freizeit
30.05.2018

Gery Keszler: 25 Jahre Mister Life Ball

Das Lächeln blitzt wie je, zärtlich, belustigt, stolz erfreut. Das Gesicht ist hager, dreitagesbärtig. Doch was hat Gery Keszler aufgestellt in 25 Jahren „Life Ball“. Große Feste für ein großes Ziel. Provokant, stilvoll, international. Diesmal am 2. Juni.

Am 12. Mai hat Gery Keszler auf Facebook gepostet: „Mein altes  Zackelschaf Candy ist noch einmal Mutter geworden.“ Dazu ein paar Fotos.  Sonne, wild wachsende Wiese, die langzottelige Schafsfamilie. Er selbst mit einem schwarzen feuchtlockigen Lamperl auf dem Arm: „Zehn Minuten alt und kann gleich stehen!“ Nachdenklich schaut er. Bissl zerfurcht, doch entspannt und froh. Drei Wochen hin bis zum Life Ball, einem ganz besonderen, dem fünfundzwanzigsten, Motto: The Sound of Music. Nicht wirklich ein Termin zum Zurücklehnen. Nur. Die stille südburgenländische Weite macht das Hirn frei. Dort atmet er durch, bodennah beim Ackern Mähen Rupfen & Zupfen. Kräftigt sich für den nächsten Fight. „Climb every mountain!“ Das. Gibt die Mutter Oberin im Filmmusical The Sound of Music dem Fräulein Maria in die Ehe mit dem Witwer Georg von Trapp und seinen sieben Kindern mit. Für Keszler klingt’s wie maßgeschnitten.


Was für ein Leben. 

Wie viel Energie. Bestes Holz. Seine Freunde beschreiben ihn als Geist, der niemals ruht. Hungrig nach Wissen, hungrig etwas zu erschaffen, das Bestand hat. 54 ist er jetzt. Seine eigene HIV-Infektion vor vielen Jahren wollte er nie zum Thema machen. Erst als der eigentliche Sinn des Life Balls für viele verschütt ging und das wilde Feiern an prominenter Seite die Message von Solidarität und Hilfsbereitschaft übertönte – Tabula rasa. „Ich war einer der allerersten. Kein Arzt in Österreich hat gewusst, was ich habe“, sagt Keszler, als er 2015 seinen Status auf dem glitzerndem Glamour reservierten Red Carpet auf dem Wiener Rathausplatz unter Tränen öffentlich macht.
Aufmerksamkeit. Darum geht es. Und um das Bewusstsein, dass das Virus keine Standesdünkel kennt. Reich, arm, schick, bieder, schön, schwul oder hetero – es kann jeden treffen. Nur etwas hat sich verändert: Früher bedeutete die Diagnose oft den sicheren Tod. So viele sind in den Achtziger-Neunziger-Jahren  gestorben, Ältere wissen: Fernsehmoderator Dieter Seefranz, Hollywood-Darling Rock Hudson, der vergötterte Queen-Sänger Freddie Mercury. Auch, dass der erste HIV-Test 1985 entwickelt wurde, das erste Medikament 1987, dass die Behandlung pro Patient 20.000 Schilling monatlich gekostet hat. Gery Keszler hat einen sehr starken Willen, wollte das ändern. Das Sterben beenden, oder zumindest: das Leben erleichtern. Nicht aus Selbstmitleid, nicht aus Angst, sondern weil er die Menschen mag. Manchmal heimlich, manchmal aus ganzem Herzen.

 

Umkehrschub.

