freizeit | Gehen
09.06.2018

Zürich - strahlende Schönheit

Zürich Central – Niederdorfstraße – Kirchgasse – Oberdorfgasse – Rämistraße – Bellevue: 3400 Schritte

Ich gehe durch Zürich, wähle aber nicht, wie es frischgefangte Zürich-Touristen vielleicht täten, den Weg über die Bahnhofstraße Richtung Zürichsee, sondern tue mir einen Umweg durch das Niederdorf an. Die Bahnhofstraße ist fad: schnurgerade, permanent befahren von blauen, hektisch klingelnden Züritrams, und wenn man nicht gerade das Spiel spielt, welches Produkt in den Schaufenstern der Juweliere und Luxusfetzentandler das teuerste ist, dann bietet die Bahnhofstraße nur ereignislosen Luxus. Lässt man sich auf das Spiel allerdings ein, dann stößt man auf Uhren, deren Preise im hohen fünfstelligen Frankenbereich liegen. Ich stelle mir dann gern vor, dass ich das Geschäft betrete und den Verkäufer frage, ob er nicht noch etwas Teureres im Safe hat, und nein, natürlich will ich mir keine Uhr im Wert einer Eigentumswohnung anschaffen, sondern nur die Erkenntnis gewinnen, ob schamloser Reichtum den Verkäufer aus der Fassung oder seine Augen zum Leuchten bringt.
 Aber nicht heute. Heute gehe ich durch das Niederdorf, das mittelalterliche Stadtzentrum Zürichs, das parallel zur Limmat angelegt ist, bei der Stüssihofstatt ins Oberdorf mündet, was aber kein Mensch je auseinanderklaubt: Auch das Oberdorf ist irgendwie das Niederdorf, und gemeinsam zeigen sie ein museumshaftes Gesicht der Stadt, die zwar nicht Hauptstadt der Schweiz ist, sich aber so fühlt.
 Hier sind die Häuser alt und die Gassen eng. Gleich am Central fährt die niedliche Polybahn hinauf zur Universität, aber ich gehe weiter die Niederdorfstraße entlang und sehe durch die Gassen zur Rechten hinunter zum glänzenden Wasser der Limmat. Ein schickes Café nach dem anderen, aber auch ein paar Rotlichtbars, die erst später aufsperren werden. Imbissstände, wo die üblichen Burger und Pulled-Pork-Sandwiches verkauft werden, aber auch Veganes und Karibisches. Dazwischen funkeln die Schaufenster der Geschäfte, die coole Sneakers verkaufen, deren Botschaften ich nicht entschlüsseln kann: Warum kostet der eine weiße Turnschuh 150 Franken, der andere, der exakt gleich aussieht, aber 500?
Zum Glück muss ich mich mit diesen Fragen nicht herumschlagen, das übernehmen die Zürcher selbst. Ich sehe nur die Makellosigkeit ihres Auftretens, das ökonomische Selbstbewusstsein, das ihre teure Kleidung manifestiert, das Blitzen makellos gepflegter Gebisse, die im Fitnessstudio gestählte Haltung, das gesundheitsbewusste Schimmern des Gemüsedrinks, den sie beim Durchschreiten ihrer Innenstadt in der Hand halten. Sogar der einsame Penner auf dem Hirschenplatz trinkt alkoholfreies Bier.
 Aber ich gehe auch vorbei an der Spiegelgasse, wo im Cabaret Voltaire der Dadaismus entstand, an der wunderbaren Spezerei Schwarzenbach, wo es großartige Gewürze und Delikatessen zu Apothekerpreisen zu kaufen gibt, schließlich an meinem Lieblingslokal auf dieser Meile, der Bodega Española, wo die Zeit stehen geblieben ist. Im Bauch der Bodega, dunkel, warm und hundertjährig, bleibe ich jetzt ein bisschen und erhole mich von der strahlenden Schönheit.

christian.seiler@kurier.at