© Michael Horowitz

freizeit
12/05/2014

Hanoi: Das Schwert der Schildkröte

Annäherung an Hanoi. Eine Stadt mit zeitlosem Charme und großer Zukunft. Sony & Samsung statt Hammer & Sichel. Eine magische Metropole im Aufbruch zwischen Kolonialzeit, Kommunismus und Kapitalismus.

von Michael Horowitz

In Vietnam haben wir 700 Zeitungen – aber nur einen Chefredakteur, erzählt mir Pham Thi Yen. Jede Woche gibt es im Büro der staatlichen Nachrichtenagentur VNA in Hanoi ein Treffen der Redaktionsleiter, denen die rigide, offizielle Blattlinie vorgegeben wird. Ich habe Pham Thi Yen nach dem Weg zum Schildkrötenturm gefragt. Ich solle Yen zu ihr sagen, meint sie in bestem Englisch. Der letzte der zumeist drei Namen sei der Vorname. Yen ist schön. Sehr schön. Ein edles, eigenwilliges Gesicht, ein zarter, wohlgeformter Körper. Wäre man Graham Greene, würde man vielleicht schreiben … ihre ruhigen, traurigen, tiefschwarzen Augen erzählen von Qualen, Folterungen und Demütigungen durch Amerikaner und Franzosen, ihr scheues Lächeln verheißt dennoch Hoffnung. Yen arbeitet in einer kleinen Galerie im 600 Jahre alten „Viertel der 36 Gassen“. Die Kunstszene Hanois sei eine der anspruchsvollsten Südostasiens, meint sie stolz. Ihre Eltern leben im Norden, im Dorf Vinh Son. Ihr Vater züchtet und lebt vom Handel mit hochgiftigen Schlangen. Rattenschlangen und Königskobras werden wegen ihres Geschmacks und ihrer Heilkraft geschätzt. Die Schlangen werden an pharmazeutische Konzerne und Luxusrestaurants verkauft. Das Geschäft boomt, seit in China und Vietnam die Mittelschicht wächst und sich immer mehr Menschen die Delikatesse Schlange leisten können. Bei festlichen Gelagen werden noch zuckende Kobra-Herzen verspeist, Schlangenblut und -gallensaft als Garant für ewiges Leben getrunken. Yens Vater habe jedenfalls mit dem Schlangensalär der letzten Jahre ihrem Bruder einen winzigen Vietnam-Imbiss im Pariser Kult-Arrondissement Marais finanzieren können.

Am frühen Abend – damit gleich alles geklärt ist, sie wolle später noch ihren Freund treffen – bin ich mit Yen im „Cha Ca La Vong“ verabredet, dem wahrscheinlich einzigen Restaurant der Welt, in dem es seit mehr als 100 Jahren nur ein Gericht gibt: Cha Ca, geschmorter Seeteufel mit Galgant und Safran im Reisbett. Nach dem zweiten Saigon-Bier wird Yen ernst. Niemals dürfe man die Tragödie ihres Landes vergessen und verdrängen, man leide noch immer darunter: Wir werden dieses gottverdammte Land dem Erdboden gleichmachen, so Richard Nixon 1971. Zu keiner anderen Zeit und an keinem anderen Ort wurden so viele Vernichtungsmittel eingesetzt wie hier. Man wollte um jeden Preis den Vormarsch des Kommunismus stoppen, in den fernen Dschungeln und Sümpfen einen Vorposten der freien Welt schaffen. Doch vier Jahre nach Nixons wütender Rede ist eines der grausamsten Kapitel des Kalten Krieges verloren. Fotos, die Kinder vor amerikanischen Napalm-Bomben flüchtend zeigen, wird man nie vergessen können. Schwierig, jetzt vom heutigen Hanoi, seit der Wiedervereinigung 1976 die Hauptstadt Vietnams, einer Metropole zwischen Tradition und Aufbruch, weiterzusprechen. Noch zwei Saigon, bitte. Und zwei Quoc Lui- „der Heimliche vom Lande“, scharfer Reisschnaps. In Yens Augen kehrt wieder Lebensfreude zurück.

Cyclos-Chauffeure und Vespa-Horden beherrschen die Straßen der Stadt. An den Ufern des Hoan-Kiem-Sees spürt man noch das ursprüngliche Flair der Stadt. Das wissen auch Hochzeitspaare und lassen sich vor der Trauung hier fotografieren (kleines Bild).

