freizeit | Gehen
03.11.2018

Das liebloseste Stück in Wien

U-Bahn Erdberg – Nottendorfer Gasse – Baumgasse – Franzosengraben – Anne Frank Gasse – Leopold Böhm Gasse – Marxhalle – Viehmarktgasse: 3200 Schritte

Ich gehe vom Erdberger Busbahnhof, der ein ganz besonderes Stück Wien ist – Abschiedsschmerz, Ankunftsfreude, Abgase, Autobahnlärm, Zwielicht, Pizzaduft – Richtung Schlachthof. Natürlich gibt es das Stadtviertel Schlachthof nicht mehr. Es gibt nur ein paar historische Hinterlassenschaften und Geschichten, die aus einer Zeit stammen, als hier ein ganzer Stadtteil dem Schlachten und Verwerten von Rindviechern und Schweinen gewidmet war.
Ich gehe die Nottendorfer Gasse entlang, passiere das Bundesverwaltungsgericht, das in einem Siebzigerjahrekomplex der Marke „Gut-dass-sowas-nicht-mehr-gebaut-wird“ untergebracht ist und bleibe kurz stehen, um rechts in die unansehnliche Sackgasse zu schauen, die nach der Speerwerferin Herma Bauma benannt ist. Wenn das der Dank für eine Goldmedaille bei Olympischen Sommerspielen ist, denke ich mir, dann hätte ich an Hermas Stelle lieber auf Eiskunstlauf umgesattelt.
Ich biege in die Baumgasse ein. Urbane Steppe. Unter der Südosttangente durch, am Glasstahl-Ufo der ÖAMTC-Zentrale vorbei gehe ich Richtung Arena, zum ehemaligen Schweineschlachthof, dessen Mauern außen mit bunten Graffiti verziert sind. Hier ist seit den späten Siebzigerjahren ein Kulturzentrum und Veranstaltungsort untergebracht, Folge der legendären Arena-Besetzung 1976, wobei ich mir gerade erst erklären ließ, dass gar nicht dieser Teil des sogenannten Inlandsschlachthofs besetzt war, sondern der viel größere Auslandsschlachthof auf der anderen Seite des Franzosengrabens.
Dort ist von der wunderbaren Industriearchitektur des Stadtbaumeisters Friedrich Jäckel nichts mehr zu sehen. Der Auslandsschlachthof ist einem Mix von Logistik und Großhandel gewichen, ich umrunde das Karree bis zur Modecenterstraße und gehe auf der Döblerhofstraße zurück Richtung St. Marx, vorbei an einem Blockhaus mit dem sprechenden Namen „Würstelmausi“, zu vermietenden Büroflächen und einem Riesenbilla. Vor der Autobahnauffahrt St. Marx fällt mir eine kleine, schmucklose Gasse auf, die nach links abbiegt, am breiten Rücken eines Hofer-Markts vorbei, nicht breiter als einer der fetten SUVs, von denen hier so viele unterwegs sind, Wegweiser auf Plakatwänden wissen, dass es zum OBI St.Marx geht und zur MGC Messe. Das ist die Anne-Frank-Gasse, und wenn ich einen Preis für die Vergabe eines Straßennamens an das hinterletzte, liebloseste Stück Wien vergeben müsste, dann würde ihn die Straßennamenvergabekommission für die Anne-Frank-Gasse bekommen.
Ich gehe jetzt die Leopold-Böhm-Gasse entlang, die auch nicht schöner ist. Aber Leopold Böhm, Modeunternehmer und Austria-Wien-Gönner, war auch nicht Anne Frank. Im urbanen Dschungel schlage ich mich nach Neu-Marx durch, gehe der wunderbaren Marxhalle entlang zur Viehmarktgasse, wo neben den Hallen von Puls4 die beiden denkmalgeschützten Rindviecher stehen, die einst das Tor zu diesem Schlachthofstadtteil bewachten. Zwei mächtige Stiere, modelliert von Bildhauer Anton Schmidgruber. Sie sind das schönste, was ich auf dieser Wanderung zu sehen bekomme.

christian.seiler@kurier.at

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