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freizeit
02/16/2019

"Ich habe zu viele Taxi fahren gesehen"

Wer Bestseller-Autorin Ursula Poznanski (50) nicht kennt, muss sie kennenlernen. Wenn eine Frau harte Krimis schreibt, dann sie.

von Barbara Reiter

Ursula Poznanski? Die Umfrage im Büro ergibt: „Kennen wir nicht!“ Immerhin wurden fünf viel-lesende Kollegen befragt. Sind wir Krimi-Banausen? Nein, denn Ursula Poznanski, die Wienerin, die in Deutschland als Krimi-Star gilt, ist in Österreich noch fast nahezu unbekannt. Dabei beträgt die Gesamtauflage ihrer Bücher zwei Millionen und Poznanski ist wohl eine der wenigen  Frauen im deutschsprachigen Raum, die richtig harte Thriller schreibt. Ihr neuestes Werk heißt „Vanitas“ und handelt von Carolin, die als Polizeispitzel einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens auf der Spur ist. Wir spüren auch nach und begeben uns auf die Fährte von Ursula Poznanski ...

 Frau Poznanski, Ihr neuer Krimi trägt den Titel „Vanitas“. Haben Sie nicht Angst, dass viele Leser sich fragen, was das eigentlich heißt?

Das war die Idee des Verlages. Es wird ein Reihe aus drei Büchern sein und soll im Endeffekt einem Wiedererkennungswert dienen. Vanitas bedeutet Vergänglichkeit. In der Renaissance gab es die Vanitas-Stillleben. Das waren Tische mit verwelkten Blumen, Totenköpfen und möglichst noch einem geschlachteten Fasan darauf als Symbol für Vergänglichkeit.

Ihr Name ist vielen Lesern auch noch nicht so geläufig, dabei haben Sie Millionen von Büchern verkauft. Woran liegt es, dass Sie noch nicht so bekannt sind wie andere Krimi-Autoren?

Witzig, das habe ich mir unlängst auch mit Kollegen überlegt. Bei mir ist es so, dass ich in Deutschland  bekannter bin als in Österreich, aber nicht sagen kann, woran das liegt. Ich glaube, der Krimi ist relativ männlich besetzt. Soft-Krimis wie sie Rita Falk schreibt, sind eher das Ding von Frauen. Aber wenn es in die härtere Schiene geht, wie bei mir, kennt man hauptsächlich einen Sebastian Fitzek oder Andreas Gruber in Österreich.

Hätten Sie nicht Lust drauf, dass man sagt: „Schau mal, das ist die Poznanski!“

Sie meinen, dass man mich auf der Straße erkennt? Wenn es passiert, finde ich es okay. Störend wäre es nur, wenn es sich häufen würde. Dann müsste ich anfangen, darüber nachzudenken, was ich anziehe, wenn ich in den Supermarkt gehe. Aber ich weiß, wie sich das anfühlt. Auf Buchmessen habe ich das Gefühl, es kennt mich wirklich jeder! Da kommen dann auch Leute und bitten um Selfies.

Traumberuf Autorin: Wie sind Sie auf die Idee gekommen?   

Ich wollte immer ein Buch schreiben. Aber jedes Mal habe ich nach 20 Seiten abgebrochen, weil ich nicht mehr weiter wusste oder eine neue Idee hatte. So ging das, bis ich im Jahr 2000 bei einem ORF-Drehbuchwettbewerb mitgemacht habe. Da waren es plötzlich 100 Seiten und ich dachte: „Wenn du hundert schaffst, schaffst du auch 200 oder 400  Seiten. Von da an war mir klar, unter welchen Bedingungen mir der Knopf aufgeht.

Welche Bedingungen sind das?

Ich kann nicht ins Blaue hineinschreiben, muss wissen, wo ich hinwill und wie es ausgeht. Es war auch ein Reifeprozess. Ich konnte erst mit Ende 20, Anfang 30 über diese Dürre-Phasen drüberschreiben. Dann läuft es ohnehin von alleine weiter. Dass es bei mir so gut funktioniert, hat aber auch mit Glück zu tun.

Das Glück des Tüchtigen?

