freizeit | Gehen
08.04.2018

Was es nicht alles am Karmelitermarkt gibt

3600 Schritte für eine Stunde herumgehen

Ich gehe über den Karmelitermarkt, oder besser gesagt, ich lasse mich treiben. Es ist Samstag, und jeden Samstag verwandelt sich dieser am Wochenende legendäre, unter der Woche freilich ziemlich öde Platz in ein Aufmarschgebiet von Menschen, die gutes Essen zu guten Preisen einkaufen. Zuerst einmal zum guten Essen: Nirgends in Wien gibt es besseren Käse als beim Marktfahrer Gruber aus Vorarlberg. Ich kenne keinen besseren Honig als den vom anthroposophischen Melissai-Standl. Beim Alpenlachsstandl gehe ich nicht vorbei, ohne ein, zwei Saiblinge einzupacken. An der langen, zu jeder Tageszeit übervölkerten Theke des Krautwerks besorge ich mir, was gerade an Obst und Gemüse geerntet wurde, es sind immer interessante Dinge dabei, die in den Regalen vom Billa nicht wachsen.
 Wenn meine Tasche groß genug ist, nehme ich mir noch einen Birnensaft vom Altenriederer mit, und manchmal kann ich nicht widerstehen, und lasse mir auf der Non-Slowfood-Seite des Markts eine gigantische Scheibe Kümmelbraten absäbeln, damit ich einen guten Grund habe, noch ein Sixpack vom Gusswerk-Bier abzuholen. Der Karmelitermarkt am Samstag ist der beste Markt Wiens, und deshalb ist es auch ein bisschen anstrengend, von denen, die das auch wissen, kreuz und quer von Standl zu Standl geschoben zu werden, stets die jeweilige Schlange im Auge, an deren Ende man sich als Nächstes anstellen muss, Gelegenheiten ausnützend, wenn es plötzlich nur drei oder vier statt zehn oder elf Menschen sind, die beim Tschürtz Hammerfleisch holen wollen oder beim Gruber Belper Knolle.
 Nun ist der Karmelitermarkt nicht nur Markt, sondern auch Chiffre. Er steht stellvertretend für das vielseits belächelte, mancherorts auch verfemte Lebensgefühl der Wiener Innenstadtbezirke, das, wie uns manche Politologen erklären wollen, mit der Realität der sogenannten Flächenbezirke nichts  zu tun habe.
Ich finde freilich, dass die Realität des Karmelitermarkts genauso real ist wie jene in Simmering oder der Großfeldsiedlung, und ja, es ist eine andere Realität, für die man sich, wenn man will, entscheiden kann – oder auch nicht. Ich lasse mich treiben, links Äpfel, rechts Birnen, und es ist mir ziemlich egal, ob da irgendwer „Gutmensch“ oder „Bobo“ zischelt, die liebsten Zuschreibungen für die Karmelitermarkt-Society.
Ich bin gern in Gesellschaft von Gutmenschen oder Bobos, wenn das heißt, dass man Wert auf gutes Essen legt, dass man Produzenten so gut bezahlt, dass sie ihrem Beruf nachgehen können, ohne selbst Hunger zu leiden. Und nein, das hat nicht allein mit der Einkommenssituation der Kundschaft hier zu tun, sondern auch mit der Entscheidung, wofür man sein Geld ausgibt. In Frankreich gibt es Märkte wie den Karmelitermarkt (und bessere) in jeder kleinen Ortschaft, und wir sollten nicht vergessen, dass hervorragende Bauernmärkte auch in Wien Tradition hatten, bis die Supermarktkultur und die moderne Agrarpolitik sie ausgelöscht haben. Am nächsten Samstag bin ich wieder da. Vielleicht treffen wir uns ja auf einen Kaffee.

christian.seiler@kurier.at