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freizeit
11/30/2019

Hans Knauß: "Wenn’s mich aufhaut, sag ich: Danke, das war’s!"

Den Titel "Sonnyboy" hat sich der Ski-Kommentator unserer Herzen mehr als verdient. Sein Leben war allerdings nicht immer nur heiter.

von Barbara Reiter

Von Wien nach Schladming zu reisen gestaltet sich mühsam. Die Südautobahn ist mit zig Tunnels bestückt und dazu noch extrem kurvig. Dann noch das Ennstal, das sich ewig zieht. Aber für Hans Knauß, den „Sonnyboy“ aus Funk und Fernsehen, nehmen wir die weite Anreise gerne in Kauf. Pünktlich betritt er unseren Treffpunkt.

Die gute Laune scheint er für sich gepachtet zu haben, er strahlt über beide Ohren. „Griaß eich, i bin der Hans!“ Wissen wir, denn der Hans bezwingt regelmäßig als ORF-Kommentator die gefährlichsten Skiabfahrten dieser Welt und ist auch als Werbeikone bekannt. Wenn man seine Stimme live hört, ergänzt das Hirn sofort: „Raunz nicht kauf ...“. Noch auffälliger sind seine von langen Wimpern umrahmten blauen Augen, die man im Fernsehen nicht wahrnimmt. Nicht nur deshalb hat sich ein persönliches Treffen ausgezahlt.

Hans, wenn man aus dem Fenster schaut, stellt man fest: Auf der Planai war um diese Jahreszeit schon einmal mehr Schnee.

Hans Knauss: Ich lass’ mich da nicht beunruhigen. Es war schon früher so, dass im Tal um die Zeit kein Schnee gelegen ist.

Du bist ein Bergfex. Wie steht es um den Gletscherschwund?

Ich fahre seit 30 Jahren zum Training nach Sölden, und der Gletscherschwund war enorm. Aber das Interessante ist, dass es auf den präparierten Pisten immer mehr Schnee gibt als auf dem unberührten Gletscher. Das hat mit Wüstenverwehungen und Staubverfrachtungen zu tun, die den Schnee auf unpräparierten Gletscherteilen schneller wegreißen. Das hat mir jemand bestätigt, der sein ganzes Leben dort oben verbracht hat. Deshalb hab’ ich kein schlechtes Gewissen, dass man mit Gletscherrennen den Schneeschwund vorantreibt.

Trägt nur der Mensch Verantwortung?

Einen Wandel haben wir definitiv, und es ist ganz klar, dass wir die Natur schützen müssen. Ich würde das Verschmutzen der Welt aber nicht komplett auf unser Tun zurückführen. Ich glaube, es gibt einen gewissen Rhythmus. Man braucht sich nur die Wetteraufzeichnungen anzusehen. Vor Jahrtausenden war an bestimmten Stellen kein Gletscher, dann wieder schon.

Dann siehst du auch das kritisierte Schneeband in Kirchberg nicht negativ?

Das Arge daran ist, dass wir definitiv dort angekommen sind, was Felix Mitterer vor langer Zeit in seiner Piefke-Saga vorausgesagt hat. Es ist aber doch ein bissel anders als im Film. In Kirchberg geht es um Snowfarming, wo man den vielen Schnee aus dem Vorjahr konserviert und wiederverwendet hat. Das ist vom Aufwand her wahrscheinlich schonender als Kunstschnee. Ich finde aber generell nichts Schlimmes daran. Natürlich kann man sagen, man braucht ein Pistengerät zum Planieren und hat damit CO²-Ausstoß, aber es hat Sinn und wird genutzt.

Spaß zu haben ist auch kein unwesentlicher Faktor im Leben ...

Wofür sind wir auf der Welt? Ein bissel eine Gaudi sollte man haben. Und eines darf man nicht vergessen: Wohlstand in vielen Regionen Österreichs kommt vom Tourismus und dazu gehört der Skisport. Wenn wir die Lifte zusperren und keinen Kunstschnee mehr machen sollen, müssen wir genauso die ganze Industrie in Ostösterreich schließen. Das verpestet die Welt auch und es wird bei weitem nicht alles gebraucht, was dort produziert wird. Da stellt sich dann die Frage: Wo fangen wir an? Wo hören wir auf?

