Ein Baumtisch in Kaisermühlen

Ein Baumtisch in Kaisermühlen
U-Bahn Kaisermühlen – Carl-Auböck-Promenade – Leonard-Bernstein-Strasse – U-Bahn Kaisermühlen: 1800 Schritte

Ich gehe die Carl-Auböck-Promenade entlang und zerbreche mir den Kopf, wem es wohl eingefallen sein mag, dieses schnurgerade Windloch in der Donau-City nach dem Designer zu benennen, dessen bekanntestes Werkstück der „Baumtisch“ ist. Dabei handelt es sich um schräg geschnittene Platten aus dem Stamm alter Bäume, die an der Oberfläche glatt gehobelt sind, aber mit dem Rest ihres Volumens eine ganz individuelle Geschichte erzählen, samt Furchen, Verwachsungen und Löchern, vom Designer heiter auf drei Messingstützen gestellt.
Ich erinnere mich daran, wie oft ich am „Lichterloh“, dieser designmäßigen Spielzeughandlung in der Gumpendorfer Straße vorbeiflaniert bin und mir an den Schaufenstern die Nase platt gedrückt habe, um den einen oder anderen Baumtisch zu bewundern. Dass deren Schöpfer Carl Auböck mit seinem Fingerspitzengefühl für natürliche Formen und Dimensionen nun ausgerechnet zwischen dem Strabag-Hochhaus und dem Donaupark eine Straße gewidmet wird, in einer nahezu vollendeten Stahl-Beton-Glas-Wüste!
Ich gehe Richtung Donaupark, der Wind bläst mir entgegen. Auböck (1900-1957) hatte die Bauhausmoderne nach Österreich gebracht, das von ihm übernommene Familienunternehmen war erfolgreich und prägte den Stil vieler Fünfzigerjahr-Haushalte. Auböck bekam für seine Designs zahlreiche Auszeichnungen, und bis heute werden von der „Carl Auböck Kollektion“ Werkstücke hergestellt und verkauft.
An der Leonard-Bernstein-Straße drehe ich um. Die Promenade führt jetzt schnurgerade auf das Hochhaus „Neue Donau“ von Harry Seidler zu, das mit seinem gigantischen Segel am Dach das hervorstechende Gebäude an der Auffahrt zur Reichsbrücke war, bis der DC-Tower von Dominique Perrault höher, schwärzer und schöner als alle Häuser der unmittelbaren Umgebung wurde.
Ich stelle mir jetzt einen überdimensionalen Baumtisch vor, wie er die graublaue, aseptische Architektur dieser Promenade alt aussehen lässt, aber leider habe ich gerade keinen zu Anschauungszwecken dabei. Außerdem geht mir die Tatsache durch den Kopf, dass Carl Auböck als früher Sympathisant und „alter Kämpfer“ des NS-Regimes nach dem Zweiten Weltkrieg ein halbes Jahr in Haft gewesen war, und dass die „Historikerinnen-Kommission“, die im Auftrag der Stadt Wien zwischen 2011 und 2013 sämtliche Straßennamen einer kritischen Würdigung unterzog, im Fall von Carl Auböck „Diskussionsbedarf“ anmeldete.
Jetzt pfeift der Wind von hinten. Die Bäume, die hier gepflanzt wurden, sind winzig gegen die hoch aufragenden Glas- und Wohnhausfassaden. Vielleicht, denke ich mir, ist es ja eine ganz spezielle Pointe, dass an den zweifellos großen Designer an einem Ort erinnert wird, wo sich jedes Werkstück aus seiner Hand ästhetisch eingesperrt fühlen muss. Erinnerung hat bekanntlich viele Dimensionen.
„Diskussionsbedürftige“ Straßennamen werden durch kleine Erläuterungstafeln zur Person, nach der sie heißen, vervollständigt. Aber dass die Architektur der Stadt selbst ästhetische Anmerkungen gibt, das ist eine neue, sarkastische Dimension.

christian.seiler@kurier.at

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