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freizeit
04/30/2019

Grüne Städte: Spektakuläre Projekte von Asien bis Europa

Warum Grün so gut für die Psyche ist und gleichzeitig hilft, das Stadtklima zu verbessern.

Die Welt braucht mehr Grün. Nicht nur Zimmerpflanzen und Urban Gardening liegen derzeit total im Trend, sondern auch grüne Architektur, die sich nicht nur positiv auf das Mikroklima in Städten auswirkt, sondern auch auf deren Bewohner. „Es ist erwiesen, dass Grün die angenehmste Wellenlänge für das Auge ist. Studien konnten zeigen, dass Menschen, die im Krankenhaus liegen und auf Grün blicken, schneller genesen, als jene, die auf Beton schauen. Es hat etwas Heilsames“; sagt die Naturpsychologin Astrid Lampl, (www.naturpsychologie.at). „Wir leben in einer Gesellschaft, die völlig reizüberflutet ist. In der Natur sind die Reize vermindert, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung können sich erholen. Was besonders für Stressgeplagte und Burnout-Betroffene ein Segen ist“, ist sie überzeugt. Das Erleben von Natur ist ein menschliches Grundbedürfnis. Aktuell wurde dazu eine groß angelegte Studie veröffentlicht. In der konnten dänische Forscher zeigen, dass Kinder, die in einem grünen Umfeld aufwachsen, ein bis zu 55 Prozent kleineres Risiko haben, im späteren Leben eine von sechzehn typischen psychischen Störungen zu entwickeln.

Atmende Städte

Vor allem in der Stadt sehnen sich die Menschen nach Grün. Den eigenen Boden bearbeiten, säen, jäten, ernten, durchatmen – und sei es nur auf dem Balkon. Jedes Stück Grünfläche verändert das städtische Mikroklima zum Positiven. Bäume und vertikale Gärten reduzieren die Hitze. Laut Schätzung der Vereinten Nationen werden bis 2030 fast 60 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Eine Herausforderung, vor allem für den Wohnbau. Biophiles Design und grüne Architektur haben den Auftrag, die Stadt lebenswerter zu machen. Spektakuläre Beispiele sieht man vor allem in Asien. Singapur, wo auf engstem Raum etwa 5,5 Millionen Menschen zusammenleben, will sich als „grüne Megastadt“ positionieren und gilt als Leuchtturm in Sachen Gebäudebegrünung.

Ein wichtiger Player ist da etwa die Architekturfirma WOHA. Sie entwirft atemberaubende Hochhäuser mit grünen Fassaden, integrierten, tropischen Gärten sowie Dachterrassen mit Mini-Reisfeldern. Die Vision: Gebäude sollen Menschen lebendiger machen. Ende 2018 wurde ihr Projekt „Kampung Admiralty“ beim „World Architecture Festival“ ausgezeichnet: ein vertikales Dorf als lebenswerte Umgebung für ältere Menschen. Mit tausenden Pflanzen und einer Gemeinschaftsfarm auf dem Dach. Vor Kurzem wurde im Changi Airport Singapore "The Jewel" eröffnet. Eine atemberaubende Grünoase, mit einem 40 Meter hohen Indoor-Wasserfall und Regenwald-Optik mit hängenden Gärten, Blumen und Bäumen.

Grüne Idee aus Österreich

Doch auch in Europa gibt es mehr und mehr Öko-Vorzeigeprojekte. An der Côte d’Azur soll etwa bis 2023 das Immobilienprojekt „Ecotone“ entstehen, mit Büros, Hotels, Gastronomie. Es ist geplant, 56 Prozent der Grundstücksfläche zu begrünen – mit bepflanzten Dachflächen, Fassaden und Innenhöfen.

Vom österreichischen Architekten-Paar Fei und Chris Precht kommt wiederum das visionäre Konzept „Farmhouse“: ein modulares System, bei dem kleine „Wohn-Farmen“ ermöglichen sollen, dass Stadtbewohner ihr eigenes Obst und Gemüse anbauen. Die Einheiten können zu Wohntürmen gestapelt werden. „Es ist der Versuch, Menschen wieder mit dem Anbau und Ernten eigener Lebensmittel zu verbinden“, heißt es bei Precht. Apropos Farm: In New York City boomen Restaurants, die die Kräuter oder Salate für die Gäste in „Turmbeeten“ im Dachgarten züchten.

Das eigene Essen beim Gedeihen beobachten zu können, macht zufrieden – es ist die Liebe zum Lebendigen. Der Begriff „erden“ wird oft als esoterisch abgetan, ist es aber nicht. „Denn auch ein Garten, und sei er noch so klein, entschleunigt. Viele sind dauernd am Denken, haben Schmerz und Druck im Kopf. Zu garteln oder Gemüse anzubauen, kann den Kopf frei machen. Man gewinnt Boden unter den Füßen. Außerdem wird es als schön empfunden, die Zyklen der Natur mitzuerleben“, sagt Psychologin Astrid Lampl.

„Greenery“ in New York City

Mit dem allgemeinen Grünkult gedeiht auch eine neue Branche – smarte Tools ermöglichen es, in den eigenen vier Wänden Gemüse und Obst zu züchten. Im Februar hat in Brooklyn, New York, die „Greenery Unlimited“ aufgemacht: das „weltweit erste Kaufhaus für biophiles Design“. Dort verkauft man nicht nur Pflanzen, sondern ganze Pflegesysteme, um das persönliche Gewächshaus am Leben zu erhalten. Dabei wird an die Idee der Biophilie angeknüpft, die Erich Fromm folgend, „die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen ist“. „Greenery“-Gründer Rebecca Bullene und Adam Besheer sehen darin nicht nur einen Trend, sondern den Gegenentwurf zum hektischen Stadtleben: „Der einzige Weg, um mit dem Chaos dieser Stadt zurechtzukommen, ist es, sein Zuhause in ein Heiligtum zu verwandeln.“ Das Unternehmen ist bekannt für seine grünen Installationen und vertikalen Gärten, die die Büros von Netflix, Google oder der New York Times zieren.