Friedhof-Fantasien

Alexandra Klobouk<br />
<br />
…
Foto: Alexandra Klobouk Alexandra Klobouk

St. Marxer Friedhof – Eingang – Mozartgrab – Serpentinenweg – Ausgang: 2400 Schritte

Ich gehe über den St. Marxer Friedhof und bin erleichtert. Der Weg hierher war laut und windig, er hat mich vierspurige Straßen und gierige Müllplätze entlang geführt, aber kaum trete ich durch das Tor aus roten Ziegeln, schweigt die Welt.
Nur ein paar Schritte, und ich werde mehr als 100 Jahre in eine ungewisse Vergangenheit zurück gebeamt. Vor mir erstreckt sich die zentrale Allee des Friedhofs, die leicht bergauf zu einem monumentalen Kruzifix führt. Von der Allee zweigen im rechten Winkel Wege ins Grün ab, denn dieser Friedhof erfreut sich einer lebendigen Vegetation. Seine Bäume sind alt und mächtig. Zwischen den Gräbern sprießen Sträucher. Im Frühjahr blüht hier unvergleichlich der Flieder, wie Ernst Molden in einem seiner schönen Lieder vom letzten Album „Yeah“ bestätigt.
Das verwitterte Grau der Grabsteine wirkt so selbstverständlich, als wären die Leben derer, an die sie erinnern sollen, nicht schon so lange vorbei, dass selbst ihre Kinder und Enkel keine frischen Blumen mehr bringen.
 Der St. Marxer Friedhof ist seit 1874 geschlossen, nachdem er hundert Jahre als „Comunaler Friedhof“ in Betrieb gewesen war. Er wurde überflüssig, als der Zentralfriedhof eröffnet wurde. Heute steht das wunderschöne Biedermeier-Ensemble unter Denkmalschutz, wofür wir uns beim großen Wolfgang Amadeus Mozart bedanken müssen, der hier begraben worden sein soll. Jedenfalls führt frisch aufgeschütteter, weißer Kies zur Mozart-Gedenkstätte, obwohl dessen Gebeine wahrscheinlich ganz woanders liegen. Trotzdem laden zwei Bänke dazu ein, ein bisschen zu rasten und leise die „Kleine Nachtmusik“ zu summen.
Friedhöfe zwingen mich zum Fantasieren. Nachdem ich Mozart begrüßt habe, stehe ich vor profanen Gräbern und stelle mir fremde Leben vor, über die ich gar nichts weiß. Wie hat der Hausinhaber und Gerichts-Sequester Wenzel Prohaska wohl gehaust? Im eigenen Haus vermutlich. Wie war es ums Auskommen der bürgerlichen Buchbinders-Gattin Magdalena Praschack bestellt? Sie hatte hoffentlich eine gute Rente. Hat der Erfinder der Nähmaschine, Joseph Madersperger, so bescheiden gelebt, wie das Metallkreuz suggeriert, das an ihn erinnert? Oder ist es aus nähmaschinenerem Gusseisen gefertigt, sinnfälliger Gruß vom Dies- ins Jenseits?
Irgendwie heiter stimmt mich erst das Grabmal des Privatiers Mathias Kadisch, der, wie die Grabinschrift verrät, „am 6. März 1863 in seinem 84. Lebensjahre nach glücklich verlebtem Alter tief betrauert von Kindern, Enkeln und Uhrenkeln sanft entschlafen ist“ (die Orthografie, liebe Besserwisser, entspricht dem Original).
Privatier: ein Beruf, mit dem ich mich anfreunden könnte. Ich hätte keine Sorgen, würde zum Beispiel, statt im Büro zu sitzen, meine Schuhe schnüren und ziellos durch die Stadt wandern, wohin es mich gerade treibt. Um mich an meine Spaziergänge zu erinnern, hätte ich ein Notizbuch dabei, in dem ich festhalte, was mir widerfährt, dabei würde ich alt und glücklich, mit Enkeln und Uhrenkeln. Schade, dass es so einen Beruf nicht mehr gibt.
 

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?