freizeit | Gehen
01.12.2018

Geschenke für meine Lieben

Judenplatz – Petersplatz – Domgasse – Schleifmühlgasse: 4200 Schritte

Ich gehe heute eine Runde durch die Innenstadt, weil ich Geschenke für meine Lieben einkaufe und genau weiß, wo ich was bekomme. Dieses Wissen verleiht meinem Schritt die Sicherheit und Autorität eines Erwachsenen. Man weicht mir aus. Man bewundert mein Selbstbewusstsein. Vielleicht wundert man sich auch nur über den langen Typen, der mit einem Tempo durch die Wiener Innenstadt schreitet, als hätte er gerade bei Heiner auf der Wollzeile zwei Grillage-Schifferln abgestaubt, ohne zu zahlen.
Zuerst hole ich mir im Audio Center auf dem Judenplatz die schönste Platte dieses Herbstes. Sie stammt von Paul Weller und heißt „True Meanings“. Nach Jahren des qualifizierten Krachmachens hat Weller auf diesem Album seine überragende Fähigkeit wiederentdeckt, Melodien ohne Ablaufdatum zu schreiben. Mein Lieblingslied heißt „Aspects“, der Refrain hat etwas Ewiges wie der Lauf des Wassers: „As long as/The wind blows/The tide flow/Along/Under the blue sky/On a new wave/In a new world/Today“. Erhebend.
 Dann marschiere ich über die Tuchlauben zum Petersplatz und hole mir beim Champagnerkontor namens „Le Cru“ eine Flasche Agrapart Terroirs. Dieser Champagner hat so viel Esprit und Witz, dass alles Affektierte, was den Schaumweingenuss manchmal begleitet, augenblicklich verschwindet und nur der Genuss des eleganten, unterhaltsamen Getränks übrig bleibt.
Wer zum Beispiel glaubt, dass die Supermarktchampagner wirklich diesen Namen verdienen, soll zehn Euro drauflegen und diesen Wein probieren. So wie Musik hören, nachdem man die Ohrenstöpsel rausgenommen hat. Vom Petersplatz marschiere ich durch die Gassen abseits des Grabens Richtung Stephansdom, wo ich einen großen Haken schlage und über Umwege in die Domgasse in meine Lieblingsbuchhandlung 777 komme, wo ich mir zwei Lieblingsbücher dieses Jahres hole, um sie zu verschenken: Éric Vuillards fantastische Geschichtsmontage „Die Tagesordnung“, wo auf engstem Raum – das Buch hat gerade einmal 120 Seiten – das Verschwinden Österreichs 1938 beschrieben wird, aber mit der Wucht eines Epos. Mein zweites Lieblingsbuch des Jahres: Maxim Billers Roman „Sechs Koffer“, eine Familiengeschichte von unaufhaltsamer Sogkraft. Biller ist sowieso der musikalischste Autor, den ich kenne. Seine Sätze zu lesen, ist wie tanzen.
Jetzt muss ich nur noch einen Blumenstrauß haben, und weil es etwas Besonderes sein soll, gehe ich mit meinem autoritären Schritt auf verschlungenen Wegen zuerst zur Oper, vorbei an Secession und Naschmarkt in die Schleifmühlgasse 4 und suche dort die Blumenhandlung „Blumenkraft“ auf. Dieser Besuch lohnt sich allein des Besuchs wegen, weil ich keinen anderen Ort in Wien kenne, wo großzügig drapierte Blumen, Äste und andere Gewächse auf Schönheit hinweisen, wo man sie landläufig einfach nicht vermuten würde. Karge Äste verströmen, richtig kombiniert, plötzlich elegante Purezza, exotische Stängel sind pure Poesie, und ein Stück Moos bekommt die Bedeutung eines Schmuckstücks. Hier ist ein Ort, um Schönheit zu lernen.

christian.seiler@kurier.at

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