Nicht nur. Es gibt viele Kollegen, die toll schreiben, aber vielleicht nicht zur richtigen Zeit das richtige Thema und den richtigen Verlag finden. Erst wenn alles zusammenpasst, kriegt man Öffentlichkeit und macht sich einen Namen. In Deutschland sagt man in den Buchhandlungen: „Was, ihr Sohn liest nicht? Dann geben Sie ihm einen Poznanski!“ Es wird schon auch einige ungelesene Poznanskis in deutschen Wohnzimmern geben. Das Schicksal teile ich mit vielen Autoren. Aber die Leute kaufen die Bücher.  

Bestseller-Autorin klingt nach guter Einnahme-Quelle. Ist das so?

Ich habe als Journalistin schon gut verdient, aber wenn man beim Schreiben eine gewisse Schwelle überschritten hat, verdient man sehr gut. Es gibt viele, die nicht schlecht verkaufen, aber halbtags noch ihrem Brotberuf nachgehen. Ich konnte ihn aufgeben, weil ich mit dem Schreiben viel mehr verdiene. Würde ich mich mit Fitzek vergleichen, hätte ich noch viel Luft nach oben. Aber ich bin total zufrieden.

Sie schreiben zwei Bücher pro Jahr. Ist das kein Druck, wenn man zwei Bücher pro Jahr abgeben muss, die sich auch noch verkaufen sollen?

Ich habe herausgefunden, dass es dem Fluss meiner Geschichten zuträglich ist, wenn ich am Stück schreibe. Wenn ich ein halbes Jahr überhaupt nichts machen würde, wäre es nicht so leicht, wieder reinzukommen. Ich merke das, wenn ich ein Buch beendet habe. Da überlege ich drei, vier Wochen im Kopf, wie ich das nächste Buch anlege und mache mir höchstens Notizen. Wieder anzufangen zu schreiben, ist dann mühsam.

Wie hoch ist Ihr Tagespensum?

Viele glauben, dass ich mich mit zwei Büchern pro Jahr zu Tode arbeite. Aber die reine Schreibzeit pro Tag sind, Pi mal Daumen, vier Stunden. Das ist ein Halbtagsjob. Natürlich bist du im Kopf dann erledigt, weil man so in der Geschichte drin ist. Ich versuche aber, pro Tag ungefähr 1000 Wörter zu schreiben.

Empfinden Sie das Schreiben manchmal als Qual wie viele Autoren? Das leere Blatt Papier am Beginn, der Rückzug während des Schreibprozesses ...

Wenn es eine Qual wäre, würde ich es nicht machen. Es macht mir wirklich Spaß! Ich glaube, gerade in der Hochliteratur, wo man um jeden Satz ringt, mehr sprachgetrieben ist und viel mehr auf kunstvolle Formulierungen achtet, könnte es so sein. Ich möchte auch, dass sich die Sprache gut liest, lege Wert auf den Stil und will nicht einfallslos schreiben. Ich möchte kein Bücher-Fastfood produzieren. Den Anspruch, dass es Kunst sein muss, habe ich aber nicht.   

Sie sind nach der Schule nicht  sofort Autorin geworden, sondern haben davor verschiedenste Jobs gemacht. Warum?

An Autorin habe ich gar nicht gedacht, weil ich ja der Meinung war, ich kann nicht mehr als 20 Seiten schreiben. Ich war  auf  der Suche und das war es alles nicht!   Ich habe dann bei Werbeagenturen rumgetextet, was super funktioniert hat.  Aber irgendwie wollte ich den Magister machen und habe Publizistik studiert. Nebenbei habe ich weiter gejobbt und lange an der Wiener Staatsoper statiert. Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich gesagt habe: Okay, heute wäre Vorlesung, aber mir ist die Probe wichtiger! Das war es mit dem Studium.

Statistin an der Staatsoper klingt ja auch spannender.

Das war familiär bedingt. Der Bruder meiner Großmutter, mein Großonkel, hat das schon nach dem Ersten Weltkrieg gemacht. So bin ich da reingerutscht. Ich war bei sehr vielen Produktionen dabei und habe auf der Uni auch auf Theaterwissenschaft gewechselt. Die einzige Falle, in die ich nicht getappt bin, war, ein Gesangs-Studium.

