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freizeit
06/13/2014

Herbert Prohaska über Ball & Gefühl

Jahrhundert-Fußballer, Chef-Analytiker, Familienmensch: Seit 14 Jahren ist Herbert Prohaska „Man of the Match“ beim ORF – auch bei dieser WM. Doch warum liebt er Fußball ebenso wie seine Frau, mit der er seit 40 Jahren glücklich verheiratet ist? Und warum will er Koreanisch lernen? Der freizeit hat er es erzählt.

von Barbara Reiter

freizeit: Herbert, es ist Fußball-WM und ich verstehe die Abseits-Regel noch immer nicht. Können Sie mir da weiterhelfen?

Herbert Prohaska: Die einfache Erklärung lautet: Abseits ist, wenn der Angreifer näher zum Tor steht als der letzte Verteidiger. Und das muss man sich jetzt einmal bildlich vorstellen.

Das klingt wie chinesisch.

Eben. Es ist kompliziert. Meiner Meinung nach verstehen 90 Prozent die Abseits-Regel nicht, auch viele Männer. Sie ist eine der wichtigsten Regeln im Fußball, aber im Vergleich zur früher, als ich noch gespielt habe, ist sie heute noch komplizierter geworden. Mittlerweile gibt es nämlich auch das passive Abseits.

Okay, es ist besser, wir wechseln das Thema. Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ihre erste bewusst erlebte WM?

Die erste WM, die ich zumindest teilweise im Fernsehen miterlebt habe, war in England und natürlich großartig. Ich war damals schon elf. Wir hatten ja keinen Fernseher, aber ein Onkel hatte dann einen. Dort durfte ich ab und zu schauen.

War der Fernseher das Einzige, worauf Sie als Kind verzichten mussten?

Wir hatten auch kein Telefon und kein Auto. Meine Eltern haben auch nie den Führerschein gemacht und in den Urlaub gefahren sind wir auch nicht. Darüber war ich aber sehr froh. Ferien hätten nämlich bedeutet, 14 Tage aufs Fußballspielen verzichten zu müssen. Und das wäre für mich echt schlimm gewesen.

Der Einsatz hat Wirkung gezeigt. 2004 wurden Sie zu Österreichs Fußballer des Jahrhunderts gewählt. Stolz?

Das bedeutet mir natürlich sehr viel, weil dieser Titel ja auch nur alle 100 Jahre vergeben wird. Man muss allerdings richtig damit umgehen können.

Wie gehen Sie damit um?

Wenn mich jemand danach fragt, sag’ ich: "Ich bin nicht der Jahrhundert-Fußballer, man hat mich dazu gewählt." Es hätten zehn andere auch werden können. Mein Vater meinte immer: "Du bist super, aber der Matthias Sindelar war besser." Als der Titel 2004 vergeben wurde, war Sindelar schon 65 Jahre tot. Wer ihn noch kannte, war also schon älter und hatte bestimmt kein Internet zum Abstimmen zuhause. So gesehen hatte er einen Riesen-Nachteil. Ich merke aber auch, wie die Zeit vergeht.

Wegen der fehlenden "Schneckerln"?

Das natürlich. Es gibt aber eine andere lustige Geschichte. In einem Fußball-Camp, bei dem ich einmal war, gab es einen Buben mit einem Inter-Mailand-Dress. Ausgerechnet der hat mich gefragt, für wen ich gespielt habe. Und ich habe aufgezählt: "Für die Austria, AS Rom und für die Mannschaft, von der du das Leiberl hast, auch." Für ihn war Inter sicher das Größte und er hat gemeint: "Da warst du sicher nur auf der Ersatzbank, gell?" Der hat mir das nicht zugetraut.

Hat Sie das gekränkt?

Gar nicht. Man kann von Kindern nicht erwarten, dass sie alle Spieler von früher kennen. Vielen müssen heute die Eltern erzählen, dass ich kein schlechter Fußballer war. Die meisten kennen mich nur aus der Werbung oder als Fernseh-Analytiker.

"Ich schau mir ein Match am liebsten alleine an. Je mehr Leute mitschauen, desto weniger sieht man vom Spiel. Entweder ist man abgelenkt, weil diskutiert wird, oder man muss was zum Trinken holen."

Apropos Fernsehen: Sie haben schon viele Weltmeisterschaften miterlebt. Hält sich Ihre Begeisterung über die Jahre?

Natürlich, ich erlebe eine WM heute nur anders. Als Aktiver haben sich zur Freude Anspannung und Nervosität gemischt. Heute kann ich eine WM genießen. Wenn ich für den ORF arbeite, schaue ich das Spiel aber konzentrierter als daheim. Ich sehe oft einige Minuten des Live-Spiels nicht, um wichtige Sequenzen zu analysieren.

Wie bereiten Sie sich auf Analysen vor?

Ich lese jede Woche zwei deutsche, zwei österreichische und eine italienische Sportzeitung. Das habe ich als Spieler aus Interesse zwar auch schon gemacht, jetzt kann ich das Wissen eben für die Arbeit nutzen.

Sie behandeln vor allem Fachliches. Warum würzen Sie das Ganze nicht mit Details über das Privatleben einiger Spieler?

Das mach’ ich nur, wenn ich etwas zufällig weiß. Der Carlo Ancelotti von Real Madrid zum Beispiel, gilt als derzeit erfolgreichster Trainer, weil er fünf Mal die Champions League gewonnen hat. Mit ihm hab’ ich beim AS Rom gespielt. Er ist noch immer ein Freund, da kann ich schon was erzählen. Aber ich suche jetzt nicht extra raus, was bei den Spielern daheim los ist.

Was sind Sie für ein Zuseher, wenn Sie privat ein WM-Match sehen? Emotional?

