"Houston, wir haben ein Problem"

Apollo 13 Crew
Foto: Getty Images/Space Frontiers The crew of the Apollo 13 spacecraft, April 1970. Left to right: Command Module Pilot John L. Swigert, Commander James A. Lovell, Jr. and Lunar Module Pilot Fred W. Haise, Jr. (Photo by Space Frontiers/Getty Images)

Vor 45 Jahren schrammte die US-Weltraumfahrt knapp an der bis dahin größten Katastrophe vorbei. Die freizeit traf den heute 87-jährigen Kommandanten von Apollo 13, Captain James A. Lovell – in Houston.

Die Geschichte von Apollo 13 darf spätestens seit dem gleichnamigen Hollywoodstreifen als bekannt vorausgesetzt werden. Im Frühjahr 1970 startete die NASA ihre dritte Mondmission binnen neun Monaten. Doch während die erste Mondlandung durch die Astronauten von Apollo 11 im Juli 1969 noch für weltweite Begeisterung sorgte und die Landung von Apollo 12 nur vier Monate später als Bestätigung der amerikanischen Übermacht im Weltraum gesehen wurde, schwand das Interesse an Flügen zum Erdtrabanten grausam rasch. Was noch vor einem dreiviertel Jahr zur Weltsensation taugte, war plötzlich banaler Alltag. Man schaute im Fernsehen lieber die Johnny-Carson-Show als die Startübertragung aus Cape Canaveral.

4 - 3 - 2 - 1 - Zündung: Die 110 Meter hohe Saturn-V-Rakete der Apollo-13-Mission beim Start vom Kennedy Space Center. Ihre drei Stufen beschleunigten Kommandokapsel und Mondlandefähre auf eine Geschwindigkeit von 39.000 km/h. Zunächst herrschte an Bord noch gute Stimmung. Auf dem Weg zur Startrampe: Bereits knapp drei Stunden vor Zündung der Raketentriebwerke wurden die Astronauten am 11. April 1970 zu ihrem Raumschiff gebracht. 14.13 Uhr Florida-Zeit erfolgte der Start. Die Krise: Nach der Explosion an Bord der „Odyssey“ herrschte im Mission Control Center in Houston helle Aufregung. Unterdessen versammelte sich die Nation in banger Erwartung vor den TV-Bildschirmen. Die handschriftliche Notiz von James Lovell hinterließ er seiner Familie – er verspricht darin ge-
meinsame Ferien in Acapulco und Aspen nach seiner Rückkehr. Weltweites Aufatmen: Das Astronauten-Trio nach seiner Rückkehr zur Erde an Bord des US-Kriegsschiffes Iwo Jima, das die drei nach der Wasserung im Pazifik aufnahm Gefeierte Helden: Nach ihrer sicheren Rückkehr zur Erde wurden die Männer von Apollo 13 weltweit wie Superstars herumgereicht – hier bei einer Parade in Maltas Hauptstadt La Valetta Die Uhr, mit deren Hilfe die Astronauten die Mission ohne Katastrophe beendegte: Omega-Speedmaster aus dem Jahr 1957. Die Grundelemente blieben bis heute gleich Der Held von damals heute: Kommandant James A. Lovell

Dann ging alles schief

NASAFILE - This photo released by NASA on April 20, 1970 shows the moon as seen by the crew of Apollo 13. The North Pole is at the top of the photo. The Pentagon said Monday Dec. 2, 1996 that the unmanned Clementine spacecraft located a small lake-sized m Foto: NASA Das sollte sich zwei Tage nach dem Abheben der gigantischen, 110 Meter hohen Saturn-Rakete schlagartig ändern. Aufgrund von Konstruktionsfehlern und Schlamperei kam es an Bord der Odyssey genannten Kommandokapsel zu einem Kurzschluss in einem Sauerstofftank, der daraufhin explodierte und die Kapsel erheblich beschädigte. Astronaut John Swigert meldete: "Okay Houston, wir haben da gerade ein Problem gehabt." Und als die Missionskontrolle in Texas ungläubig nachfragte, wiederholte Kapselkommandant James Lovell die berühmten Worte: "Houston, we’ve had a problem."45 Jahre später sorgte nun der Uhrenhersteller Omega für ein würdevolles Gedenken an die Ereignisse von damals. Weshalb es nicht die (seit Jahrzehnten chronisch finanzschwache) NASA selbst war, die an eine ihrer größten Stunden erinnerte, ist leicht erklärt: Seit 1965 (inoffiziell bereits seit 1962) tragen alle US-Astronauten im Weltall das Chronographenmodell Speedmaster von Omega. Und die Ganggenauigkeit so einer Stoppuhr sollte auch über Wohl oder Wehe der Apollo-13-Mission entscheiden. Aus diesem Grund waren es die Schweizer, die zwei der Helden von damals noch einmal zusammenbrachten: James Lovell, 87, den Kommandanten von Apollo 13. Und Thomas Stafford, 85, der zuvor schon drei Mal im All war und die dramatischen Tage im Mission Control Center hautnah miterlebte.

