freizeit | Gehen
20.01.2018

Tullns Egon Schiele

Bahnhof Tulln – Heinrich-Öschl-Gasse – Bahnhofstraße 48, Gasthaus Sodoma: 950 Schritte

Ich gehe durch die Baustelle, die demnächst der neue Bahnhof von Tulln sein soll, gerade aber so aussieht, als würde der Geburtsort Egon Schieles kalt abgetragen. Weil Ihr fragt: Ja, Egon Schiele, Sohn des Bahnhofsvorstands Adolf Schiele, kam 1890 hier zur Welt. Die Bahnhofswohnung, wo er aufwuchs, ist für Besucher geöffnet – wenn nicht gerade gebaut wird. Während diverse Ausstellungen in Wien darauf Bezug nehmen, dass Schiele vor exakt 100 Jahren – am 31. Oktober 1918 – gestorben ist, wird am Tullner Bahnhof darauf hingewiesen, dass er, um 28-jährig an der Spanischen Grippe umzukommen, 1890 hier geboren werden musste.

Unerschrocken wärmt sich Tulln am Glanz seines Künstlers. Nachdem ich mich durch Tiefgaragenausfahrten und Fahrradabstellflächen gewurstelt habe und endlich ans Freie komme, stehe ich folgerichtig in der Egon-Schiele-Gasse. Außerdem bemerke ich an einem Haus am Anfang der Heinrich-Öschl-Gasse, in die ich jetzt einbiege, auch ein dekoratives Abbild vom Kopf des Meisters, wie wir ihn von seinen Selbstporträts kennen: Es ist an der Fassade des Hauses angebracht.

Solcherart ermuntert, marschiere ich in Richtung Innenstadt, auch wenn diese nicht mein Ziel ist. Mein Ziel liegt in der Bahnhofstraße, in die ich nach etwa sieben Minuten gemessenen Schritts einbiege, rechts Wohnbauten, links Einfamilienhäuser, und nur ein dunkles Portal zieht mich magisch an, bevor ich ankomme. Dieses Portal gehört zu einem Laden, dessen Name treffsicher wie kaum ein anderer beschreibt, was den Kunden, der über diese Schwelle tritt und sich "ohne Anmeldung" ein Piercing verpassen lässt oder ein Beratungsgespräch für eine Tätowierung sucht, erwartet: Die Hütte heißt "Schmerzfabrik".

Ich aber suche genau das Gegenteil. Ich suche Ruhe, Entspannung, helle Freude. Ich suche gepflegte Unterhaltung, die dem Genuss des richtigen Glas Weißweins vor der Vorspeise entspringt, ich suche das zugewandte Lächeln des Wirtes, der, nachdem er mich mild dafür gerügt hat, dass ich um ein Alzerl zu lang nicht da gewesen war, wieder in seine Familie aufnimmt, tränkt und füttert. Grammelknöderl – das Diminutiv hat seine Berechtigung, weil die Chefin in der Küche mit Argusaugen darauf achtet, dass das Verhältnis zwischen Teig und Füllung stimmt –, gebackener Karpfen oder die Kalbsleber, und wenn es welche gibt, die Buchteln: klein, zart, mit aristokratischem Schmelz. Ah.

Dazu erzählt der Herr Sodoma seine Geschichten. Von welcher Reise er die Räucherwurst mitgebracht hat und von welchem Abstecher nach Italien den Barbera von Bartolo Mascarello. Dann will er wissen, wo ich während meiner unentschuldigten Abwesenheit gewesen bin, was ich gegessen und was ich dazu getrunken habe und ob die Reise eine Reise wert sei.

Und weil bei solchen Unterhaltungen das eine oder andere Glas getrunken werden muss, gehe ich später, viel später wieder zum Bahnhof zurück, Bahnhofstraße, Heinrich-Öschl-Gasse, Egon-Schiele-Gasse, und fahre mit dem Zug zurück nach Wien. So passt jeder Schritt am besten zum nächsten.