freizeit
30.06.2018

Happy Birthday, Bossanova!

Heiß und trotzdem lässig – kein Musikstil passt so zum Sommer wie der Bossa Nova. Vor 60 Jahren wurde er an der Copacabana geboren. Eine Ode an die Liebe, die Sehnsucht, den Müßiggang - und hoffentlich weitere 60 entspannte Jahre.

Die Klassiker

Man nehme Samba - und mache ihn cooler. Und zwar um Häuser. Vor allem mit Anleihen aus dem US-Jazz, und gehauchten Vocals, quasi sexy ins Ohr geflüstert. Im Vergleich mit dem Samba, der in den 1950ern von den Sängern regelrecht "geschmettert" wurde, galt das neue Genre als hochgradig unanständig. Das war das Rezept, nach dem Antonio Carlos Jobim eine „Neue Welle“ (und genau das heißt Bossa Nova) einläutete.

Sein 1958 geschriebenes „Chega de Saudade“ gilt als Geburtsstunde des Bossa Nova. Und sein „Girl From Ipanema“ (1962) ist heute noch ein Hit.

Die Sehnsucht, die Liebe, der Müßiggang – bis Ende der 60er dauerte die Erfolgswelle an. Dann entstand – auch als Reaktion auf den Militärputsch von 1964 und die folgende Diktatur – die „Musica Popular Brasileira“ (MPB). Ursprünglich eine intellektuelle Gegenbewegung zur Diktatur, mit zumindest verstecktem Protest in den Texten. Musikalisch setzte man stärker auf „brasilianische“ Traditionen, versuchte „imperialistischen“ US-Einfluss zu vermeiden. Auch Bossa-Stars wie Gilberto Gil und Astrud Gilberto wurden Teil dieser Bewegung. Heute vereint MPB sämtliche populären Stile des Landes.

Das Revival

Außerhalb Brasiliens erfreute sich  der sanft groovende Bossa kontinuierlich großer Beliebtheit. US-Jazzer wie Stan Getz und Charly Bird hatten sich schon in den 60ern in die brasilianischen Sounds verliebt, Frank Sinatra und Ella Fitzgerald folgten, und sogar DeepPurple-Gitarrero Tommy Bolin lieferte mit „Savannah Woman“ einen astreinen Bossa Nova ab.

Richtig cool wurde die Kiste, die seit den 60ern doch etwas Staub angesetzt hatte, aber erst wieder, als europäische Club-Acts in den späten 1990ern  sie wiederentdeckten. Der italienische Jazzer Nicola „Mr. Cool“ Conte feierte mit „Bossa per due“ einen Sensationserfolg, die amerikanische Thievery Corporation machte ihn mit ihren CDs („Sounds From The Thievery Hi-Fi“) wieder fit für die schicksten Clubs around the world.

Mein persönlicher Lieblingssong aus der Phase ist allerdings die Micatone-Bearbeitung des Nicola Conte-Hits "Arabesque". Urteilt selbst:

Und in Brasilien?  Da gelang Bebel Gilberto, der Tochter des legendären João, mit „Tanto Tempo“ einer der größten Hits des Jahres 2000.

Lenine begann Samba und Bossa mit amerikanischem Rock zu versetzen und Seu Jorge feierte mit seinem sanften Bariton Erfolge. Spätestens ab 2004 auch international, als er für Wes Andersons Film „A Life Aquatic“ einige David-Bowie-Songs brasilianisch bearbeitete. Und Stehaufmännchen Sergio Mendes freute sich über das Revival seines Hits „Mas Que Nada“ genau 40 Jahre nach dessen Debüt 1966.

Heute

Ausgerechnet zu seinem 60. Geburtstag ist der Bossa wieder ein bisschen ins Hinterzimmer gedrängt worden. Die „Musica Popular Brasileira“ (MPB) wird, wie ganz Mittel- und Südamerika, vom in Puerto Rico entstandenen Reggaeton dominiert. Genau, „Despacito“ und Co. Und auch gegen den geballten - und tatsächlich großartigen - Elektro-Sex einer Karol Conka hat es die sexy Eleganz eines Bossa Nova ziemlich schwer.

Aber die Retterinnen des Universums stehen bereit. Schon seit einigen Jahren mixt Luísa Maita den alten Bossa mit zeitgemäßer Elektronik und hat mit „Fio Da Memória“ (2016) für eine der spannendsten  Latin-CDs  der Gegenwart gesorgt.  Die schöne Céu verbindet amerikanischen Blues und südamerikanische „Saudade“ zu einem magischen neuen Bossa-Feeling und Tulipa Ruiz bezaubert mit beinahe hippiesker Songwriterei („Só Sei Dançar Com Você“).

Und manchmal, wie wir gesehen haben, kommt der ganz große Popularitätsschub ja von außen: Der junge venezolanische Hip-Hopper Big Soto kombiniert den Bossa seiner Großeltern mit dem Trap seiner Kumpels aus den coolen Clubs und gilt als Südamerikas „next big thing“. Man darf gespannt sein – auf die nächsten 60 Jahre!