freizeit | Gehen
22.07.2017

Es ist ein gutes Ziel

Mentaalm – Jamtalhütte – Galtür: 21.000 Schritte.

Ich gehe das Jamtal bergauf, als Teil einer ziemlich großen Gruppe, unter der sich ein paar fulminante Köche befinden. Unser gemeinsames Ziel ist die Jamtalhütte, die auf mehr als 2.100 Meter Seehöhe liegt, und mein persönliches Ziel ist es, auf der Hütte etwas Anständiges zu essen, was sich mit dem Ziel der Organisatoren des „Kulinarischen Jakobswegs“ deckt, die uns auf diesen Weg geschickt haben.
Die Story: Es sind fünf Sterneköche aus fünf Ländern engagiert worden, sich Gerichte für Paznauner Hütten auszudenken. Meine Aufgabe besteht darin, gemeinsam mit vielen anderen Wanderern diese fünf Gerichte zu kosten.
Aber vorher muss ich bei der Hütte ankommen, und das Problem besteht nicht darin, dass der Weg zu anstrengend oder zu steil wäre, sondern dass dieses Tal einen einfach gestrickten Charakter wie mich schlicht überwältigt.
Oben, am Talschluss, hängt der Jamtalferner, ein muskelbepackter Gletscher, auch wenn er in diesem Sommer schon wieder ein bisschen abgenommen hat. Diesbezüglich haben es Gletscher dieser Tage gut, sie brauchen dafür keinen Jour fixe bei den Weight Watchers.
Dennoch zieht der Gletscher alle Blicke magnetisch an, jedenfalls meine. Und als ich nach zwei Stunden Aufstieg bei der Hütte ankomme, bin ich schon Mitglied im Alpenverein, wenigstens platonisch.
Es gibt dann Vorarlberger Schwarzwurst und einige intelligente Varianten von Schmorbraten in verschiedenen Verfeinerungsgraden (wer möchte, kann die Rezepte aller Gerichte hier nachlesen: www.trisanna-magazin.at/was-die-sternekoeche-auf-den-huetten-kochen). Mein Lieblingsgericht ist die knusprige Topinamburwurzel, die Konstantin Filippou mit Kräuterrahm, Chips und einem Bergkäseschaum zubereitet. Davon verzehre ich gleich zwei Portionen, ohne schlechtes Gewissen, weil ich längst entschieden habe, mir nicht nur beim Mittagessen ein kleines Supplement zu genehmigen, sondern auch beim Abstieg. Mein Ziel ist also nicht eines der bereitstehenden Taxis, sondern Galtür, drei Stunden entfernt.
Es ist ein gutes Ziel. Der Weg das Jamtal hinunter ist fast von melancholischer Schönheit. Die Kühe, vorwiegend Tiroler Grauvieh, haben es sich an diesem perfekten Sommertag in der Nähe des Gletscherbaches namens Gaffelar bequem gemacht. Manche stehen bis zu den Knöcheln im Wasser und grinsen so beglückt wie Micky Maus’ Freundin Klarabella, wenn sie endlich einmal auf eine Party eingeladen wird.
Es ist laut und es ist still, interessante Mischung. Einerseits macht Gaffelar so einen Lärm, dass ich nicht einmal den Hubschrauber höre, der das Tal überfliegt. Andererseits rahmt das dröhnende Rauschen kontrapunktisch den märchenhaften Frieden, den diese Landschaft verströmt, und ich freue mich jeden Schrittes, den ich talwärts mache, besonders natürlich am Parkplatz der Mentaalm, wo eine Kuhherde sich zwischen die parkenden Autos sortiert hat, wahrscheinlich hatte sie Sehnsucht nach dem Stall.
PS: Tags drauf gehe ich schon am frühen Vormittag von Mathon auf die Friedrichshafner Hütte. Dort gibt es den ganzen Sommer lang Konstantins gebackene Pastinake.