© Alexandra Klobouk

freizeit | Gehen
10/20/2018

Verliebt in den neunten Bezirk

U-Bahn Rossauer Lände – Seegasse – Palais Liechtenstein – Strudlhofstiege – Währinger Straße: 2400 Schritte

Ich gehe über die Strudlhofstiege und habe mich gerade ein bisschen in den neunten Bezirk verliebt. Von der Rossauer Lände bin ich durch die Seegasse gegangen, wo hinter dem Pensionistenheim auf den Nummern 9-11 Wiens ältester jüdischer Friedhof verborgen ist. Der Friedhof, der Anfang des 14. Jahrhunderts eröffnet worden war, blieb unverändert, bis ihn die Nazis 1941 schleiften. Jüdische Zwangsarbeiter vergruben einen Teil der Grabsteine auf dem Zentralfriedhof. 280 wurden in den achtziger Jahren wiedergefunden und zurück an ihren ursprünglichen Ort gebracht. 1984 wurde der Friedhof neu eingeweiht, er kann wochentags zwischen 7 und 15 Uhr besucht werden.
Die Seegasse hatte bis ins 17. Jahrhundert Gassel allwo der Juden Grabstätte geheißen, später nur „Judengasse“, was zu Verwechslungen mit der gleichnamigen Gasse im 1. Bezirk führte. Seit 1862 trägt sie also den Namen Seegasse, weil es hier auch einmal einen Fischteich gab.
Apropos Fisch: Ein paar Häuser weiter befindet sich das feine Wirtshaus „Stomach“, das seit Jahrzehnten in einer ehemaligen Fleischerei einen guten Auftritt hat. Ich gehe auch dort vorbei und steuere die Porzellangasse an, wo ich erst links und dann rechts abbiege und mich am Palais Liechtenstein vorbei in die Liechtensteinstraße drücke, von der ich dann dem bescheidenen Wegweiser zur Strudlhofstiege folge.
Diese Stiege mit ihrer symmetrischen, harmonischen Anordnung ist natürlich als literarische Position in ganz Wien weltbekannt. Aber am Anfang ihres Ruhms stand nicht Heimito von Doderers Roman, sondern ein Bildhauer namens Peter Strudel – oft zu Strudl abgekürzt –, dem das Grundstück gehörte und der Ende des 17. Jahrhunderts auf seinem Strudelhof eine private Malerschule einrichtete, die bis zu seinem Tod 1714 betrieben wurde. Keine legendäre Apfel- oder Topfenstrudelherstellung, wie schade.
Erst 1907 wurde die heutige Boltzmanngasse mit der Liechtensteinstraße verbunden. Der Wiener Stadtbauamtsbeamte Theodor Johann Jaeger lieferte den Entwurf für die Jugendstil-Stiege, die aus Mannersdorfer Kalkstein errichtet und seither mehrmals renoviert wurde.
Doderer ließ seinen Roman dann in unmittelbarer Nähe der Strudlhofstiege spielen. Natürlich muss ich daran denken, an die Hauptfiguren Melzer, Stangeler, die Mary K. Auf dem ersten Absatz der Stiege sitzen ein paar junge Herren, die eine lustige Zigarette rauchen, und ich bleibe vor Doderers Gedicht „Auf die Strudlhofstiege“ stehen, das hier auf einer Steinplatte verewigt ist: „Wenn die Blätter auf den Stufen liegen/herbstlich atmet aus den alten Stiegen/was vor Zeiten über sie gegangen./Mond darin sich zweie dicht umfangen/hielten, leichte Schuh und schwere Tritte,/die bemooste Vase in der Mitte/überdauert Jahre zwischen Kriegen./Viel ist hingesunken uns zur Trauer/und das Schöne zeigt die kleinste Dauer.“ Die jungen Herren lachen über etwas Nebensächliches. Ich lache ein bisschen über sie und ziehe weiter Richtung Währinger Straße, noch ein bisschen mehr verliebt in den neunten Bezirk.

christian.seiler@kurier.at

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