freizeit | Gehen
01.07.2017

„Ich liebe Bahnhöfe“

1.200 Schritte: vom Eingang Favoriten kreuz und quer zum Eingang Innenstadt. Eine Suche nach dem "dritten Ort".

Ich gehe durch den Wiener Hauptbahnhof und bin verzweifelt. Es ist noch nicht lange her, dass ich immer wieder den „Bahnorama“-Holzturm an der Sonnwendgasse hinauf gefahren bin, um die spektakuläre Rodung des ehemaligen Südbahnhof-Geländes aus der Vogelperspektive zu betrachten und dem Wiederaufbau beim Werden zuzusehen. Die Pläne des Zürcher Architekten Theo Hotz gefielen mir, jedenfalls auf den ersten Blick, und weil ich mir einen schüchternen Optimismus zum inwendigen Leitmotiv gemacht habe, freute ich mich, als die ersten Rauten des Bahnhofsdaches in die noch öde Stadtlandschaft gestemmt wurden.

Ich liebe Bahnhöfe. Sie sind, wie es der Soziologieprofessor Ray Oldenburg in seinem Buch „The Great Good Place“ formulierte, „dritte Orte“. Damit bezeichnete Oldenburg Plätze, an denen Menschen verweilen, obwohl sie weder an ihrem Arbeitsplatz noch zu Hause sind. Den Friseur; die Buchhandlung; das Kaffeehaus.

Bahnhöfe sind klassische dritte Orte. Ihre Hallen, in deren Wänden das Sentiment der gesammelten Abreisen und Ankünfte magnetisch gespeichert ist, haben schon immer Menschen empfangen, die vom Fernweh geplagt werden oder in Gesellschaft allein sein wollen.

Der Wiener Hauptbahnhof empfängt nicht. Er begnügt sich damit, auf Luftbildern spektakulär auszusehen. Großzügigkeit ist ihm fremd. Er will seinen Besuchern das Geld aus der Tasche ziehen. Auf zwei Ebenen sind die Aufgänge zu den Gleisen mit Shops zugepflastert. Es blinkt und es schreit: Sonderangebot hier, Spezialpreis da, wie in einem drittklassigen Kaufhaus (was im Grunde ja die zutreffende Beschreibung ist). Ich komme von der Favoritner Seite, wo die ÖBB in einem Slim-Fit-Glaspalast ihr neues Hauptquartier bezogen hat. Von hier sieht der Hauptbahnhof unscheinbar, fast ärmlich aus. Gerade ein paar Taxis warten auf Kunden. Ich durchquere zuerst die obere Ebene mit ihren Zeitungs- und Fastfood-Läden, fahre dann einen Stock tiefer und komme in einem Einkaufsparadies an, dessen Leere bloß von den Luxusboutiquen im „Goldenen Quartier“ übertroffen wird. Wer hier in aller Ruhe einen Meditiationsworkshop veranstalten will – nur zu, gute Idee.

Ich will mich nicht darüber beschweren, dass die Anschlüsse der Öffentlichen Verkehrsmittel so weit von den Gleisen entfernt sind (viele Reisende steigen deshalb am Bahnhof Wien-Meidling in die Schnell- oder U-Bahn um, wo das viel flotter geht), auch wenn das kein Ruhmesblatt für die Planer ist. Ich beschwere mich darüber, dass der neue Wiener Hauptbahnhof keine Halle hat, keinen „dritten Ort“, kein Angebot an Menschen, die beim Abreisen oder Ankommen etwas spüren wollen, nicht nur etwas kaufen.

Stimmt schon, der dem vierten Bezirk zugewandte Bahnhofsvorplatz hat gewisse solche Qualitäten. Aber hat denn niemand gewusst, dass direkt neben dem Bahnhofseingang ein Glaspalast namens „The Icon“ in die Höhe wachsen wird, der dem Hauptbahnhof optisch nicht nur Konkurrenz macht, sondern ihn zum Verschwinden bringt?

Vielleicht, denke ich mir beim Gehen, ist das ja das Beste.