freizeit | Gehen
30.12.2017

Kaffeehausrunde mit Laufmasche

Ich gehe die große Kaffeehausrunde. Sie beginnt beim Café Sperl. Das Sperl ist das märchenhafteste unter Wiens berühmten Cafés. Samt, Messing, dunkles Holz, Billardtische. Leider ist gerade keine der Logen frei, in der ich versinken und ein bisschen in der Frankfurter Allgemeinen blättern könnte. Also gehe ich weiter.Ich steuere das Café Museum an. Hier war ich einmal gern, auch wenn die Kleider, die ich damals vor ungefähr 25 Jahren anhatte, noch immer auf dem Balkon zum Lüften hängen. Das Café Museum von früher verhält sich zum Café Museum von heute wie die Originalrezeptur von Coca Cola (als noch Kokain verpanscht wurde) zu Cola Zero. Also gehe ich weiter.Im Café Tirolerhof muss ich meine Brillen putzen: An keinem Ort der Stadt beschlagen sie so schnell wie hier. Vielleicht liegt das an der draußen avisierten Klimatisierung. Das Tirolerhof ist trotz seiner grandiosen Lage am Albertinaplatz ein Café der Ruhe, zum Bücherlesen. Ich habe keinen Roman im Gepäck, also gehe ich weiter.Vor dem Café Landtmann macht sich ein massiver Wintergarten wichtig. Schon überfällt mich die Panik, dass ich nicht genug Geld dabei haben könnte, um zum Kaffee eine Esterházy-Torte zu kaufen. Das Landtmann hat einen Ruf als wert und teuer. Also gehe ich weiter.Aus alter Gewohnheit gehe ich weiter zum Café Schottenring, nur um herauszufinden, dass es dieses etwas skurrile Kaffeehaus nicht mehr gibt. Stattdessen sitzt hier ein skandinavisches Möbelgeschäft. Zwangsläufig gehe ich weiter.Mit etwas Melancholie passiere ich das ehemalige Griensteidl, das von den temporären, neuen Betreibern listig auf "rien" umgetauft wurde. Die Melancholie rührt daher, dass die mutige, witzige Umdeutung des Ortes Ende Jänner abgeschlossen sein wird. Ein Ort, der für mich die längste Zeit unbedeutend war – das Griensteidl war eine Totgeburt – lebte kurzfristig feuerwerkartig auf, versprühte Leben – und sieht schon wieder einer ungewissen Zukunft entgegen. Klarerweise gehe ich weiter.Ich gehe jetzt auf Nummer sicher und peile mein Lieblingscafé an: Das Prückel mit seinen wunderschönen Lobmeyr-Lustern und der unvergleichlichen Fünfziger-Jahr-Einrichtung ist unter den Wiener Cafés das coolste. Vom Licht der Ringstraße durchflutet verströmt es wertvolle Zeitlosigkeit. Ich empfinde das Prückel als Reservoir der Ruhe und kulturellen Sicherheit, deshalb beende ich meinen Spaziergang hier – oder soll ich sagen: Ich würde ihn gern hier beenden? Denn als ich die Runde mache, um mir im chronisch vollen Café einen Platz zu suchen, sind zwar die Mehrheit der feinen Logen frei, jedoch durch hässliche Reservierungsschilder entwertet: Im Zweistundentakt vergibt das Prückel neuerdings seine Logen an Menschen, die einen Platz bestellen wollen – und merkt nicht, dass diese Politik in die feine Textur der Stimmung im Café eine Laufmasche reißt. Man kommt ins Café, um da zu sein, nicht um Ansprüche anzumelden – es sei denn, man hat sich seinen Platz jahrzehntelang ersessen – und genau deshalb gehe ich weiter.