freizeit | Gehen
28.04.2018

Das Wissen des Fußgängers

Reichsbrücke – Lassallestraße – Venediger Au: 2400 Schritte

Ich gehe, wo Fußgänger eigentlich gar nicht vorgesehen sind, von der Reichsbrücke Richtung Praterstern. Die sechsspurige Stadtautobahn mit links und rechts applizierten Gehsteigen heißt heute Lassallestraße. Früher führte hier eine Allee durch einen Wald ans Ufer der Donau, wo nach dem Durchstich ein städtisches Strombad errichtet wurde, gleich neben der neuen Kronprinz-Rudolf-Brücke, der späteren Reichsbrücke. Diese Allee trug im 19. Jahrhundert den Namen Schwimmschulallee, dann wurde sie in Kronprinz-Rudolf-Straße umbenannt, bis im Jahr 1919 der Wiener Gemeinderat entschied, der von Pferde- und Straßenbahnen vielbefahrenen Verbindung den Namen Lassallestraße zu geben.
Passenderweise gehe ich gerade vorbei an dem mächtigen Gemeindebau, der die Straße mit seiner schieren Größe, aber auch der gestalterischen Wucht seiner Architektur prägt: Er heißt Lassalle-Hof und trägt – ein vergleichsweise bescheidenes Schild weist darauf hin – seinen Namen als Erinnerung an den deutschen Rechtsgelehrten und Schriftsteller Ferdinand Lassalle (1825-1864), der die sozialdemokratische Bewegung in Deutschland begründet hat. Das war natürlich der Grund, warum während der Nazizeit die Lassallestraße in Reichsbrückenstraße umbenannt wurde.
Der Lassalle-Hof stammt aus der Zeit, als Gemeindebauten Stein gewordene politische Manifestationen waren und Architekturen, an denen der Glaube an bessere Zeiten abgelesen werden sollte. Im Erdgeschoß befanden sich ein Kindergarten, eine Bibliothek, ein Parteiheim, eine Niederlassung des Arbeitersamariterbunds. Darüber wächst ein achtstöckiger Turm in die Höhe, auf den ein eleganter Glaspavillon aufgesetzt war.
Was in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunders als nördliches „Einfahrtstor“ in die Stadt gedacht war, ist heute nur ein Schatten seiner selbst. Nach Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg ist der Hof 1949 noch einmal aufgebaut worden. Aber jetzt geben ihm die Glumpertgeschäfte, Säuferlokale, Spielsalons, der Autolärm den Rest.
Der Optimismus von damals  ist einer urbanen Wurschtigkeit gewichen. Die Luft ist schlecht. Schon nach ein paar Minuten Fußmarsch, in denen ich unzähligen Autos beim Anfahren, Stehenbleiben, Durchstarten, Weiterfahren zugesehen habe, schießt mir die Erinnerung an den Geruch ein, der Städte wie Budapest oder Ostberlin geprägt hat, als dort noch die Zweitakter aus eigener Produktion unterwegs waren.
Ich lasse den Lassalle-Hof hinter mir, gehe an einem rumänischen Feinkostgeschäft vorbei, dessen Regale halbleer sind, und betrachte jetzt die Neubauten auf der gegenüberliegenden Seite. Sie stammen aus der Zeit, als nicht mehr Wohnbauten, sondern Firmengebäude die Repräsentationspflichten übernahmen. Der Beginn der Lassallestraße wird von den postmodernen Monumentalbauten Wilhelm Holzbauers geprägt, denen man ihr vergleichsweise geringes Alter jedoch vergleichsweise deutlich ansieht.
An der Ecke zur Venediger Au biege ich ab, Richtung Prater. Manchmal erfährst du als Fußgänger mehr, als du wissen willst.

christian.seiler@kurier.at