Ich bin sicher ein typischer österreichischer Fan. Wenn einer aus zwei Metern Entfernung danebenschießt, sage ich schon mal: "Heast, wie gibt’s denn so was? Hat der noch die Strecker in die Schuach drin?" Wenn wir gewinnen, freu ich mich, sonst schimpf ich – wie die meisten Fans halt. Ich schau mir ein Match aber am liebsten alleine an. Je mehr mitschauen, desto weniger sieht man vom Spiel. Entweder ist man abgelenkt, weil viel diskutiert wird, oder man muss was zum Trinken holen.

Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Fußball Sie interessiert?

Mit vier war ich mit meinem Vater das erste Mal am Platz. Er hat gesagt: "Ich hab dich deshalb mitgenommen, weil du wirklich dort gesessen bist und zugeschaut hast." Ich bin nicht nach zehn Minuten still sitzen aufgestanden und herumgerannt wie andere Kinder. Ich hatte einfach eine andere Einstellung zum Fußball. Bei uns in der Gegend konnte sich kaum jemand etwas leisten. Keiner hat ein Radl g’habt, einen Ball aber schon.

Die unfreiwillige Bescheidenheit hat also Ihr Schicksal beeinflusst.

Wahrscheinlich. Das Schöne war, dass man niemandem etwas neidig sein musste. Es ging allen Familien gleich. Wir hatten immer zu essen und etwas zum Anziehen, nach mehr haben wir nicht verlangt. Bis zu meinem 12. Lebensjahr habe ich auch bei meinen Eltern im Bett geschlafen, weil wir nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung hatten. Und wenn der Großvater nicht auch noch bei uns gelebt und fast die gesamte Pension dazugeschossen hätte, wäre es problematisch geworden. So ist sich alles ausgegangen.

Sie gelten als absoluter Familienmensch. War Ihre Kindheit ausschlaggebend dafür?

Schwer zu sagen. Wir hatten zwar nichts, aber die Verwandten sind gerne zu uns gekommen. Es war einfach was los und meine Eltern waren immer für mich da. Ich habe sie praktisch nie streiten gesehen. Das war für mich als Kind sehr angenehm. Es spielt dann auch eine große Rolle, wie sich die Familie weiterentwickelt. Wir haben zwei Töchter und vier Enkel, die auch gerne zu meiner Frau und mir kommen, ohne dass wir sie bitten müssten. Sie fragen uns auch oft, ob wir gemeinsam auf Urlaub fahren.

Sie gehören auch zur seltenen Spezies jener Paare, die lange verheiratet sind.

Meine Frau und ich feiern noch in diesem Jahr den 40. Hochzeitstag.

Haben Sie etwas Besonderes vor?

Als wir Silberhochzeit hatten, sind wir noch einmal in die Kirche gegangen. Was wir zum 40er machen, wissen wir noch nicht. Vielleicht gönnen wir uns einen Urlaub zu zweit.

Verbringt man nach so vielen Jahren noch gerne Zeit zu zweit?

Natürlich. Meistens kommen wir aber nicht dazu, weil uns Freunde oder die Kinder begleiten wollen. Immer wieder haben meine Frau und ich versucht, alleine nach New York zu fliegen. Von acht Mal haben wir es drei Mal geschafft. Wenn wir aber einmal alleine verreisen, haben wir Spaß und können uns über Banales freuen. Dann setzen wir uns in den Central Park, wenn wir müde sind und richten Leute aus, positiv wie negativ. Stundenlang, wenn wir Lust haben.

Wie erhält man Liebe über so viele Jahre?

Ich verdanke meiner Frau sehr viel. Das klingt banal, aber es ist wahr. Ich war als Fußballer auch deshalb erfolgreich, weil ich keinen familiären Druck hatte. Mein Frau hat damals gesagt: "Egal, wohin du gehst, wir gehen mit." Sie wusste zu schätzen, wie gut es uns durch meinen Beruf gegangen ist. Ich habe drei Jahre in Italien gespielt. Das war für sie anfangs schwierig, weil ich dauernd im Trainingslager war. Meine Frau blieb mit der einjährigen Tochter alleine zuhause, konnte die Sprache nicht und hat keinen gekannt. Nach drei Monaten ist meine Schwiegermutter, die damals schon geschieden war, zu uns gezogen. Das war für uns eine große Hilfe.

Das Geheimnis lautet also Kompromissbereitschaft.

Meine Frau hat sich nie beschwert, aber ich wusste auch, dass das auf lange Sicht nicht gut gehen kann. Unsere Ehe hat sicherlich so gut funktioniert, weil wir uns gut ergänzt haben. Ich war 17 Jahre Profifußballer und elf Jahre Trainer. Etwa ein Drittel meines Lebens hat sich die Familie nach mir gerichtet. Deshalb richte ich mich jetzt nach ihnen. Das ist auch der Grund, warum ich keinen Trainer- oder Sportdirektoren-Job mehr angenommen habe. Dann wäre ich wieder nicht daheim gewesen.

Welchem Angebot könnten Sie dennoch nicht widerstehen?

Bei AS Rom, Barcelona oder Real Madrid würde ich nicht Nein sagen. Schon alleine wegen den hohen Summen, die man verdienen kann. Aber wenn die nicht angeklopft haben, als ich schon Trainer war, werden sie mich jetzt erst recht nicht mehr kennen. Das ist Fiktion. Ich bin ja kein Träumer.

Ihre Analysen würden uns auch fehlen. Wer würde uns nach einer Übertragung noch "Gute Nacht" wünschen?

Eben. Na "Gute Nacht", da bleib ich lieber da. Und weil WM ist, werde ich auch "Buenas noches" oder "Buona notte" sagen. Nur auf Koreanisch wird’s heikel. Da muss ich echt noch üben.

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