Lass uns jetzt ganz von vorne anfangen: Du bist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Was war das für ein Start ins Leben?

Der Vater hat bei einer Baufirma gearbeitet, die Mutter war Hausfrau ... und sechs Kinder daheim, könnt’s euch vorstellen! Was uns die Eltern aber gegeben haben, war Rückhalt. Wir konnten immer heimkommen, auch wenn was schiefgegangen ist. Und sie haben uns machen lassen, was uns wichtig war. Bei mir und meinem sechs Jahre älteren Bruder Bernhard war’s definitiv das Skifahren.

Es heißt, schon dein Großvater und dein Vater seien gute Skifahrer gewesen?

Stimmt, der Großvater war richtig gut und der Vater in seiner Jugend einer der Besten. Aber leider hat er mit 19 Jahren in den Krieg einrücken müssen. Nach zwei Monaten ist er verwundet worden und hat dann zwölf Jahre in sibirischer Gefangenschaft verbracht. Mit 31 ist er nachhause zurückgekommen und war natürlich zu alt für eine Ski-Karriere.

War dein Vater ein gebrochener Mann?

Man muss sich vorstellen, die haben dort ja Schwerstarbeit verrichtet, haben Asbest abgebaut, wenig zu essen gekriegt und auch nichts G’scheites zum Anziehen gehabt. Ich habe meinen Vater einmal gefragt, was ihn in Sibirien eigentlich aufrecht gehalten hat. Seine Antwort war, dass er noch einmal mit den Skiern auf die Planai gehen wollte. Die Natur, die Berge und das Skifahren haben ihn so heimgezogen, dass er überleben wollte. So war das.

Das würde bestätigen, dass man mit Visionen sein Leben beeinflussen kann.

Es ist gleich wie im Sport: Du brauchst einen Film im Kopf. Für den Vater waren das die Berge und das Skifahren. Trotzdem hat er nie zu uns gesagt „Ihr müsst’s Rennfahren.“ Wir haben das aus totaler Überzeugung gemacht. Er hatte auch so eine Coolness, wo mir erst heute klar ist, was das bedeutet hat. Als ich fünfmal hintereinander ausgefallen bin, hat er nur gesagt: „Bua, des wird scho wieder. Übernimm’ dich nur nicht.“ Ein anderer Vater hätte vielleicht gesagt „Nimm einen anderen Schuh oder trainier’ mehr.“ Dieses Vertrauen war so wichtig für mich. Das war das Beruhigende.

Was wäre gewesen, wenn du nicht Skifahrer geworden wärst?

Ich habe eigentlich nur diesen Lebenstraum gehabt. Ich war acht, neun Jahre alt, als ich oben auf dem Berg gesessen bin und mir gedacht habe: „Was ist da hinter dem Dachstein, was ist hinter dem Hügel?“ Ich wollte immer raus und die weite Welt sehen. Ich habe relativ schnell gecheckt, dass Skifahren mir das ermöglicht. Ich war 16, als ich das erste Mal das Meer gesehen habe.

Wer hat dich finanziell unterstützt?

Ich wollte genauso wie meine Geschwister den Eltern nicht auf der Tasche liegen. Und dann hab’ ich überlegt, wie ich das Geld fürs Skifahren zusammenbekomme. Eigentlich wollte ich daheim einen Beruf lernen und nebenbei Skifahren.

Und dann?

Ich bin deshalb alleine mit dem Zug nach Altenmarkt gefahren zur Skifabrik Atomic und habe es geschafft, bei Herrn Rohrmoser (Anm.: Firmengründer) einen Termin zu kriegen. Ich habe ihn gebeten, mich im Sommer anzustellen. Für den Winter hab’ ich ihm angeboten, alle Rennen für ihn zu fahren, damit ich versichert bleibe. So habe ich ab meinem 15. Lebensjahr mein eigenes Geld verdient. Nach einem Jahr war ich dann schon im ÖSV (Anm.: Österreichischer Skiverband).