Seine Kraft – woher kommt sie? Daher, dass Keszlers Kindheitswelt in Brunn am Gebirge „wohlgeordnet“ war? Kurz gefasst: Er wuchs beim Opa auf, einem biederen Polizisten, weil: die Mama arbeiten musste, da: sich der Daddy kurz nach seiner Geburt nach Aus-tralien verabschiedet hatte. Der kleine Prinz wurde gehätschelt, aber auch vernunftbetont auf die HTL, Abteilung Feinmechanik geschickt. Hm, gern hätte Gery Geschichte studiert. Auf Vatersuche begab er sich nach dem Bundesheer, sagt später nur kühl: „Ich fand einen Super-Macho vor, mit ebenso großem Interesse an Geschichte wie ich, nur leider auf den Faschismus reduziert.“ Fand sich autostoppend auf der Landstraße wieder. In einem australischen Wanderzirkus unter Typen so schaurig-schön wie aus Fellini-Filmen wurde er Koch und erwachsen. „Dass ich schwul bin, habe ich immer gewusst.“
Zurück in Österreich, spürt er die Symptome der damals noch so rätselhaften Krankheit. Kämpft. Schnappt nicht über. Wozu auch. Besucht einen Schminkkurs, entdeckt ein großes Talent, schminkt bald Models in Wien und Umgebung, perfektioniert die Feinmechanik am lebendigen Objekt in Paris. Wow! In den Hochglanzmagazinen Vogue oder Marie Claire, bei den Welt-Designern Thierry Mugler, Vivienne Westwood, Jean-Paul Gaultier. Verfeinert seine Gabe, genau hinzuschauen. „Ich bin ein Pitzler“, sagt Keszler österreichisch mit verschmitzt charmantem Lächeln. 1992 hat er die Wut und den Mut, mit seinem besten Freund, dem Arzt Torgom Petrosian, den Verein Aids Life zu gründen; ein Jahr später „die Unverschämtheit“, das Wiener Rathaus „als politisches Gebäude“ vom weltoffenen Bürgermeister Helmut Zilk für ein Charity-Event zu entern. In gewitzter Verfremdung Altwiener Traditionen nennen sie’s Life Ball.  
Petrosian stirbt. An den Folgen von AidsKeszler hat ihm versprochen, weiterzumachen. Also wird der Life Ball hochgestylt zur glitzernden Verpackung existenzieller Botschaften. Climb every mountain! Begeistert, beharrlich, intelligent, fantasievoll zieht er alle Register. Bewältigt Pannen, Kleinkatastrophen, Wetterunbilden, Todesschatten –  Wutausbrüche und Tränen inklusive. Alle Jahre wieder neue Gipfel. Längst gigantische. International.

 

Bauch, Herz, Hirn.

Nach einer selbstverordneten Besinnungspause, 2016 ohne Life Ball, mit dem Relaunch zur Botschaft: Know your status. Zum Programm 90-90-90, an dem die ganze Welt arbeitet. A) Tests, um den Immunstatus zu bestimmen. B) Dass HIV-Infizierte Therapie erhalten. C) Den Zustand herzustellen, der in der Regel bei Früherkennung eintritt: Dass der Infizierte unter die Nachweisbarkeitsgrenze kommt. Keszler: „Das bedeutet, nicht infektiös zu sein. Damit kann man alt werden. Seit Generika zugelassen sind, können mehr als die Hälfte der global Betroffenen therapiert werden.“  Sein aktuelles Ziel: In den USA noch bekannter und populärer zu werden, die Marke Life Ball stark zu bündeln: „Wir sind auf Platz 13 der weltweit wichtigsten privaten Aidshilfe-Foundations gewählt worden.“
Gery Keszler, ein Mann vieler Eigenschaften. Bewiesen an 24 extravaganten Life-Bällen mit Side-Events in Schloss Schönbrunn, Burgtheater und Parlament, mit raffinierten Style Bibles seit 2006. An der Wertschöpfung für die Stadt um die zehn Millionen Euro; an Stammgästen wie Elton John und Bill Clinton; an Hollywoodstars von Sharon Stone bis Liza Minnelli auf dem Catwalk – pfiffig mit heimischen Größen gemischt. An Top-Designern und Super-Models, die sich über die Einladung, gratis mitzuwirken, geehrt fühlen: Gaultier kam dreimal. Bewiesen durch Überzeugungskunst und Nervenstärke: Grace Jones lässt 1999 auf sich warten, reagiert nicht auf Anrufe. Der Einlass zum Ball hat schon begonnen. Also. Rast Gery ins Hotel Intercont, pumpert fünfzehn Minuten an ihre versperrte Tür, bis sie ihn einlässt, liegt zwanzig Minuten mit ihr auf dem Bett, spricht über Leben & Tod & Hoffnung, bis sie sicher ist, wichtige Hilfe zu leisten. Sie wird singen. Zusatz: „Aber vorher muss ich noch in die Sauna.“ Wie Keszler seine Entscheidungen trifft? „Zuerst aus dem Bauch. Mit dem Herzen. Dann erst erreichen sie das Hirn.“ Seinesfalls verlässliche Organe. Mit Erfolgsgarantie.

 

Und die Seele?

