© MANFRED HORVATH

freizeit
01/05/2020

Hoch hinaus mit dem Ballon: Faszinierende Eindrücke über den Wolken

Hinauf geht es auf 3.600 Meter, durch die Wolkendecke hindurch. Von 18. bis 25. Jänner ist es wieder so weit, dann gehen 40 Ballonfahrer in Filzmoos an den Start. Ein Wettbewerb-Spektakel für Luftgänger, aber auch für Beobachter am Boden. Eine Reportage.

Als der letzte Passagier über die fensterartigen Tritt-Auslässe im Geflecht in den Korb klettert, sagt unser Pilot Peter Flaggl: „Bitte alle Damen und Herren an der Außenreling gut festhalten, wir heben gleich ab.“ Dann dreht er an einer der Propan-Gasflaschen den Auslasshahn auf, öffnet ein lanzenförmiges Ventil in Richtung Ballonöffnung und speit eine riesige Stichflamme in die Riesenblase aus. Es faucht und zischt. Der Drache Smaug in Der Hobbit II könnte es nicht besser. Die gefühlte Kälte von 9 Grad minus wird durch die Wärmestrahlung des Feuers akkurat ausgeglichen und es wird warm im Gesicht und auf den Händen. Nach einigen Stößen mit dem Heizgebläse wackelt der Tragekorb, erhebt sich von der schneebedeckten Hammerwiese und schwebt in der Luft.

Gemächlich machen wir Meter um Meter nach oben. Man sieht den Dorfkern von Filzmoos. Die Ramsau in der angrenzenden Steiermark die Riesenwechten von den fetten Schneefällen letzten Jänners. Die Kapelle beim Hotel Hanneshof trägt eine mächtige weiße Haube. Wahrscheinlich ist es dem stützenden Kreuz zu verdanken, dass sie noch nicht abgerutscht ist.

„Wir fahren jetzt in eine Höhe von ungefähr 3.600 Metern“, sagt Pilot Peter. „Die Windgeschwindigkeit beträgt im Moment 20 Kilometer in der Stunde. Er bläst von West. So wie es jetzt aussieht, werden wir die Wolkendecke bald durchstoßen und die Sonne oben sehen“, ruft Peter in die Runde und winkt einem Langläufer auf der Loipe – etwa 20 Meter unter uns – zurück.

Der Wind, der uns trägt

Peter hat mit seiner Prognose recht behalten. Nach dem Steigen in der trüben wasserdampfgesättigten Suppe, das man geduckt wie ein Rabe in der Baumkrone über sich ergehen lässt, taucht die Berglandschaft vor uns auf. Zuerst ist der Blick immer wieder von Nebelfetzen unterbrochen. Dann knallt die tief stehende Morgensonne über den Horizont. Es ist kurz nach neun Uhr. Im Süden sieht man über eine Spanne von 150 Kilometern Luftlinie bis zum Großglockner und im Westen bis  Tirol. Der Hausberg von Filzmoos schaut mit der Bischofsmütze aus dem weichen Wolkenteppich. Die beiden markanten Dreiecke des Dachstein kommen  auf uns zu – nein, wir fahren natürlich auf ihn zu. Nicht langsamer, aber auch nicht schneller als der Wind, der uns trägt.

Die Ballonhülle besteht aus einer speziellen Kunststofffaser, die verwoben und mit Polyurethan luftdicht beschichtet wird. Sie umfasst eine Fläche von 1.600 Quadratmeter mit  ca. 400 Einzelfeldern, die mit einer stabilen Klappnaht zusammengenäht sind. Die Hülle hat eine Lebensdauer von durchschnittlich 600 Stunden. Danach wird sie  ausgetauscht. Sie muss bis zu 110 Grad Celsius heiße Luft aushalten. Es liegt nahe, dass man die anfallende Wärme für Sinnvolles nützt. Zum Beispiel zum Kochen und Garen.

Vor einigen Jahren wurde in Filzmoos eine kulinarische Reise mit CuliAir Sky Dining unternommen. Die Fahrgäste wurden nach dem Ausklappen von speziellen tischartigen Verlängerungen, die am Korb befestigt wurden, mit gedämpftem Zander in Bierteig verwöhnt. Köchin war Angélique Schmeinck. Aus Sicherheitsgründen wurde nicht mit  Metallbesteck, Glas  und Porzellan gedeckt, sondern mit den adäquaten Gegenstücken aus Pappe. Nur die Stoffservietten durften nicht fehlen. Bei all der Liebe zum Detail könnte man sich fragen, warum bei der Auswahl der Meeresfrucht nicht auf einen fliegenden Fisch zurückgegriffen wurde ...

Eroberung der Luft

Angefangen hat die Eroberung der Luft in Filzmoos 1979 mit einem Ballon-Wintermeeting mit 7 Teilnehmern. 1995 entstand hier die deutsche Ballon-Montgolfiade. Bei den Wettkampf-Fahrten bestand damals die Möglichkeit, als Passagier mitzufahren und seine eigene Luftpost mitzunehmen.