Viel Willenskraft für den Jüngsten von sechs Kindern. Das Nesthäkchen wird doch eigentlich immer verwöhnt?

Ich hab’ schon auch was abgekriegt, weil ich ein frecher Hund war und die Brüder es mir gegeben haben. Aber vom Sportlichen her, hab ich viel gelernt. Es hat nie jemand auf mich gewartet, ich musste immer schnell sein und bin mit den Skiern immer Vollgas gefahren. Aber die Geschwister haben mich immer geführt. Vor allem der Bernhard, der Älteste und Heli, der Zweitälteste. Er war Skilehrer, ist technisch sensationell gefahren und war ein Riesen-Vorbild für mich. Leider ist Heli 1985 unter eine Lawine gekommen. Sein Tod war mit Abstand das Tragischste, was wir als Familie erleben mussten.

Du hattest es auch im Beruf nicht leicht. Ich bin einmal um ein Hundertstel nicht Weltmeister geworden, einmal haben mir drei Hundertstel gefehlt.

Ein Wimpernschlag.

Manchmal denk ich mir, mir haben die Bilder zu den Siegen im Kopf gefehlt. Ich hab’ ja als Jugendlicher nicht gewusst, dass ich einmal in Nagano bei Olympia fahren werde. Die schweren Sachen, die ich gewinnen hab’ dürfen, wie Adelboden, Alta Badia oder Kitzbühel, hatte ich von klein auf vor Augen und wollte gewinnen.

Haben dir die vielen knappen „Niederlagen“ weh getan?

Eigentlich hab’ ich nicht so stark gelitten, aber in St. Moritz hat es ordentlich weh getan. Heute denk’ ich mir, das war so eine Prüfung des Lebens.

Stichwort Nagano: Das war auch die Zeit von Hermann Maier. Wie fühlt es sich als Sportler an, immer wieder im Schatten einer „Lichtgestalt“ zu stehen?

Als der Hermann Maier damals plötzlich aufgetaucht ist, sind wir anderen dagestanden wie die „Trotteln“. Skitechnisch gesehen hätte ich mindestens seine Fähigkeiten gehabt. Der war nicht besser, sondern nur noch besessener als ich. Von dem her war meine Lebenseinstellung, Sachen lockerer zu nehmen, hinderlich.

Und was ist mit einem Hirscher? So eine Ära wird man auch nicht oft erleben.

Es kann schnell gehen. Plötzlich ist wieder einer da und fegt da drüber. Aber seinen Fahrstil werde ich definitiv vermissen. Diese Schräglage und das völlig am Limit fahren, wenn er unter Druck war, hat mich über Jahre beschäftigt und bewegt. Aber generell sehe ich Superstars nicht national.

Wer ist für dich der größte Superstar der Skigeschichte?

Giradelli, war ein Superstar und der Klammer oder der Stenmark natürlich auch. Sportlich gesehen war auch ein Hermann Maier dabei, aber der absolute Überflieger war definitiv Alberto Tomba. Da können wir Hirscher, Maier und Stenmark in einen Topf hauen. Der Tomba war der absolute Schnecken-Checker in dieser Welt, der totale Playboy, der Hollywood-Flair mitgebracht hat in den Skisport. Genau da bin ich im Weltcup aufgeschlagen und hab’ mein erstes Rennen gegen ihn gewonnen.

Insgesamt waren es sieben Siege in deiner Karriere. Zufrieden?

Ich war 29 Mal am Stockerl und bin im Nachhinein gesehen in der schärfsten Zeit gefahren, die es aus österreichischer Sicht im Skiweltcup gegeben hat. Wir haben uns wirklich gegenseitig die Siege weggeschnappt.

Heute mit 48 fährst du für den ORF als Kommentator noch immer alle Rennen mit der Kamera ab. Wie lange geht das?

Das frag’ ich mich selber ab und zu. Es ist so: Wenn es mich irgendwann mal aufhaut, sag’ ich: Danke, das war’s! Vor Sölden hatte ich heuer echt Angst, dass ich es nimma schaffe. Aber dann steh ich am Ski, fahr runter und es ist wie immer. Ich habe heuer sehr fleißig trainiert und bin gut beinander.