Ich solle morgen zeitig zum Herzen Hanois gehen, zum Hoan Kiem-See. Der Sage nach kam während der Besetzung durch die chinesischen Ming im 15. Jahrhundert eine goldene Schildkröte aus dem See und gab General Le Loi ein magisches Schwert, mit dem er die Eindringlinge vertrieb. Einige Zeit später erschien dem General wieder die Schildkröte und forderte das Schwert zurück. Seit damals heißt der See inmitten der Stadt Hoan Kiem – See des zurückgegebenen Schwertes. Zur Erinnerung an die Sage wurde auf einer Insel inmitten des idyllischen Sees ein Tempel errichtet – mit dem Schildkrötenturm. Ihm verdanke ich meine Begegnung mit Yen. An den Ufern des Sees kann man noch das ursprüngliche Flair der Stadt erahnen, erkennt zwischen Nebelschwaden Hochzeitspaare, die vor der Trauung fotografiert werden, Rentner, die in ihre Tai-Chi-Übungen versunken sind, Mönche auf ihrem Weg zur Pagode, die schon von Weitem Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. In den Alleen rund um den See warten schlafend Hunderte Cyclos-Chauffeure auf Kundschaft. In ihren Rikschas führen sie Touristen für ein paar Dong stundenlang durch die Stadt. Ja, und abends, meint Yen, soll ich unbedingt eine Roi Nuoc-Vorstellung besuchen, das Wasserpuppen-Theater. Vor mehr als 1.000 Jahren wurde diese authentischste Kunstform Vietnams entwickelt. Früher spielte man so in den Flüssen, Seen und Reisfeldern Theater. Heute werden die Stücke, die aus der jahrhundertealten Perspektive bäuerlicher Kultur erzählen, in Wasserbecken inszeniert. Hinter der Bühne sind die Puppenspieler versteckt, die hüfthoch im Wasser stehen und ihre Holzpuppen aus wasserresistentem Feigenholz zur traditionellen Musik bewegen. Feuerspeiende Drachen und Knallkörper sollen das Spektakel aufregender gestalten. Am Ende der Vorstellung tauchen die Puppenspieler hinter dem Vorhang auf, um sich feiern zu lassen. Doch meine Freundin Yen will mir auch vom modernen Hanoi erzählen. Vom Vietnam der Zukunft, einem Land, in dem 93 Millionen Menschen leben. Noch vor 20 Jahren galten mehr als 60 Prozent der Bevölkerung als arm – heute sind es weniger als zehn. Viele wollen mehr arbeiten als die erlaubten 44 Stunden an sechs Tagen der Woche. Im kommunistischen Vietnam ist die Ideologie von Marx und Engels für die meisten Jungen nur noch Folklore. Sie freuen sich, dass die roten Fahnen, die Ho-Chi-Minh-Wandbilder immer mehr von Sony- und Samsung-Werbung verdrängt werden. Metro-, Media Markt- und Mercedes-Logos haben Hammer & Sichel ersetzt.

Ausländische Investoren werden ins Land gelockt. Unter anderem mit totaler Steuerfreiheit während der ersten drei Jahre. Vor allem deutsche Unternehmer kuscheln mit den Kommunisten. Ihnen ist es gleichgültig, ob ein Land demokratisch oder diktatorisch gelenkt ist. Hauptsache, die Rendite stimmt. Vietnam, das frühere Sorgenkind Südostasiens, ist längst zum Geheimtipp an der Börse geworden. Unter den Währungen Asiens gibt es nur eine einzige, die den Ausverkauf gegenüber dem Dollar schadlos überstanden hat: Den vietnamesischen Dong. Seine Stabilität sagt viel über das aufstrebende Land aus. Der Index der Börse in Ho Chi Minh City legte im vergangenen Jahr mehr als 20 Prozent zu. Kein Wunder, dass man zwischen duftenden Garküchen, stinkenden Moped-Kolonnen, hageren Blumenfrauen mit Kegelhüten und Eselskarren junge Menschen sieht, die am Gehsteig sitzend, zwischen dem Verkauf von Mangos und Melonen, Pomelos und Pak Choi, auf ihrem Smartphone hektisch herumwischen. Der Reiz der Börse im Rinnsal. Den langjährigen Leitspruch Dem Volke dienen sieht man nur mehr an den Wänden hinter den Schreibtischen der korrupten Offiziellen. Ja, Korruption gibt es reichlich. Beamten und Lehrern werden weiterhin prall gefüllte Kuverts zugesteckt, bei Baugenehmigungen wird ebenso geschmiert wie bei Polizeikontrollen: Polizisten zahlen mehrere Tausend Dollar, damit sie in Hanoi an Kreuzungen stehen können, an denen viel kontrolliert wird. Doch man wehrt sich, so gut es geht. Der Journalist Ngyuen Viet Chin des Magazins Thanh Nien – „Junge Menschen“, deckte vor einigen Jahren einen der größten Korruptionsskandale in der Geschichte Vietnams auf. Mitarbeiter der „PMU 18“-Gruppe des Verkehrsministeriums hatten Mittel eines Fonds für Straßenprojekte veruntreut – in den neben Steuereinnahmen auch Geld für Entwicklungshilfe der Weltbank geflossen waren. Die Beamten vergnügten sich mit Prostituierten, leisteten sich Luxusautos und verwetteten 1,8 Millionen Dollar bei Fußballspielen in Europa. Der Verkehrsminister musste zurücktreten, neun „PMU 18“-Beamte kamen ins Gefängnis. Doch die Pressefreiheit à la Vietnam äußerte sich in der Verhaftung des Journalisten. Weil er seine Berichterstattung vor Gericht verteidigte, wurde Ngyuen Viet Chin zu mehreren Jahren Haft verurteilt.