Der Name der Wettkämpfe leitet sich von den Gebrüdern Montgolfier ab, die als Erste einen Heißluftballon konstruierten. 2009 entstand schließlich die heutige Form der Hanneshof Ballonwochen, die auf die Betreiber des gleichnamigen Hotels, die Familie Mayer, zurückgeht. Zirka 40 Ballone sind heuer wieder vor Ort. Der Bewerb 2019 bestand aus Weitstreckenfahrt, Punktlandung und Nationencup. Sogar einen wüstenerprobten Ballon aus Qatar hat es schon einmal in den Pongau verschlagen. Die Wandertrophäe ist ein rundes Bild hinter Glas und zeigt einen Hatschi-Bratschi-Luftballon im Stil einer naiven Kinderzeichnung. Dieses Bild ziert heuer eine Wand in Tschechien – im Haus des Gewinners Wilhelm Lissmann. Die Siegerfeier findet jedes Jahr entlang der Dorfstraße und auf der Startwiese im Rahmen der Nacht der Ballone und einem opulenten Feuerwerk statt.

Die Geschichte der Ballonfahrt begann am 4. Juni 1783 auf dem südfranzösischen Dorfplatz von Annonay in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Eine riesige  Menschenmenge wohnte neugierig bei, als Joseph und Jacques Montgolfier ihr Gebilde aus Stoff und Papier zwischen zwei Holzmasten aufbauten. Die Schaulustigen wurden nicht enttäuscht, als der Heißluftballon zu Mittag erfolgreich seinen Jungfernflug erlebte. Es war ein reiner Materialtest. Passagiere waren nicht an Bord. Drei Monate später, am 19. September 1783, starteten vor Tausenden Zusehern und im Beisein von König Ludwig dem XVI. die ersten Passagiere in den Himmel – ein Hammel, eine Ente und ein Hahn. Die ersten Menschen, die in die Luft geschickt wurden, sollten zwei zum Tode verurteilte Sträflinge sein. Doch zwei mutige Männer, der Physiker Pilâtre de Rozier und der Offizier Marquis d'Arlandes, wollten unbedingt die ersten fliegenden Menschen sein, kamen den beiden zuvor und gingen als erfolgreiche Pioniere in die Annalen der Luftfahrt ein.

Zurück auf den Boden

Als wir am schönsten Punkt der Fahrt angelangt sind und vom Salzburger Pongau über die Steiermark schon in oberösterreichisches Hoheitsgebiet eindringen, fahren wir in einem Pulk von vielen Ballons, die morgens alle vom gleichen Platz aufgebrochen sind. Wir sind Teil einer bunten Perlenkette. Bis jetzt machte noch keiner der Passagiere von der Sauerstoffmaske Gebrauch. Das wird auch so bleiben, denn die Fahrt neigt sich dem Ende zu. Pilot Peter setzt zum Sinken an. Nach Durchgabe der Koordinaten machen sich die Begleitfahrzeuge am Boden  auf den Weg, um uns einzusammeln. Der Landeplatz wird sorgfältig ausgewählt. Zweimal setzt Peter zum Aufsetzen an, hebt den Ballon mit Flammenstößen aber wiederholt an, um doch noch ein Stück weiter zu gleiten. Ganz knapp über Baumwipfeln und Scheunen. Dann passt die Umgebung. Punktgenau. Wir landen beinahe auf dem Anhänger, der uns abholt. Er ist nur einen Steinwurf entfernt. Beim Aufsetzen dürfen wir nicht zu früh aussteigen, sonst würde der Ballon wieder entschweben. 

Alle helfen mit, die Hülle zu bergen. Nach dem Zusammenfallen ziehen wir an langen Tauen, bis alles am Boden ausgebreitet liegt. Jetzt muss alles ganz schmal und lang aufgelegt werden. Dann wird die Hülle eingerollt. Bei jeder Umdrehung wirft sich eine Crew des Personals auf das weiche Material, das sich gut verdichten lässt.

Am Ende kommt das Riesenknäuel in eine Tasche mit vielen Handgriffen. Wir schleppen den 250 Kilo schweren Sack zum Anhänger. Die Hülle hat noch Platz zwischen dem Korb und der Ladebordwand. Wir fahren zurück zum Hanneshof, wo uns zum Abschluss die Ballontaufe Propane and Champagne erwartet. In einem theatralischen Akt muss jeder Teilnehmer der Alpen-Überquerung hoch und heilig versprechen, das Wort Ballonfliegen nie wieder auszusprechen, sondern ausschließlich Ballonfahren zu sagen. Eine Haarlocke wird dem Erstfahrer vom Piloten abgeschnitten, angesengt und sofort mit dem Taufwasser Champagner gelöscht. Kniend nehmen wir dann unsere Erhebung in den Adelsstand hin. Der Titel lautet: Luftgräfin Claudia, königliche Wetterhahninspekteurin der Lüfte über den 1.000 Fischtümpeln  der fliegenden Fische.

www.ballonfahren-filzmoos.com

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