Thank you, grazie, merci!

Alexandra Klobouk…
Foto: /Alexandra Klobouk

Invalidenstraße – Untere Viaduktgasse – Kegelgasse – Hundertwasserhaus: 1200 Schritte.

Ich gehe über die Invalidenstraße und sortiere die Bedürfnisse des Tages. Dort drüben zum Beispiel stehen zwei junge Frauen, tief über eine Straßenkarte gebeugt, und versuchen diese zu deuten. Zwar kann ich nicht besonders gut Gedanken lesen, aber was die beiden suchen, weiß ich: Ich weiß es, weil ich praktisch jeden Tag von Menschen auf der Straße angesprochen werde, die mich mit großen, fragenden Augen anschauen und sich von meiner Antwort die Lösung eines schwierigen, nahezu unlösbaren Problems erwarten: Wo-bitte-ist-das-Hundert-Wasser-Haus?Ich sage dann routiniert: Dort in die Untere Viaduktgasse einbiegen, dann die dritte rechts, sie heißt: K-E-G-E-L-G-A-S-S-E, und dann nur noch straight – droit – dritto, und ihr seid da.Thank you, sagen die Touristen begeistert, merci, grazie, und dann ziehen sie los, noch immer ein wenig misstrauisch den Stadtplan musternd, den sie, sobald sie sich außer Sichtweite fühlen, zu drehen beginnen, ein Glück, dass der Stadtplan das mitmacht, weil mit dem Handy klappt dieses Drehen ja nicht, weshalb man oft genug Menschen sieht, die sich über Google Maps merkwürdig verrenken, weil ihnen die Interpretation des Straßenplans anders nicht gelingen will. Oft gehe ich selbst am Hundertwasserhaus vorbei, und ich staune über das Staunen, das dieses Haus seit vielen Jahren erweckt. Wann immer ich hier über die Berg- und Tallandschaften der Straßenbepflasterung gehe und mich in meiner Meinung bestärkt fühle, dass Straßen und Gehsteige aus gutem Grund waagrecht und gerade sein sollen, stehen hier Kohorten von Menschen auf Pflasterhügeln, um das Haus zu fotografieren, das bunt und von Bäumen und Sträuchern bewachsen ganz offenbar eine Sehnsucht bedient, nämlich die Sehnsucht nach einem anderen Wohnen, vielleicht näher an der Natur, vielleicht bunter, vielleicht weniger schuhschachtelmäßig, vielleicht aber auch nur anders, als es gerade ist: Aus diesem Stoff ist Sehnsucht bekanntlich gewirkt.Nein, schön finde ich das Haus nicht, und ich finde die Standeln mit Glumpert rundherum störend und die Hundertwasser-City, deren Betreiber den armen Touristen, wenn sie schon da sind, noch ein paar Scheine aus der Tasche ziehen, eine Ramschhölle. Aber was ich großartig finde, ist die Geschichte dieses Hauses, weil sie zeigt, auf welch riskante Entscheidungen sich die Politik vor ein paar Jahrzehnten noch einließ.Der Maler, Ökokünstler und Neigungsarchitekt Hundertwasser hatte den Auftrag nur erhalten, weil Bruno Kreisky im Fernsehen "Wünsch Dir was" gesehen hatte. In der damals populären Quizsendung war Hundertwasser aufgetreten und hatte über Dachbewaldung, Farben und Fensterrechte doziert, und Kreisky schrieb dem Wiener Bürgermeister Leopold Gratz kurz entschlossen einen Brief, er möge Hundertwasser doch machen lassen. 1985 war das Haus fertig, und inzwischen ist es eine der großen Attraktionen der Wiener Innenstadt. Wenn ihr den Weg nicht kennt: Nur ein bisschen verloren auf den Stadtplan schauen. Ich helfe dann.


 

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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