freizeit | Gehen
08.04.2018

Durch Prag schweben

Dlouhá – Husova – Náplavní – Jiráskuv most – Vítezná – Karluv most: 9.800 Schritte

Ich gehe über die Karlsbrücke, Karlův most, wie sie in Prag heißt. Es ist spät, und ich befinde mich in einem merkwürdigen Schwebezustand, obwohl es schwierig ist zu schweben, wenn man gerade so viel Fleisch zum Abendessen gegessen hat wie ich: Tatar, Pastrami, jede Menge Roastbeef. Das Tüpfchen auf dem i waren freilich die gebackenen Schinkenrollen, die auch schon Helmut Kohl im „u Zlatého tygra“, dem Haus Zum Goldenen Tiger, so gern zur Nachspeise nahm.
Trotzdem schwebe ich. Vielleicht sind es die drei Bier, die ich trank, weil sie mir auf den Tisch gestellt wurden. In den Prager Bierlokalen musst du dem Kellner ja eine stichhaltige Begründung liefern, warum du kein Bier mehr willst. Vielleicht ist es aber auch nur die Zauberhand des Frühlings, der wissen lässt, dass wir nicht mehr lange auf ihn warten müssen. Vielleicht ist es auch der nostalgische Atem, der durch die Straßen der Prager Altstadt weht, der Blick in pittoreske Hinterhöfe und ziemlich zeitgenössische Schaufenster – habe ich von den beiden Metzgereien erzählt, von denen ich immer noch träume?
Die erste heißt Naše maso, und du kannst dir irgendein Stück Fleisch oder eine Wurst aussuchen, die in der Vitrine liegen und kriegst sie subito zubereitet, mit Senf und Brot. Das Bier dazu zapfst du selbst, es kommt aus der Wand. Die zweite heißt „The Real Meat Society“, dort schneiden sie dir zu Mittag ein frisch eingebratenes Stück Schweinsbraten auf die leicht angetoastete Semmel – siebter Himmel. Wenn du dann so gerührt dreinschaust wie ich, gibt es zur Belohnung noch ein Stück Bratenkruste gratis.
Die „Meat Society“ ist ein extraterrestrisches Stück Prag. Die Metzgerei ist so schick, dass sie auch in London oder New York nicht auffallen würde. Passt ganz gut zum „Tanzenden Haus“ auf der anderen Straßenseite, das der Dekonstruktivist Frank Gehry ans Ufer der Moldau gepflanzt hat, spektakulär, aber irgendwie fehl am Platz.
Auf der Jiráskuv most, einer sachlicheren Schwester der Karlsbrücke, überquere ich die Moldau, um am Kleinufer entlang zum Café Savoy zu schlendern. Auch dieses prächtige Café ist ein kleines Wunder. Es tritt den Beweis an, dass klassische Kaffeehäuser guten Kaffee herstellen können. Würde die Gilde der Wiener Kaffeesieder demnächst eine Exkursion nach Prag unternehmen? Bitte!
Durch das Barocklabyrinth hinter dem Kampa Park, dann endlich auf die Karlsbrücke, den Krönungsweg der böhmischen Könige, Weltkulturerbe, Touristenmagnet. Die Brücke ist tatsächlich so klischeehaft schön, wie ich sie in Erinnerung hatte. Der fast volle Mond drängt durch die feuchten Wolken. Die Heiligenstatuen, die prunkvoll im Schatten stehen, bekommen, wenn ich sie aus dem richtigen Winkel betrachte, eine dramatische Aureole. Weder die anderen Nachtschwärmer stören, noch die angestrengte Dixielandkombo, die ihr Programm gerade mit dem St. Louis Blues beschließt.
Es sind bekanntlich nur die Augenblicke, die zählen. Diesen hier rahme ich mir ein und nehme ihn mit nach Hause, für immer.

christian.seiler@kurier.at