Nach einer Woche gilt es, Abschied zu nehmen. Von einer pulsierenden Stadt im Aufbruch, die von den amerikanischen Bomben größtenteils verschont blieb und von der langen französischen Besatzungszeit geprägt ist. Wegen der feuchten Hitze wichen die Franzosen schon in den 1920er-Jahren in den kühlen Norden Vietnams aus. Art-déco-Museen, prachtvolle Stadtvillen und Residenzen, Hotels und die Oper – alles in üppigem Kolonialstil –, breite, schattenspendende Boulevards haben Hanoi zu einer der schönsten Städte Südostasiens gemacht. Mit zeitlosem Charme und einer der besten Küchen der Welt: Chinesische und französische Einflüsse bilden mit der ursprünglichen Kochkunst Vietnams eine Allianz des guten Geschmacks. Unvergleichliche Erlebnisse – auch ohne Schlangenfleisch. Es gilt auch, von Yen Abschied zu nehmen. Auf der Teeterrasse des schönsten Gebäudes der Stadt, dem „Hotel Metropole“. Auf den Sümpfen Hanois wurde es 1901 im Kolonialstil nach Pariser Vorbild erbaut. Mit klassischer weißer Fassade, dunkelgrünen Fensterläden, holzgetäfelten Salons, schmiedeeisernen Terrassen, einem magischen Innenhof mit Pool und zahlreichen Bars, in denen Personal und Ventilatoren rund 20 Stunden pro Tag nie zur Ruhe kommen. Graham Greene schrieb hier große Teile seines Romans „Der stille Amerikaner“. Somerset Maugham hatte an der „Metropole“-Bar so wie im „Raffles“ in Singapur, „The Peninsula“ Hong Kong und dem „Oriental“ in Bangkok eine Art Meldezettel. Wie auch Sir Roger Moore. Von den Eskapaden des jungen Mick Jagger sprechen die Stubenmädchen noch heute – kichernd, hinter vorgehaltener Hand. Während des Vietnamkriegs pendelte Jane Fonda wochenlang zwischen ihrer Suite im „Metropole“ und dem hoteleigenen Bunker. Im nächsten März will Yen nach Paris. Sie habe endlich genug Geld gespart. Um nach sieben Jahren ihren Bruder wiederzusehen. Und um die Art Paris, eine Messe moderner Kunst im Grand Palais, zu besuchen. Vielleicht bin ich im März zufällig auch in Paris.

Wohnen wie die Stars

Sofitel Legend Metropole Hanoi Wohl die beste Adresse, um in Hanoi zu logieren. Vom französischen Kolonialstil und dem Flair seiner prominenten Besucher profitiert es einst wie heute. Wer nach Hanoi kommt, sollte zumindest ein Mal die Bar des 5-Stern-Luxushauses besuchen. Der Autor Graham Greene wohnte hier genauso wie Stones-Urgestein Mick Jagger, Stephen Hawking oder Oliver Stone. Eine elegante Unterkunft mit Geschichte und Geschichten. Unweit der Oper und des Hoan Kiem Sees. www.sofitel-legend.com/hanoi

ANREISE

Rückflug WienHanoi, z.B. mit Thai Airways International über Bangkok inkl. Steuern und Gebühren ab 1.223.30 €

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