Tja. „Am Anfang stand die blanke Provokation. Mein Stilmittel, um mit etwas Lebensbejahendem gegen eine tödliche Krankheit  anzutreten, gegen etwas, das verdrängt wird aus der ganzen Gesellschaft, aus Angst, aus Vorurteilen. Mit soviel Sünde behaftet war und mit Risikoverhalten, sodass  man keine Chance hat, mit nettem Smile  und einem Erlagschein zu wacheln, um Millionen aufzustellen“, sagte Keszler vergangenes Jahr im Dialog mit Kardinal Christoph Schönborn. Das Bild des schrillen Vogels hätte er selber angezündet. Doch. Im Verlauf von 25 Jahren sei er auch ein anderer Mensch geworden. Dankbar für ein volles Leben. Bereit Brücken zu bauen, anstatt sie anzuzünden. Schön und behutsam, dieses Gespräch, fast wie zwischen Vater und Sohn, fast zwei Stunden lang.
GK spricht viel, der Kardinal wenig, er hört zu, „menschlich sehr beeindruckt“. In einem kleinen Exkurs über Haltungen hebt er das Mitgefühl hervor: „Bist du in der Lage, dich von einem Menschen, dem du begegnest, berühren zu lassen? Ihn nicht per Etiketten in Kategorien einzuteilen?“ Sonst. Sei es keine Begegnung ...  Wie es dazu kam? Vor acht  Jahren wollte Keszler ein Konzert am Welt-Aids-Tag im Stephansdom veranstalten. Doch: „Zwischen dem Life Ball und dem Stephansdom ist noch ein langer steiniger Weg“, formulierte Wiens oberster Hirte seine Absage. „Selber schuld“, meint GK, „wieso hab ich nicht um ein persönliches Gespräch gebeten?“ Lacht: „Wahrscheinlich hab ich mich nicht getraut.“ Ermunterung und Trost füreinander klingt bei beiden an. Respekt sowieso.


Pater Christoph.

Keszlers Interesse für (Kunst-)Geschichte und seine Gläubigkeit haben sie schließlich zusammengeführt. In ihrer „Langen Nacht“ durchstreift er die Kirchen, endet rituell vor den drei Allegorien „Glaube Liebe Hoffnung“ der Rottmayr-Fresken in der Karlskirche. Dort tauschte er Tiefgründiges mit einem entfernt Bekannten aus. Der arrangierte ein Abendessen mit dem Kardinal. „Ein Aufeinanderzugehen trotz extremer Polarität“ beschreibt Keszler. Auch eine Gemeinsamkeit: Der Kampf gegen HIV/ Aids müsse verstärkt weitergehen. Ja, in Afrika. Die Brutalität des Sterbens in südafrikanischen Slums hatte Gery durchunddurch gerüttelt. Doch schon seit dem ersten Projekt mit Elton John war ihm klar, wie viel die katholische Kirche für Aidskranke tut: „Einfach aus Nächstenliebe, aus einem Gefühl des Mitleidens.“ Der ersten Begegnung mit dem Kardinal folgten viele, Gery nennt ihn Pater Christoph: „Wir treffen uns mehrmals im Jahr. Zu Gesprächen ohne Druck auf Augenhöhe. Sie sind mir wichtig. Bringen mich zum Nachdenken über mich selbst.“ Auch eine therapeutische Beziehung? Ohne Streit jedenfalls. Es geht viel um Persönliches, in der Zeit etwa, als Gerys Mutter starb. Ihr Kreuz, das ihm der Stiefvater geschenkt hat, ehrt er: „Ich bin ein gläubiger Mensch.“ Wobei. GK im Hier und im Jetzt etwas bewegen möchte. „Da geht es mir nicht um die Sorge, ob es aus ist nach dem Tod oder das Leben ewig. Wünschen würde ich es mir natürlich“, erklärte er dem Sonntag ungeheuchelt.
2016 kam der Kardinal spontan zum Red Ribbon Celebration Concert im Burgtheater, stand unangemeldet auf der Bühne, übte sich in Selbstironie: „Die Leute müssten länger auf die Pause warten“; gestand seine ursprünglichen Vorurteile gegen den Life Ball ein, relativierte und berührte Keszler damit so tief, dass Gery sich in der Pause am Klo versteckte: „Ich musste mich fassen“; ließ sich vice versa von dessen Rede zum Finale tief berühren: „Etwas Großes passiert.“ Ja. Am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag 2017, luden Schönborn und Keszler zum konfessionsübergreifenden Gottesdienst in den Stephansdom – um an 36 Millionen an Folgen von Aids Verstorbener zu erinnern und ein gemeinsames Zeichen gegen Vorurteile zu setzen.
Das Resümee? „Ein voller Dom, eine tolle Quote der Live Übertragung und zugleich ein krasses Bashing – auch aus der Gay-Szene: ,Jetzt werden Kirchenglocken am Life Ball läuten!’“ Tja. Wir werden den Ball erleben. Irgendwann. Vielleicht. Auch noch dem Kardinal dort begegnen.