 25 unberührten, blutjungen, bildhübschen Mädchen. Süskind beschreibt das Grasse von früher als „unglaublich schmutzig, trotz oder vielmehr gerade wegen des vielen Wassers, das aus Dutzenden von Quellen und Brunnen sprudelte, in ungeregelten Bächen und Rinnsalen stadtabwärts gurgelte und die Gassen unterminierte oder mit Schlamm überschwemmte“. Den Duft hingegen nennt er einen Bruder des Atems: „Mit ihm ging er in die Menschen ein, sie konnten sich seiner nicht erwehren, wenn sie leben wollten. Und mitten in sie hinein ging der Duft, direkt ans Herz, und unterschied doch kategorisch über Zuneigung und Verachtung, Ekel und Lust, Liebe und Hass.“ Wer die Nasen der Menschen beherrscht, lässt Süskind seinen Schnüffler Grenouille ahnen, beherrscht auch die Herzen der Menschen. In einer der engen Seitengassen von Grasse könnte Grenouille seine olfaktorische Ekstase erlebt und seine Morde an den betörend natürlich duftenden Mädchen begangen haben. Jedenfalls fehlt in keinem Reiseführer der Provence Süskinds sprachgewaltige Beschreibung des Parfum-Städtchens im Hinterland von Cannes. Am Abend wird Grasse seinem Ruf als duftender Balkon der Côte d’Azur gerecht. Auf dem Place aux Aires, rund um das Theater, den Dominikanerbrunnen, die Herrschaftshäuser und das ehemalige Bischofspalais ist nur mehr eine betörende Geruchssymphonie zu erleben: Der Abendwind weht Duft von den Jasmin- und Lavendelfeldern hinunter, der sich mit den Aromen aus den Bistros und Crêperien vermischt. Schon die scheue, schöne Francoise Hardy sang wehmütig „Frag den Abendwind“ …
Viele der bereits renovierten Häuser in Gelb, Orange oder Rot stammen aus dem Mittelalter, wer sich hier treiben lässt, fühlt sich schnell in frühere Zeiten zurückversetzt, als noch viele Menschen auf sehr engem Raum zusammenlebten. Zusammengepfercht von der Stadtmauer wuchsen die Häuser vor allem in die Höhe. Auch heute noch sind die Wohnungen zu eng, abends verwandeln sich die Straßen zu Fußballplätzen der Kinder und die Arkadengänge
  zu Wohnzimmern der Erwachsenen. Im Kontrast zur Glamourwelt der Parfumerieboutiquen. In Grasse, der Weltstadt der Düfte, scheint 300 Tage im Jahr die Sonne. Auf die Menschen und die Felder. So können die bedeutendsten Parfumerzeuger Fragonard, Galimard und Molinard seit Jahrhunderten ihre besonders aromareichen Rohstoffe gleich vor der Haustür ernten. Gewonnen werden die duftenden Ingredienzien durch verschiedene Verfahren wie die Destillation, die schon im 8. Jahrhundert von den Arabern erfunden wurde. Heute bieten die drei großen Parfumeure von Grasse in ihren Manufaktur-Museen Rundgänge an. Eine Welt von zierlichen Flacons, mächtigen Kupferkesseln und gläsernen Destillationsapparaturen. An der Duftorgel mit hunderten verschiedenen Rohstoffen können sich Touristen ihren ganz speziellen Duft zusammenstellen. Das Handwerk der Parfumeure – von der Blüte bis zum Eau de Parfum – ist hier seit mehr als 300 Jahren zu Hause. Die Meister-Parfumeure – Nez (Nase) genannt – trainieren sieben Jahre lang ihre Riechnerven, um schließlich bis zu 6.000 verschiedene Düfte erkennen zu können – und sie dann in einem Parfum ihrer Fantasie zur Geltung zu bringen. Doch in Grasse sind nicht nur Düfte die Essenz des Lebens: Einmal pro Jahr treffen einander  hier die Oldtimer-Fans. Und holen vor allem ihre geliebten 2CVs aus den Garagen. Citroën-Direktor Boulanger erteilte bereits 1934 seinem Konstrukteur Lefèbvre den Auftrag, einen minimalistischen Kleinwagen zu entwickeln: „Mit Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fass Wein, ein Auto, das 60km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 km verbraucht. Außerdem muss es so einfach zu bedienen sein, dass es selbst ungeübte Frauen fahren können. Es muss gut gefedert sein, damit ein Korb voller Eier die Fahrt über holprige Feldwege unbeschadet übersteht. Auf das Aussehen des Wagens kommt es überhaupt nicht
 an ...“ Attraktive Co-Pilotinnen beim Oldtimer-Concours von Grasse sind Mädchen, die im letzten Jahr bei einer Misswahl in der Provence gewonnen haben – oder sich nur knapp geschlagen geben mussten. Jedenfalls können sie glücklich sein, nicht im 18. Jahrhundert zu leben. Als Jean-Baptiste Grenouille in Grasse sein Unwesen trieb.