Würdest du dich selbst beneiden, wenn du dein Leben von außen betrachtest?

Wenn jemand mein Gesamtbild sieht, mit den Super-Sponsoren und dem geilen Job, würde er sicher gerne mit mir tauschen. Aber zum Beispiel mein Ausstieg aus dem Skiweltcup war bei Gott nicht einfach für mich – als Sportler das schwierigste Kapitel meines Lebens.

Es ging um Dopingvorwürfe, verursacht durch verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel. Was haben die Vorwürfe damals mit dir gemacht?

Es hat mich menschlich total mitgenommen, ich habe ein paar Monate nicht durchschlafen können. Irgendwann hab’ ich in den Spiegel geschaut und gedacht: Jetzt bist du in zwei Monaten um fünf Jahre gealtert. So konnte es nicht weitergehen.

Um deine Unschuld zu beweisen, hast du den Kampf gegen eine amerikanische Firma aufgenommen. David gegen Goliath könnte man sagen, nicht?

Es hat dreieinhalb Jahre gedauert mit der Klage in Amerika drüben. Du glaubst nicht, was für eine Lawine man lostritt, wenn man als kleiner Österreicher eine amerikanische Firma klagt. Ich musste viel Geld investieren und habe immer gehofft, dass ich es irgendwann zurückkriege. Wir haben uns Jahre später außergerichtlich geeinigt, und ich habe eine finanzielle Entschädigung bekommen. Die hat sehr gut getan, aber die Karriere war hin.

Weil du gesperrt warst?

18 Monate Sperre hab’ ich sofort gekriegt von der FIS und vom Internationalen Sportgerichtshof. Ich bin zwar sofort vom vorsätzlichen Doping freigesprochen worden und habe später meine Unschuld bewiesen, aber die Sperre ist geblieben.

Das alles ist 2005 passiert, das Jahr, in dem du auch ORF-Skikommentator wurdest. Wer hat dort an dich geglaubt?

Der damalige Sportchef Elmar Oberhauser, der gesagt hat, „der Knauß kann nix dafür, den hat es da reingefressen“. Er hat mir die Chance gegeben, trotz der ganzen Sache den Job bei einem öffentlich-rechtlichen Sender zu machen.

Bist du eigentlich unterwegs immer im selben Hotel wie die Fahrer?

Ich bin jetzt so ehrlich und sag, dass ich froh bin, wenn ich nicht im gleichen Hotel bin. Der ganze Tross, der ganze ÖSV-Haufen ist so groß geworden, dass es für mich das Schönste ist, ohne andere Nationen im Hotel zu wohnen.

Fehlen dir dann nicht die Insider-Infos.

Jetzt in Lake Louise gibt es nur das Grand Hotel. Da erfahr ich alle Neuigkeiten aus erster Hand. Die Leute glauben mir das ja nicht, aber ich lebe dort wie ein Sportler selber, weil ich ja auch besichtige und mit der Kamera runterfahre. Deshalb bin ich ab und zu froh, wenn ich beim Abendessen andere Themen als Skifahren hab’.

Hans Knauß, 48, wurde 1971 in Schladming geboren. Er ist das jüngste von sechs Geschwistern. Seine Mutter war Hausfrau, der Vater, der jahrelang in Kriegsgefangenschaft war, unter anderem Liftangestellter. Schon als Kind beschloss Knauß Skirennläufer zu werden. Er wurde vier Mal Schülermeister und mit 16 Jahren in den ÖSV aufgenommen.
Knauß startete in den Disziplinen Abfahrt, Super G und Riesenslalom und stand 29 Mal am Stockerl. Olympia- und Weltmeistertitel blieben ihm verwehrt und brachten ihm ob des knappen Rückstandes den Spitznamen „Hundertstel-Hans“ ein. 2005 musste Knauß seine Karriere aufgrund von Dopingvorwürfen beenden, konnte aber seine Unschuld beweisen. Seit 2005 ist er auch Skikommentator des ORF. Knauß ist mit Barbara verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Sohn Leo geht in eine Landwirtschaftsschule, Tochter Nella möchte, wie der Papa, Skirennläuferin werden.   

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