Zurück ins Jahr 1970. Der Sauerstofftank war explodiert, das Schiff schwer beschädigt. Rasch wurde erkannt, dass die drei Astronauten nur auf eine Art sicher zur Erde würden zurückkehren können: Indem man ihre Kapsel um den Mond herum und dann direkt zurück Richtung Erde steuert. Allerdings: Dafür würden einerseits mehrere Kurskorrekturmanöver mit den Steuerraketen nötig sein. Und andererseits mussten die Astronauten von ihrer Kapsel in die daran angeschlossene Mondlandefähre umsteigen, da die Kapsel durch die Explosion so schwer beschädigt war, dass sämtliche elektronischen Einrichtungen abgeschaltet werden mussten. James Lovell: Wir Astronauten waren damals alle Testpiloten der Air Force und daran gewöhnt, dass Probleme auftreten können. Es gab auch ein Handbuch mit Krisenszenarien und möglichen Lösungsansätzen. Aber mit solch einem massiven Schaden hatte damals niemand gerechnet.

Die Stimmung an Bord war dennoch nicht vollkommen am Boden, erinnert sich der Kapselkommandant: Fred Haise und John Swigert, meine Kameraden an Bord, waren beides Weltall-Neulinge, während ich bereits drei Mal zuvor im Weltraum war. Und als wir mit dem havarierten Schiff in geringer Höhe um den Mond flogen, sah ich, dass beide ihre Kameras hervor holten und begannen, die Mondoberfläche zu fotografieren. Da sagte ich zu ihnen: "Euch ist schon klar, dass ihr die Filme nie entwickeln lassen könnt, wenn die Sache schiefgeht, ja?"

Am Boden wurde unterdessen fieberhaft versucht, Lösungen für alle möglichen Probleme zu finden. So galt es etwa, das runde Luftfiltersystem aus der Kapsel so zu adaptieren, dass es mit dem eckigen Luftfilter der Landefähre kompatibel ist. Dazu wurde aus Klebeband, Papiersäcken und einer Socke ein Adapter gebaut, ausprobiert und – da es funktionierte – die Bauanleitung zum Raumschiff gefunkt. Lovell: Wir hatten so viele Probleme, dass ich uns zunächst eine Überlebenschance von zehn Prozent gab. Doch mit der Zeit wurde ein Problem nach dem anderen gelöst, dass unsere Chancen permanent stiegen. Aber erst als wir Richtung Ozean stürzten und die Bremsfallschirme über uns aufgingen, wusste ich, dass wir es wirklich geschafft hatten. Denn ich war mir nicht sicher, ob sich diese nach dem unplanmäßigen Ab- und wieder Einschalten der elektrischen Anlage noch öffnen würden.

Doch vor dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre lag noch das komplizierteste Manöver von allen. Die Crew musste zunächst zurück in die Kommandokapsel, da sie nur in dieser die durch die Atmosphäre entstehende Reibungshitze überleben konnte. Und dann musste diese Kapsel mit den Steuerraketen auf einen minimal anderen Kurs gebracht werden, um unbeschadet und im korrekten Winkel Richtung Erdoberfläche zu rasen. Lovell: Da wir ja keinen Strom hatten und die Bordinstrumente ausgefallen waren, mussten wir alles händisch justieren. Fred Haise beobachtete durch ein Fenster die vertikale Tag-Nacht-Linie auf der Erde, Jack Swigert checkte den Winkel des Horizonts anhand eines weiteren Fensters und ich zündete die Steuerungsrakete und ließ sie – wie von Mission Control berechnet – exakt 14 Sekunden lang laufen, bis wir den richtigen Kurs hatten. Und diese entscheidenden Sekunden stoppte Lovell – wie zuvor am Boden tausend Mal geübt – mit seiner Speedmaster. Die liegt heute übrigens in einem Museum in Chicago, so wie auch die allermeisten anderen Memorabila, die an diesen außergewöhnlichen Flug erinnern. Lovell abschließend: Natürlich war die Mission ein Fehlschlag, aber sie war auch ein Triumph. Mit Teamwork, Motivation und dem richtigen Geist wurde eine Beinahe-Katastrophe in eine erfolgreiche Rettungsmission umgewandelt.

(kurier-freizeit am Samstag) Erstellt am
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