Wäre es eine Option gewesen?

Alles, was kreativ und künstlerisch ist, hat mich begeistert. Ich habe aber zu viele Taxi fahren gesehen, während sie immer noch davon geredet haben, eines Tages auf der Bühne zu stehen. Nicht  im Chor, sondern als Solist! Mir war klar, dass das nicht so einfach ist  – wie beim Schreiben auch. Aber ein Buch kann man neben seiner regulären Arbeit auch schreiben und schauen, ob es was wird.

Ihren eigentlichen Durchbruch haben Sie 2012 mit dem Jugendbuch „Erebos“ gefeiert. Würden Sie sagen, das ist die Vorstufe zur Erwachsenen-Literatur?

Für mich ist das Erwachsenen-Buch recht nah am Jugend-Buch dran. Ich mache keine Abstriche, was die Komplexität der Geschichte angeht, passe nur mit Begriffen auf, bei denen ich das Gefühl habe, sie funktionieren bei 14-Jährigen nicht. Aber sonst kommen Menschen ab zwölf da locker mit, auch bei meinen Erwachsenenromanen. Ich rate nur davon ab, weil es doch recht brutal zugeht.  

In einer Szene beschreiben Sie, wie einem Mann Nägel in die Knie geschlagen werden. Wie kommt man darauf?  

Ich habe gelesen, dass das die organisierten Clans wirklich machen, um ihren Ruf nicht zu verlieren.

Würden Sie für eine Recherche auch Kontakte zur Unterwelt aufnehmen?

Das traue ich mich nicht. Man kann diese Sachen auch anders finden.

Sie haben einmal gesagt, Sie könnten sich als Autorin jedes Genre vorstellen, nur den frechen Frauenroman nicht. Was missfällt Ihnen daran?

Ich finde alleine schon die Betitelung despektierlich. Frecher, fröhlicher, Frauenroman! Natürlich gibt es gute und lustige Ausnahmen wie zum Beispiel Kerstin Gier. Sie schreibt mit Köpfchen und sehr selbstironisch. Aber wenn es nur darum geht, dass eine Single-Frau einen Single-Mann sucht und am Ende findet, ist das für mich  ein antiquiertes Erzählmodell. Es füttert das Frauenbild, das wir hinter und gelassen haben sollten.

Im Film „Misery“ raucht der Autor Paul Sheldon immer eine „Lucky Strike“, wenn er ein Buch beendet. Und Sie?

Ich rauche nicht, aber ich trinke ganz gerne (lacht). Also, die Gin-Tonic-Kultur unter Autoren war schon ausgereift, lange bevor Gin Tonic so ein Modegetränk geworden ist.

Sie gönnen sich also einen Gin Tonic?

Ich mache mir meistens ein Flascherl Sekt auf. Manchmal bin ich auch einfach nur erledigt, weil ich bis zwei Uhr nachts geschrieben habe. Dann geh ich schlafen.

Was wünscht man einer Krimi-Autorin? Ein spannendes Leben, oder?

Das habe’ ich aber eh. Es ist jedes Mal wieder spannend, wenn ein neues Buch rauskommt. Da ist immer auch sehr viel Herzklopfen dabei.

Ursula Poznanski, 50, wurde 1968 in Wien geboren und wuchs in Perchtoldsdorf auf. Bevor sie Autorin wurde, interessierte sie sich für unterschiedlichste Studien von Japanologie bis Publizistik, schloss aber nicht ab. Nebenbei jobbte sie in Werbeagenturen, war Statistin an der Wiener Staatsoper und kochte Würstel in der Blutspendezentrale. Später arbeitete sie als Medizin-Journalistin und begann nebenbei, Kinderbücher zu verfassen. 2010 stieg sie auf Jugend-Thriller um. „Erebos“ erschien 2010 und verkaufte sich 250.000 Mal. „Fünf“, ihr erster Thriller für Erwachsene, erschien 2012. Gerade eben ist ihr neues Buch „Vanitas“ erschienen. Die Mutter eines Sohnes (18) lebt in wilder Ehe und hat bis heute zwei Millionen Bücher verkauft.