Schloss Neuschwanstein in Wien

Schloss Neuschwanstein in Wien
Matzleinsdorfer Platz – Wiedner Hauptstraße – Karlsplatz: 5500 Schritte

Ich gehe auf der Wiedner Hauptstraße Richtung Innenstadt, als ich von einem Typen angehupt werde. Sein Opel rollt aus der Schußwallgasse auf mich zu, die Musik, ziemlich wuchtiger Balkanpop, ist so laut, dass ich ein bisschen Angst um die Schüssel bekomme, aber dann macht der Fahrer das Fenster auf und ich höre, wie laut die Musik wirklich ist. Er schreit „He!“, sehr laut, damit er sich selbst hören kann, aber bevor ich mich noch wundern kann, was der Typ von mir will, höre ich auch hinter mir „HEEEE“. Abholservice aus der Shisha-Bar. Der Opel – voom-voom-voom – verschwindet.
In Gürtelnähe fehlen der Wiedner Hauptstraße, sagen wir, die Höhepunkte. Das Schaufenster eines ehemaligen Cafés ist zuplakatiert mit Einladungen zu Diavorträgen im Audimax („Island“/„Planet Wüste“/„Kanada und Alaska“), ansonsten künden Geschäfte für Druckertoner und Nagelstudios von aktuellen Bedürfnissen.
Die Wiedner Hauptstraße war eine essenzielle Verbindung zwischen der Wiener Innenstadt und der Triester Straße, also Österreichs Süden, gesäumt von Handwerk, Handel, Unterhaltung. Dieses Angebot ist seither ein bisschen schütterer geworden, aber  nicht ohne Reiz.
Zum Beispiel springt mir das Haus auf Nr. 108 ins Auge, das wie ein kleines Neuschwanstein in seine Baulücke gepresst wurde. Darin ist das Theater Scala untergebracht, ein freies Ensemble, das sich selbst „Theater zum Fürchten“ nennt. Ich weiß ja nicht. Ist Theater nicht eh schon viel zu oft zum Fürchten?
Das Haus ist ein Werk des Architekten Friedrich Kleibl, dem es ein Anliegen war, „altdeutsche“ Stilelemente in seine Zeit zu übersetzen (mit Neuschwanstein liege ich also gar nicht so falsch).
Allerdings geht die wahre Geschichte ein bisschen tiefer, stand doch zwischen Neuschwanstein und dem ebenfalls türmchenbewehrten Wohnhaus auf der anderen Straßenseite bis zum Jahr 1965 die Alte Pfarrkirche Matzleinsdorf. Der hübsche Barockbau befand sich genau in der Mitte der Wiedner Hauptstraße und wurde von besagten Hausfassaden – wie soll ich sagen? – stilgerecht eingerahmt. Die Fahrbahnen der Wiedner Hauptstraße schlängelten sich an beiden Seiten von St. Florian vorbei – bis es den Stadtplanern zu bunt wurde. Gegen den Widerstand der Bevölkerung wurde die alte Matzleinsdorfer Pfarre abgerissen und durch ein Sechzigerjahr-Stahlbetongebäude im Missoni-Look ersetzt. Neuschwanstein hat dadurch ein bisschen was an Legitimation verloren.
Ich gehe weiter, aus dem Untergrund kommen die Schienen der Straßenbahnlinien 1 und 62 ans Tageslicht, Sozialversicherungsanstalt, Wirtschaftskammer, eine Aida links, das altehrwürdige Café Wortner rechts, ein Geigenbauer, wo der Chef im weißen Mantel im Schaufenster sitzt und Cello übt, der eine oder andere vegetarische Imbiss, der so aussieht, als wäre er direkt aus Berlin eingeflogen worden, schließlich die neue Aida, wo früher der Hutmacher P. & C. Habig im Hoflieferantengeschäft ordinierte. Dort kaufe ich mir für 1,10 Euro einen Punschkrapfen so groß wie eine Praline – ja, ich bin am Ziel, zweifellos.

christian.seiler@kurier.at

freizeit für daheim
Die Original-Illustrationen zur „Gehen“-Kolumne kann man jetzt auch kaufen! Alle Infos auf https://alexandraklobouk.com

Kommentare